ZHP: «Bibliothek nur Nebensache»

Bei den Neubauplänen des Kantons werde die Bibliothek vernachlässigt, kritisieren Architekten. Ihrem Boykottaufruf sind auch renommierte Architekturbüros gefolgt.

Hugo Bischof
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Der ZHB-Innenhof: Auch um dessen Zukunft geht es bei der Volksabstimmung am 28. September. (Bild Pius Amrein)

Der ZHB-Innenhof: Auch um dessen Zukunft geht es bei der Volksabstimmung am 28. September. (Bild Pius Amrein)

Noch gut eine Woche dauert es bis zur Abstimmung über die Erhaltung der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB). Wer am 28. September Nein sagt zur Initiative der Grünen, befürwortet damit indirekt einen möglichen Neubau anstelle der heutigen ZHB. Doch wie könnte dieser aussehen?

Eine Antwort darauf gibt es nicht. Der vom Gegenkomitee verteilte Flyer, auf dem ein viereckiger blauer Block einen Eindruck von einem möglichen Neubau geben soll, ist nur eine grafische Skizze.Warum gibt es keine realistische Neubau-Vision? Ein Grund dafür ist der Ende 2013 erfolgte Boykottaufruf der grossen Architektenverbände BSA und SIA gegen den vom Kanton geplanten Architekturwettbewerb.

«Städtebaulich nicht vertretbar»

Führend dabei war Norbert Truffer, Obmann der Zentralschweizer Sektion BSA (Bund Schweizer Architekten). Er betont nun aber: «Der Aufruf an unsere Mitglieder, nicht am Wettbewerb teilzunehmen, ist kein Denkverbot, wie das Gegenkomitee behauptet.» Es sei vielmehr so, dass «ein Neubauvorhaben in den vorgeschlagenen Dimensionen städtebaulich nicht vertretbar ist». Es sei an der Zeit, «endlich etwas klarzustellen», sagt Truffer. Heute rede man immer von einem ZHB-Neubau. Dabei sei dies falsch: «Es geht gar nicht um eine neue ZHB. Hauptprogramm ist ein neues Kantonsgericht. Die Bibliothek ist nur Nebensache. Die Neubau-Befürworter streuen den Leuten Sand in die Augen.» Für ihn ist klar: «Das Volumen des geplanten Neubaus ist viel zu gross. Der heutige Grünpark-Charakter des Vögeligärtlis, den Architekt Dreyer 1951 beim Bau der ZHB kreierte, würde dadurch zerstört.»

Truffer will im Zusammenhang mit dem Aufruf zur Nichtteilnahme am Wettbewerb nicht von «Boykott» reden. BSA-Mitglieder, die sich nicht daran hielten, würden sicher nicht sanktioniert, «vielmehr liegt der Teilnahmeverzicht als Juror oder Wettbewerbsteilnehmer in der Logik der Sache». Vertreter des Gegenkomitees sehen dies ganz anders. «Ungeheuerlich, noch nie da gewesen, eines demokratischen Landes wie der Schweiz unwürdig» sei dieses Vorgehen, kritisierten sie kürzlich. Sogar von «Diktatur» war die Rede.

Der Aufruf verfehlte seine Wirkung nicht. Mit Ausnahme von Walter Imbach, der sich dezidiert für einen «qualitätsvollen ZHB-Neubau» mit Kantonsgericht aussprach (Ausgabe vom 12. September), halten sich hiesige Architekten mit Kritik am Boykott zurück.

«Politisch sehr heikle Situation»

Gemäss Andrea Gmür-Schönenberger, CVP-Kantonsrätin und Mitglied des Gegenkomitees, wirkte der Aufruf sogar über die Kantonsgrenzen hinaus. Zum Beweis legte sie uns ein Schreiben des renommierten, in Basel domizilierten Architekturbüros Herzog & de Meuron vor. Dieses liess auf Anfrage Gmürs verlauten, es habe «leider nach sorgsamer Betrachtung entschieden, auf eine Teilnahme am Wettbewerb zu verzichten» – unter anderem mit Verweis auf die «politisch sehr heikle Situation».

Wie wichtig ist für die Kantonsrichter ein Umzug in einen ZHB-Neubau? Wir baten Kantonsgerichtspräsident Andreas Korner gestern um eine Stellungnahme. Solange die Frage der Unterschutzstellung der ZHB noch nicht geklärt sei, werde sich das Kantonsgericht zu einem allfälligen ZHB-Neubau nicht äussern, liess Korner über eine Mitarbeiterin mitteilen. Grundsätzlich begrüsse das Kantonsgericht «jeden geeigneten Standort in der Stadt Luzern».

Mehrkosten wegen Denkmalschutz?

hb. Die kantonale Denkmalkommission hat 2012 beantragt, die ZHB unter Denkmalschutz zu stellen. Der Antrag wurde aber wegen Einsprachen sistiert.

Cony Grünenfelder, was wäre bei einem Nein der Bevölkerung am 28. September höher zu gewichten – der Denkmalschutz oder der Volkswille zu Gunsten eines Neubaus?

Cony Grünenfelder: Diese Frage kann noch nicht so gestellt werden, da die Initiative zwar mit dem Errichten der Ortsbildschutzzone A den Schutz der ZHB verfolgt. Aber die Ablehnung der Initiative bedeutet auch noch nicht den Abriss. Erst in den weiteren Verfahrensschritten würde diese Frage definitiv geklärt. Denn auch ohne Annahme der Initiative kann die ZHB nicht einfach abgerissen werden. Es gelten weiterhin die Bestimmungen des Bau- und Zonenreglements.

Wäre bei einem Nein die Unterschutzstellung überhaupt möglich?

Grünenfelder: Aus fachlicher Sicht ändert das Nein zur Initiative die Beurteilung der Denkmalkommission nicht. Die ZHB ist im Verzeichnis der Kulturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgeführt; das Bundesamt für Kultur wird den weiteren Umgang mit der Bibliothek sicher weiter aufmerksam verfolgen.

Was passiert bei einem Volks-Ja am 28. September?

Grünenfelder: Eine Unterschutzstellung ist auch nach einer Annahme der Initiative richtig und wichtig.

Würde die Unterschutzstellung bedeuten, dass am Gebäude aussen überhaupt nichts mehr verändert werden könnte?

Grünenfelder: Ein Eintrag ins Denkmalverzeichnis bedeutet nicht das Überstülpen einer Glasglocke. Selbstverständlich sind bauliche Veränderungen auch an geschützten Denkmälern möglich. Dafür gibt es viele Beispiele, wie den St. Urbanhof in Sursee.

 

Aber müsste das bereitliegende Sanierungsprojekt dann nicht massiv abgeändert werden – mit zusätzlichen Kostenfolgen?

Grünenfelder: Nein, das Sanierungsprojekt ist als Siegerprojekt aus einem zweistufigen Wettbewerb hervorgegangen, der von der Denkmalpflege intensiv begleitet wurde.

Cony Grünenfelder, kantonale Denkmalpflegerin