Zeugen Jehovas geschädigt: Ein Luzerner hat für einen Sekten-Treff gesammelt, aber sich selber bereichert

Ein einst ranghoher Zeuge Jehovas hat Glaubensbrüder hinters Licht geführt und 1,2 Millionen Franken ergaunert. Nun ist er vom Luzerner Kriminalgericht rechtskräftig verurteilt worden.

Evelyne Fischer
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Vertrauen und Verkaufstalent markierten die Eingangspforten zu einem Leben voll von krimineller Energie: Ein Luzerner aus der Region hat sich von Lüge zu Lüge gehangelt. Über Jahre. Das Resultat: 17 Geschädigte und eine Deliktsumme in der Höhe von 1,2 Millionen Franken.

Unter anderem wegen Betrug, Urkundenfälschung und Misswirtschaft ist der 53-Jährige nun vom Luzerner Kriminalgericht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt worden – wovon er 12 Monate absitzen muss. Für die restlichen 24 Monate wird dem dreifachen Familienvater bei einer Probezeit von zwei Jahren der bedingte Vollzug gewährt. Das nun veröffentlichte Urteil ist rechtskräftig.

Er genoss als Zeuge Jehovas besonderes Ansehen

Eine wichtige Rolle spielt seine religiöse Gesinnung: Seit er sechs Jahre alt ist, gehört er den Zeugen Jehovas an. Bereits mit 27 bekleidete er in der Ortsgemeinschaft das Amt eines Ältesten. In der katholischen Kirche entspräche dies der Hierarchiestufe eines Priesters, heisst es im Urteil.

«In dieser Funktion war er für die Leitung der internen Schule und damit für die Lehrtätigkeit, das Predigen und Missionieren zuständig.»

Der Mann habe daher «besonderes Ansehen und erhöhtes Vertrauen» genossen.

Mehrmals gelang es dem Luzerner dadurch, innerhalb der Sekte an Geldgeber zu kommen. Mal suchte er ein Darlehen für die Fassade des sogenannten Königreichssaals, mal wollte er jene Immobilie, die nur zu einem Teil der Glaubensgemeinschaft gehörte, ganz erwerben. Das Geld floss – aber nie in die besagte Liegenschaft. Vielmehr nutzte der Mann die Mittel, um alte Darlehen zurückzuzahlen und insbesondere den Lebensunterhalt seiner Familie zu bestreiten. Weil er die Darlehen jeweils privat aufnahm, erfolgte keinerlei Kontrolle.

Erwähnenswert: 2001, als die ersten, mittlerweile verjährten Straftaten begannen, verdiente der Mann brutto über 10'000 Franken pro Monat. Gleichzeitig hatte er bereits 60'000 Schulden angehäuft – warum, geht aus dem Urteil nicht hervor. 2004 gab es erste Zweifel am Vorgehen des Mannes. Dank Ausreden und weiteren Lügen dauerte es aber noch vier Jahre, bis er das Amt des Ältesten niederlegen musste.

Fingierte Firmenprospekte, gefälschte Kontoauszüge

Dies hinderte den Mann nicht daran, 2009 wieder bei den Zeugen Jehovas anzuklopfen. Er wollte sich selbstständig machen und fand erneut Sektenmitglieder, die seine Geschäftsidee unterstützten. Seine Masche: leere Versprechungen, fingierte Firmenbroschüren, gefälschte Kontoauszüge, erschlichene Beurkundungen.

Erst 2013 erstattete ein Geldgeber Strafanzeige. Noch während der damaligen Ermittlungen ging bei der Staatsanwaltschaft 2015 gegen den Beschuldigten im Rahmen seiner Tätigkeit für eine andere Firma eine weitere Strafanzeige ein. Simon Kopp, Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagt:

«Das Vorverfahren ist hängig. Vorgeworfen werden ihm unter anderem Betrug und Misswirtschaft. Es gilt die Unschuldsvermutung.»

Das Leben als Zeuge Jehovas war für den Beschuldigten wohl Fluch und Segen zugleich. Aufgrund seines Status innerhalb der Sekte hielt es niemand für nötig, seine Angaben zu überprüfen. Ehrlichkeit entspreche zudem «einer der grundlegenden Werthaltungen der Zeugen Jehovas», heisst es im Urteil. Ein Missbrauch schien unmöglich. Er habe das Vertrauen, das «ihm als Freund, Nachbar, Geschäftspartner oder Arbeitgeber entgegengebracht wurde, und das Ansehen, welches er bei den Zeugen Jehovas genoss, schamlos, massiv und auf perfide Art und Weise» ausgenutzt.

Andererseits habe der Mann wegen des engen «Korsetts der Gemeinschaft» sein Problem nicht zugeben können. Er habe sich nicht getraut, die Wahrheit zu sagen. 2011 wurde der Beschuldigte aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen – vier Jahre später wurde er wieder aufgenommen. Ob er heute noch dazu gehört, geht aus dem Urteil nicht hervor.

Die Gemeinde Nottwil ist unter den Geprellten

Eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, davon zwölf Monate unbedingt; eingezogene Vermögenswerte in der Höhe von fast 180'000 Franken, Verfahrenskosten von mindestens 30'000 Franken und Schadenersatzforderungen von über 800'000 Franken zuzüglich Zins: Der verurteilte Luzerner Darlehensbetrüger, der seit 2018 im Kanton Zug angestellt ist, steht vor einem finanziellen Scherbenhaufen.

Unter den Geprellten finden sich nicht nur viele Mitglieder der Zeugen Jehovas, sondern auch die Gemeinde Nottwil: Im Zuge des Altersheimneubaus Eymatt erteilte der Gemeinderat der Firma des findigen Geschäftsmanns 2010 den Zuschlag für eine Schwachstrominstallation. «Das Gesamtvolumen für die Vergabe belief sich auf gut 330'000 Franken, mit dem Lieferanten wurde eine erste Akontozahlung von 40'000 Franken vereinbart», sagt Gemeindepräsident Walter Steffen auf Anfrage. «Die Firma kam ihrem Auftrag trotz mehrmaliger Mahnungen nicht nach.» Infolge des hohen Verwaltungsaufwandes und Mehrkosten von 10'000 Franken reichte die Gemeinde eine Privatklage in der Höhe von 50'000 Franken ein. «Aufgrund der wirtschaftlichen Lage des Beschuldigten dürfte eine Rückzahlung schwierig sein», sagt Steffen.

Man habe den Betrag im Rahmen des Gesamtprojektes von rund 14 Millionen Franken aufgrund von Minderaufwendungen zumindest teilweise kompensieren können. «Im Nachhinein ist man immer klüger», sagt der Gemeindepräsident. «Aufgrund der Empfehlung des damaligen Ingenieurbüros haben wir dieser Firma den Auftrag vergeben. Deren Bonität wurde im Vorfeld ungenügend abgeklärt.» Man habe daraus Lehren gezogen: «Bei allen nachfolgenden Projekten wurde ein Kostenplaner miteinbezogen, der die Ausgaben überwachte und die Anbieter prüfte. Die budgetierten Kosten wurden seither stets eingehalten oder gar unterschritten.»