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ZÜRICH/LUZERN: Luzern nimmt Zürich ein

Wer mit Mann und Maus, Hellebarde und Speer in die Stadt Zürich zieht, muss mit Gegenwehr rechnen. Nicht so die Luzerner am gestrigen Sechseläuten.
Aufmarsch des «Sempacher Harsts» in blau-weissem Gewand. (Bild Roger Grütter)

Aufmarsch des «Sempacher Harsts» in blau-weissem Gewand. (Bild Roger Grütter)

Jérôme Martinu, Zürich

Ich komme mir ein bisschen vor wie ein Gallier, der gegen die Römer zieht.» Der Bannerträger brachte es auf den Punkt. Und dies schon kurz bevor der grosse Sechseläuten-Festumzug zum Böögg zog. Die Stadtluzerner Zunft zu Safran nahm gestern Zürich ein. Die Scharte, welche die Luzerner Regierung mit ihrer Absage als Gastkanton für das grosse Stadtzürcher Frühlingsfest aufgerissen hatte (siehe Box), wurde tadellos ausgewetzt. Mit 290 Zünftlern, der Feldmusik Luzern und der Guuggen­musig Rüüssgusler (total: 410 Mann und 5 Frauen) fielen die Luzerner gestern in die Limmatstadt ein. Trotz echtem «Lozärner Wätter»: Die Zürcher liessen sich von der barock-luzernischen Festfreude sehr gerne anstecken. Und dies trotz historischer Niederlage von 1446 im Alten Zürichkrieg, als Eidgenossen inklusive Luzerner die österreichische Übermacht bei Bad Ragaz besiegten und so die Legende vom alten Kämpfer Fridolin oder eben Bruder Fritschi begründet wurde (Ausgabe vom 15. April).

Eben dieser Fritschi – Ironie der Geschichte – führte den gestrigen Zug nach Zürich an. Mit dabei seine Familie, Zünftige und Soldaten in historischen Gewändern. Und wenn so ein altehrwürdiger Kriegerharst – plus 22 barmherzige Beichtväter und 5 Marketenderinnen – auszieht, dann ist auch das ganze Waffenarsenal dabei: 56 Hellebarden, 31 Speere, 71 Schwerter, 54 Dolche und 23 Armbrüste sowie 13 Vorderlader der Zunftgrenadiere. Die Waffen wurden unmittelbar nach dem Umzug wieder zurückgefasst, «für den Nahkampf» seien diese nicht mehr nötig, wie den Zünftlern schon beim Mittagessen klargemacht wurde. Und: «Vorsichtig trinken, nicht alles auf einmal! Damit ihr auch noch am Abend etwas von der Nacht mitbekommt», so Zeugherr Markus Oetterli.

Blumen sammeln

Und dann tauchten die Luzerner ins Blumenmeer. Das muss man einmal erlebt haben: Die Frauen unter den Tausenden Umzugszuschauern am Strassenrand verteilten in einer Grosszügigkeit Frühlingsboten, dass es einem trotz garstigen Temperaturen warm ums Herz wurde. Selbst der als Beichtvater eingebettete und segenspendende Berichterstatter wurde mit Blumen bedacht.

Besonders auffällig: Der Umzug zum Sechseläutenplatz lief in einem Tempo, das die Luzerner staunen machte. Zwar wurden die Zünftigen im Vorfeld orientiert: «Es ist ein zügiges Marschtempo (Kadenz 120) anzuschlagen», so der Tarif. Wer aber die katholisch-konservative Luzerner Gemächlichkeit und Freude an der Lücke der Fasnachtsumzüge kennt, war dann doch bass erstaunt. Der Marsch zum Böögg war von zwinglianischer Effizienz, das bekamen insbesondere die (Guuggen-)Musiker zu spüren.

«Importierte Festfreude»

Auch Fritschivater und Zunftmeister zu Safran Josef Kreyenbühl war das überflotte Tempo aufgefallen. Allerdings war er als Gast der Zürcher «Zunft zur Saffran» viel stärker damit beschäftigt, die vielen erhaltenen Blumen zu behändigen. «Das ist alles grosses Kino. Es ist sensationell, dass alle trotz Regen noch immer so gut gelaunt sind», so Kreyenbühl kurz vor dem Anzünden des Bööggs. Der Zunftmeister schwärmte auch von der «importierten Luzerner Festfreude».

Der Rückzug des Safränler-Harsts zum Festplatz auf dem Lindenhof lief nicht massgeblich minder geordnet als der Umzug. Es scheint, als hätten sich die Luzerner die Anordnungen aus dem Aufgebot oder den «Marschbefehl» zu Herzen genommen: «Pünktliches Antre­ten, Disziplin und flotte Haltung» waren darin angemahnt worden. Auf dem Lindenhof oberhalb der Limmat war die Abendstimmung dann luzernisch rüüdig. Kein Wunder, lobte Markus Notter, Präsident des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs (ZZZ), die Gäste über den grünen Klee: «Der Auftritt der Zunft zu Safran und die Stimmung, welche die Luzerner nach Zürich brachten, waren sensationell. Und am Umzug sind sie tempomässig auch ordentlich drangeblieben, zumindest fürs erste Mal. Fazit: ein genialer Gast.» Ob das nicht schon fast nach Wiederholung schreit? Notter lachte: «Wer weiss? Es wäre dann ein Debüt. Aber wir wollen ja schon auch die Kantone wieder einladen.»

Tagessuppe? Gin Tonic!

Was die Kulinarik in den Festzelten betraf, so warteten die Luzerner während der vier Festtage auf dem Lindenhof mit viel Lokalkolorit auf. Luzerner Rahmkäsesuppe, Trockenfleisch-/Käseplättli aus dem grössten Zentralschweizer Kanton, original Fritschipastete («Chögelipastetli») aus der Backstube des Zunftmeisters, Lozärner Läbchueche, Nidleöpfel und zum Kafi ein Fritschiguetzli. Dass die ebenfalls auf der Speisekarte fungierende Tagessuppe bei diesen Spezereien nicht zur Vorspeise gehört, ist offenbar eine zunftspezifische Eigenheit: Damit ist ein Gin Tonic gemeint.

Lange Nacht

Insgesamt zogen die Verantwortlichen der Zunft zu Safran eine durchwegs positive erste Bilanz des viertägigen Ausflugs in die grösste Schweizer Stadt. OK-Präsident und alt Zunftmeister Andreas Moser: «Ein Erfolg von A bis Z und beste Imagewerbung für Stadt und Kanton Luzern und die ganze Zentralschweiz.» Organisatorisch und logistisch verlief der Grossausflug mit seinem Budget von rund 300 000 Franken reibungslos. Oder wie hatte es Moser im Vorfeld in unserer Zeitung formuliert: «Es muss nicht immer alles auf der obersten politischen Flughöhe organisiert werden.»

Politisch wurde es in die Nacht hinein da und dort mit Sicherheit. Ab 21 Uhr zogen die Luzerner zu den Zürcher «Zöiftigen» zu Besuch in deren Stuben. Nach der Mitternachtsverpflegung war gemäss offiziellem Programm von «Saubanner-Zügen» der Zünfte die Rede. Vielleicht nicht schlecht, dass wir dank Redaktionsschluss wohlwollend den Mantel des Schweigens über den nächtlichen Ereignissen ausbreiten können.

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