ZUG: Junge Fotografin mit Ambitionen

Vier Jahre studierte Hannah Gottschalk in New York. Nun ist die 23-jährige Zugerin wieder zurück. Und sieht vieles ganz anders. Vor und hinter der Kamera.

Wolfgang Holz
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Fotografiert mit Passion: Hannah Gottschalk (23) aus Zug. Sie studierte vier Jahre in Amerika. (Bild Maria Schmid)

Fotografiert mit Passion: Hannah Gottschalk (23) aus Zug. Sie studierte vier Jahre in Amerika. (Bild Maria Schmid)

Fotos vom Empire State Building oder von der Brooklyn Bridge sind in unser kollektives Bildgedächtnis unauslöschlich eingebrannt. Kein Wunder. Diese Ikonen von New York prangen auf Tausenden von T-Shirts und Tapeten. Big Apple ist Kult. Auch Hannah Gottschalk, die vier Jahre lang am Pratt Institute in New York Fotografie studierte, findet Manhattan & Co. cool. «Mich fasziniert die Vielfalt der Stadt, die Anonymität, die befreiend wirkt – das ist wie ein Riesenschneeball, der immer schneller dreht und immer grösser wird. Für mich ist New York die Stadt schlechthin», schwärmt die gebürtige Hagendornerin. Und rollt das R so, wie es wohl nur jemand rollen kann, der die Millionenmetropole längere Zeit am eigenen Leib spürte und fühlte. Oder allenfalls jemand, der schon mehrmals John Lurie in der Originalversion von «Stranger Than Paradise» gesehen hat.

«Schon so oft fotografiert»

Und doch: Im Internet-Portfolio der Zuger Fotokünstlerin, die gerade bei der Photo 16 in Zürich ausstellt, taucht kein einziges Foto von New York auf. Irgendwie strange. Doch die junge Frau mit dem tätowierten Hundeschädel auf dem rechten Unterarm und knallig bordeauxroten Lippen hat eine selbstbewusste Erklärung dafür. «Ich habs nicht so mit street photography. Und New York ist ja schon so oft fotografiert worden – da wird es schwierig, das Ganze neu zu erfinden.» Hört sich plausibel an. Wobei die heute 23-Jährige, deren Mutter Mary Amerikanerin ist und deren Vater Robert in Amerika geboren wurde, offensichtlich auch nicht viel Zeit hatte, sich in den Strassen von Manhattan zu verlustieren: Weil sie sich mit Passion und Fleiss ganz der Fotografie am Pratt Institute widmete. Da arbeitete sie Tag und Nacht. Mit Hingabe und Ehrgeiz – was sich in ihrem Werk schon erstaunlich niederschlägt.

Schüsse im Nachbarhaus

Wirkt doch ihr Blick durch die Kamera schon recht reif, professionell und vor allem sehr vielfältig für ihr Alter: Raue, frostige Berglandschaften wechseln sich ab mit sonnigen Surfszenen. Statische Licht- und Schattenspiele werden kontrastiert durch dynamische Aufnahmen von Skatern. Weiche Aktfotos bilden harmonische Gegenpole zu verzerrten, mehrfach belichteten Gesichtsphysiognomien (siehe Bild). «Ein gutes Bild ist wohl für jeden etwas anderes», sagt Gottschalk, die mit einer Nikon D810 fotografiert. «Wobei am Schluss wohl jene Aufnahmen die besten sind, an die man sich später noch erinnern kann.»

Doch natürlich hat die Zugerin, deren Amerika-Aufenthalt nach der Matura an der «Riverside School» ihre Eltern sowie ihr inzwischen verstorbener Grossvater gesponsert haben, auch den Alltag in New York erlebt. «Im vierten Jahr meines Studienaufenthalts wohnte ich mit einer Kollegin in einem kleinen Haus in Brooklyn.» Zwei Schlafzimmer, Bad, Küche und Wohnzimmer für 900 Dollar Miete pro Person. «Aber das waren natürlich keine schweizerischen Verhältnisse – die Heizung ist manchmal ausgefallen», erzählt die Fotografin, deren Schwester Sidonie (19) nun in Arizona Business studiert. Sie sei von ihrer Wohnung zu Fuss in zwanzig Minuten auf dem Campus des Pratt Institute gewesen. Sie habe sich viel selbst gekocht: «Couscous mit Quinoa beispielsweise – halt etwas Schnelles und Gesundes.» Angst habe sie keine gehabt, wenn sie alleine in New York unterwegs gewesen sei. «Mir ist nie etwas zugestossen. Allerdings sind just an den drei Tagen, als mich meine Mutter besuchte, Schüsse im Nebenhaus gefallen», erinnert sich Gottschalk. Das sei gruselig gewesen.

Die vielen Anmachsprüche auf der Strasse – «Hi, honey, why don’t you smile?» – seien manchmal nervig gewesen. Doch man ignoriere so was halt. Und die Liebe? Die Zugerin winkt sofort ab. «No time for boys», sagt sie lächelnd. Es habe sich einfach nichts Ernsthaftes ergeben. «Ich bin auch nicht so viel im Ausgang unterwegs gewesen», gesteht sie. Ausserdem habe sie den Eindruck gewonnen, dass es in New York in Sachen Beziehungen nicht selten sehr egoistisch zugehe. «Die Leute lassen sich nicht so schnell auf etwas ein.» Woody Allen lässt grüssen.

Zug und seine Vorzüge

Seit letzten Sommer ist Hannah Gottschalk wieder zurück in der Schweiz. Sie wohnt mitten in Zug. Es gefällt ihr prima in der Heimat.

«Was ich früher als langweilig an Zug empfunden habe, sehe ich inzwischen nicht mehr so», meint der Twen. Und gibt zu, dass ihr der funktionierende Alltag und die Pünktlichkeit gut tun. Auch schmeckt ihr das «gute Brot» hier wieder. «Ich habe auch die Berge vermisst», so die leidenschaftliche Snowboarderin. Sie sei nur einmal in Whistler gefahren und in Vermont. «Da sind die Berge nur Hügel.» Sie räumt ein, dass wohl tief in ihr drin doch eine Schweizerin wohne.

«Mein Traum wäre natürlich, dass ich von der Kunst leben könnte», sagt die talentierte Fotografin. Sie ist sich allerdings bewusst, dass sie damit nicht unbedingt viel Geld verdienen wird. Sie könnte sich auch vorstellen, als Hochzeitsfotografin zu jobben. Reisefotografie zu machen. Auf Reportagen zu gehen. «Jede Arbeit ist eine Chance, sich zu fordern. Ambitioniert zu sein und sich zu verbessern.» Es komme am Ende sowieso nicht so, wie man es sich denke. «Man muss das Leben sich entfalten lassen.»

Wolfgang Holz

Im Bild ist ein Ausschnitt eines Werkes von Hannah Gottschalk zu sehen: «Untitled» aus der Serie «Paradox». (Bild: Hannah Gottschalk)

Im Bild ist ein Ausschnitt eines Werkes von Hannah Gottschalk zu sehen: «Untitled» aus der Serie «Paradox». (Bild: Hannah Gottschalk)