Zürcher Justiz ermittelt gegen Zentralschweizer Immobilienmakler

War es Betrug? Im Vorfeld einer eidgenössischen Berufsprüfung soll ein Mitglied der Prüfungskommission einer Kandidatin die Testfragen und Antworten zugespielt haben. Jetzt zeigt sich: Der Mann stammt aus unserer Region.

Kilian Küttel
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Eine Kandidatin für die Prüfung zur Immobilienbewirtschafterin erhielt die Prüfungsantworten im Voraus. Symbolbild: Getty

Eine Kandidatin für die Prüfung zur Immobilienbewirtschafterin erhielt die Prüfungsantworten im Voraus. Symbolbild: Getty

Es ist Ende Februar: Über 420 Männer und Frauen treten in Winterthur zu ihren Abschlussprüfungen an. 48 von ihnen kommen aus der Zentralschweiz.

Bestehen sie den schriftlichen Teil, und später den mündlichen Test, können sie sich Immobilienbewirtschafter mit eidgenössischem Fachausweis nennen.

Spickzettel auf der Damentoilette

Es sind Tage, denen Stunden um Stunden des Lernens vorausgegangen sind. Doch um ein Haar wäre die Anstrengung umsonst gewesen: Am 21. Februar findet die Prüfungsaufsicht Spickzettel auf der Damentoilette.

Umgehend erstattet die Prüfungskommission Anzeige, droht den Kandidaten mit einer Wiederholungsprüfung, sollte sich der Spicker nicht melden.

Das wirkt. Eine 29-jährige Frau stellt sich, sagt, sie habe die Spickzettel geschrieben. Als Vorlage haben ihr der Prüfungsbogen und mitgelieferte Antworten gedient, die sie am Vortag erhalten hat – von einem Mitglied der zehnköpfigen Prüfungskommission.

Indiskretion wird Fall für die Justiz

Das Strafverfahren gegen die Kandidatin und den Funktionär kommt ins Rollen. «Die Kantonspolizei Zürich hat in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Winterthur-Unterland in einem Ermittlungsverfahren zwei Prüfungsbetrüger einer eidgenössischen Berufsprüfung überführt», schreibt die Zürcher Polizei Ende Mai selbstsicher in einer Medienmitteilung.

Der Fall macht national Schlagzeilen, sorgt besonders im Raum Zürich für Wirbel. Und er zieht seine Kreise auch in unsere Region: Beim Mitglied der Prüfungskommission handelt es sich um einen Mann aus der Zentralschweiz, der unserer Zeitung namentlich bekannt ist.

Der 37-jährige Schweizer lebt in der Region und ist selbstständiger Immobilientreuhänder. Er ist spezialisiert auf Verkäufe und Vermietungen und betreut gemäss Angaben auf seiner Website Liegenschaften in allen sechs Zentralschweizer Kantonen. Das Verfahren gegen ihn und die ehemalige Prüfungskandidatin ist noch im Gang. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Der Verband distanziert sich

Doch die Konsequenzen für den Zentralschweizer reichen weit: Trotz der Unschuldsvermutung schliesst der Schweizerische Verband der Immobilienwirtschaft (Svit) eine weitere Zusammenarbeit mit dem Mann aus. «Es macht uns sehr betroffen, dass es sich bei der fehlbaren Person um jemanden handelt, der für die Prüfungskommission arbeitet», schreibt Svit in einer E-Mail an seine Mitglieder, die unserer Zeitung vorliegt.

Darin heisst es weiter, der Verband distanziere sich «in aller Form von solchen Handlungen». Der Verband lässt dieser Ansage Taten folgen. In der Prüfungskommission ist der Mann nicht mehr, ebenso ist er auf Svit-Website nicht als Mitglied aufgeführt.

Aus dem ehemals respektierten Funktionär und Berufskollegen wird ein Geächteter. Was geht im 37-Jährigen vor, über sieben Monate nach dem Bekanntwerden des mutmasslichen Prüfungsbetrugs? Was war seine Motivation, sollten die Vorwürfe zutreffen?

Mutmasslicher Täter schweigt - ebenso der Verband

Gerne hätte unsere Zeitung ein ausführliches Gespräch mit dem Zentralschweizer geführt. Auf unsere Anfrage reagiert er überrascht, fragt, woher die Informationen stammen würden und wie man auf seinen Namen gekommen sei. Zu konkreten Fragen nimmt er keine Stellung – mit Verweis auf das laufende Verfahren.

Auch der Berufsverband hält sich bedeckt. Man sei nach Abschluss des Verfahrens zwar an einer lückenlosen und transparenten Aufarbeitung des Geschehenen interessiert, aber «wir kommentieren ein laufendes Verfahren nicht», lässt Svit über eine beauftragte Kommunikationsagentur ausrichten.

Ein Satz, wie er in solchen Affären häufig bemüht wird. Die Stimmung in der Branche dürfte er aber kaum entspannen. Denn aus Immobilienkreisen ist zu vernehmen, dass mehrere Namen kursieren und mitunter die falschen Personen verdächtigt werden, die Antworten herausgegeben zu haben.

Kandidaten kommen ungeschoren davon

Obschon der Zwischenfall viel Staub aufwirbelte, kamen die anderen Kandidaten davon, ohne nochmals zur Prüfung antreten zu müssen: Die Kommission verzichtete auf eine Wiederholungsprüfung, da die beiden Beschuldigten die Unterlagen gemäss eigenen Angaben nicht weiter gestreut hätten. «Darüber hinaus gibt es keine Hinweise darauf, dass Prüfungsunterlagen an weitere Kandidaten gelangt wären», schreibt Svit seinen Mitgliedern.

Übrigens: Die Durchfallquote legt nahe, dass abgesehen von diesem Vorfall tatsächlich alles mit rechten Dingen zu und her gegangen ist. Denn gut 28 Prozent der Prüflinge schafften ihren Abschluss nicht.