ZIRKUS: «Ein Leben wie in einer Blase»

Zwei Luzerner machen jede Woche Kinder, Behinderte und Senioren zu Artisten. Doch das lustige Zirkusleben hat seinen Preis.

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Der Auftritt in der Manege muss geprobt sein: Philipp Meyer aus Nottwil studiert mit den Kindern eine Clown-Nummer ein. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Der Auftritt in der Manege muss geprobt sein: Philipp Meyer aus Nottwil studiert mit den Kindern eine Clown-Nummer ein. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Weg mit dem Plunder. Laura Vinatzer (28) kündigte vor zwei Jahren die 4-Zimmer-Wohnung in Luzern, die Möbel brachte sie ins Brockenhaus. Geblieben sind ein Schrank und eine Kommode. Sie lagern im Elternhaus in Reussbühl. Die studierte Sozialarbeiterin startete in ein neues Leben. Wunderplunder.
18 Wochen auf Achse

Fünf Frauen und fünf Männer zwischen 23 und 35 Jahren, ein halbes Dutzend Holzwagen, sechs Traktoren, ein Zirkuszelt und jede Woche rund 60 lachende Kinder: Das ist der Theaterzirkus Wunderplunder. 18 Wochen tourt das Team durch die Schweiz, jeden Samstag wechselt der Standort, jeden Montag beginnt der Zirkus von Neuem.

Innert fünf Tagen studieren Laura und ihre Kollegen mit den Teilnehmern eine Show ein. Meist sind es Kinder im Schulalter, aber auch Senioren oder Menschen mit Behinderungen, die in der Manege stehen. Gegen 200 Besucher schauen pro Vorstellung zu, wenn Oma vom Altersheim Purzelbäume schlägt oder die Kinder Feuer spucken.

10'500 Franken plus warme Dusche

Ein Donnerstag in Flumenthal (SO): Die örtliche Jungendarbeit hat den Zirkus während der Herbstferien ins 1000-Seelendorf geholt – 10 500 Franken kostet ein Engagement. Weitere Bedingung: Der Veranstalter muss Toiletten und Duschen zur Verfügung stellen. 70 Kinder aus der Region machen mit.

Laura sitzt mit Ilya (7), Zoe (7), Lilly (9) und Victoria (6) im Kreis, probt die Ansagen. Morgen ist die grosse Show, in wenigen Minuten die Hauptprobe. «Meine Damen und Herren, als nächstes kommen die wilden Tiere», sagt eines der Mädchen. «Super», meint Laura. «Aber ein bisschen lauter, damit das Publikum dich versteht.» Nun ist Ilya an der Reihe: «Ich weiss nicht, was ich sagen muss. Ich kann mir das nicht merken.» Die Kinder sind nervös, ein Mädchen hat Tränen in den Augen. Laura besänftigt. «Ihr schafft das. Ihr könnt das.» Das Selbstvertrauen der Kinder fördern, auch das ist Wunderplunder.

Es ist eine eigene Welt, in der Laura lebt. «Vom Weltgeschehen habe ich in den vergangenen Jahren nicht viel mitbekommen», sagt sie. Zu voll sei ihr Kopf, zu wenig Zeit habe sie. Nur manchmal, an einem Sonntag, dem freien Tag, fährt Laura nach Reussbühl zu den Eltern. Meist, wenn diese nicht zu Hause sind. Ein grosses Bad, eine Küche für sich alleine, viel Raum, Platz und Ruhe. «Manchmal brauche ich das.»

«Man muss ein wenig Idealist sein»

Abends fährt Laura zurück zum Spielort, bezieht ihre paar Quadratmeter im Holzwagen. Am Montag stellt sie den neuen Teilnehmern den Zirkus vor. Dienstag bis Donnerstag wird geprobt, dazwischen ein Theaterstück aufgeführt. Und am Freitag nach den Zirkusvorstellungen baut sie mit dem Team die Zelte ab, bevor am Samstag die Traktoren weiterziehen. «Meine früheres soziales Leben ist weitgehend eingestellt», sagt Laura. Hie und da kommen Freunde zu Besuch. «Aber viele habe ich schon lange nicht mehr gesehen.» Das Leben auf Achse hat seinen Preis.

1200 Franken im Monat verdient jeder – plus Kost und Logis. Den Lohn braucht Laura für die Krankenkasse, fürs Zugfahren und die Handyrechnung. «Man muss ein wenig Idealist sein, um das zu machen», sagt sie. Wer sich für ein Engagement im Theaterzirkus entscheidet, der vor 30 Jahren in Bern entstand, entscheidet sich gegen den Luxus.

«Unser Luxus ist, dass wir alles selber machen. Selbstbestimmt Leben. Das ist der Gegentrend zu einer immer spezialisierteren Berufswelt», sagt Philipp Meyer (34) aus Nottwil. Vor drei Jahren kam er nach einem Sozialanthropologie-Studium und einem halben Jahr auf einer Alp zum Zirkus. Ende Jahr hört er auf. Man könne nicht zehn Jahre so leben, sagt er. Darauf sei das Projekt auch nicht ausgelegt. Die ständige Erneuerung, Energie und Ideen der neuen Mitglieder: Auch das ist Wunderplunder. «Die Kinder freuen sich das ganze Jahr auf uns. Wir sind es ihnen schuldig, jede Woche mit vollem Enthusiasmus die Zirkusstimmung rüberbringen», sagt Philipp. «Das ist zwar schön, aber auch schön anstrengend.» Die Entschädigung dafür seien jede Woche unzählige berührende Momente. «Insgesamt ist es wohl der schönste und abwechslungsreichste Job, den ich mir vorstellen kann.»

Streitereien und Liebschaften

Laura, Philipp und die acht anderen führen den Betrieb in Eigenregie. Jeden Entscheid diskutieren sie im Küchenwagen. Egal, ob es sich um die Anschaffung von neuen Jonglierbällen handelt, oder um grössere Investitionen.

Sieben Tage die Woche auf engstem Raum – fünf Männer, fünf Frauen. Natürlich komme es auch zu Auseinandersetzungen, sagt Laura. Und natürlich hätten sich auch schon Beziehungen entwickelt. Es gebe schon Wunderplunder-Kinder. Aber nicht im aktuellen Team – gut die Hälfte hat zu Hause eine Partnerin oder einen Partner. Laura sagt: Eine Beziehung zu führen «sei herausfordernd unter diesen Umständen».

Jetzt gehts ins Winterquartier

Der Zirkus ist als Verein organisiert. Er finanziert sich durch Veranstalterbeiträge, Stiftungen, Firmen und den Gastspielen. Einen externen Vorstand gibt es nicht. «Jedes der 10 Aktiv-Mitglieder ist gleichberechtigt», sagt Laura. Wunderplunder sei ein eben ein Leben «ohne hierarchische Strukturen». Jeder im Team hat im Turnus Küchendienst, muss sich ums Büro kümmern, Licht und Technik machen. Der Zirkus ist auch eine Welt abseits der Realität. «Das Leben hier ist wie in einer Blase», sagt Philipp. Ähnlich einem Pfadilager oder wenn man auf Reise sei. Er habe Respekt vor dem Leben danach. «Hier ist jeder Tag geregelt. Nachher muss ich mir wieder selber Strukturen geben.»

Gestern Samstag endete die Tournee. Laura und Philipp beziehen nun auf einem Fabrikgelände in Burgdorf ihr Winterquartier. Sie wohnen weiter in den Holzwagen, jeder hat ein Abteil. In den kommenden Monaten planen sie das nächste Jahr, suchen Sponsoren, stellen den neuen Spielplan zusammen. Noch sind vier der 18 Spielwochen zu vergeben. Auch müssen sie ein neues Team suchen. Neben Philipp hören fünf weitere vom Team auf. Laura macht ein weiteres Jahr. Gesucht werden vor allem Männer, gerne Handwerker. Denn Zirkus heisst auch Stromkabel verlegen, Motoren reparieren, Zelte aufstellen und Holzwagen aus dem versumpften Rasen ziehen. Bedingung: Sie müssen ins Team passen. Und wer dazu passt, bestimmt das bestehende Team – notabene.

Mehr Informationen finden Sie unter www.wunderplunder.ch

Christian Hodel

Philipp Meyer (34) und Laura Vinatzer (28) vor Philipps altem Holzwagen, in dem er das ganze Jahr über wohnt. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)

Philipp Meyer (34) und Laura Vinatzer (28) vor Philipps altem Holzwagen, in dem er das ganze Jahr über wohnt. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)