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Zugentgleisung von 2017 in Luzern – jetzt ist klar, was genau passiert ist

Am 22. März 2017 entgleisten bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Luzern zwei Wagen eines Eurocity-Zuges. Die Ursachen für den Unfall sind nun bekannt und die SBB spricht von einem «extremen Zufall».
Janick Wetterwald

Über zwei Jahre nach der Entgleisung des Eurocity-Zuges in Luzern im März 2017 liefert die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) den Schlussbericht zum Unfall. Demnach sorgte ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren für die Entgleisung des Trenitalia-Zuges. Zum Beispiel ein grosser Abstand zwischen Schiene und dem beweglichen Teil der Weiche – der sogenannten Weichenzunge. Doch auch der Zug habe Mängel aufgewiesen. Sieben Personen verletzten sich bei dem Unfall, der Sachschaden beträgt rund 11 Millionen Franken (siehe Infobox ganz unten im Artikel).

Der im März 2017 entgleiste Eurocity-Zug im Bahnhof Luzern. (Bild: Nadia Schärli)

Der im März 2017 entgleiste Eurocity-Zug im Bahnhof Luzern. (Bild: Nadia Schärli)

Der Bahnhof Luzern war nach der Entgleisung für den Zugverkehr der SBB mehrere Tage gesperrt. Einzig die Zentralbahn fuhr fahrplanmässig. Eine zweite Entgleisung ereignete sich nur wenige Monate später – gemäss Sust aus den gleichen Gründen: Im November 2017 entgleiste beim Bahnhof Basel SBB ein ICE. Verletzt wurde niemand.

Die Entgleisungen ereigneten sich auf einer versteilten Doppelkreuzungsweiche, wie dieser spezielle Typ im Fachjargon genannt wird. Speziell: Der Anfang der Weiche lag in einer Kurve und hatte einen sogenannten Bogeneinlauf. Christoph Kupper von der Sust sagt: «Dieser Weichentyp ist anfälliger auf solche Vorfälle und wird vor allem in der Schweiz verwendet, wo engere Platzverhältnisse vorherrschen.»

Das Rad lief auf die Weichenzunge auf

Gemäss dem Schlussbericht der Sust lief beim Vorfall in Luzern «der Spurkranz des Rades im Bereich der Weichenzunge auf die Schiene auf und entgleiste danach».

In diesem Bereich lief das Rad auf der Weichenzunge auf. (Printscreen Video Sust)

In diesem Bereich lief das Rad auf der Weichenzunge auf. (Printscreen Video Sust)

Einfacher gesagt: Der grössere, äussere Teil des Rades lief am parallel zur Schiene verlaufenden Weichenanfang auf. Das Rad wurde dadurch nach oben gedrückt und fiel anschliessend zwischen Schiene und Weiche – mit verheerenden Folgen: Der Zug entgleiste.

Das folgende Video zeigt unten wie eine korrekte Fahrt über die Weiche funktionieren sollte und oben, was in Luzern passiert ist:

Folgende Faktoren haben im Zusammenspiel den Unfallhergang beeinflusst:

  • Grosser Abstand zwischen Weichen und Schiene
  • Wegkippen der Schiene
  • Verschleiss des Rades
  • Mangelnder Schmierfilm zwischen Rad und Schiene

Kupper sagt, dass alle Abweichungen bei den Rädern sowie an den Weichen im Toleranzbereich gewesen seien und erklärt: «Das Problem war die Summe aller toleranzbedingten Abweichungen.»

Kein Bogeneinlauf mehr und ein neuer Verschluss

Die SBB haben die Entgleisung unabhängig von der Sust analysiert und schreiben in einer Mitteilung: «Einer der Faktoren für die Entgleisung war eine seltene und alte Bauart eines speziellen Weichentyps.» Damit ist eben die versteilte Doppelkreuzungsweiche gemeint. Die SBB hätten darum umgehend Massnahmen ergriffen, um das Risiko einer erneuten Entgleisung bei den 45 in der Schweiz verlegten derartigen Weichen zu senken.

Je zwei Weichen dieses Typs haben die SBB in Luzern und Basel komplett ersetzt, weil dort regelmässig Personenzüge verkehren. Zudem wurden bei diesen Bahnhöfen neue Schienen ohne Bogeneinlauf verlegt und ein anderer Verschluss verwendet. Dieser soll das Entstehen eines grossen Abstandes zwischen Schiene und Weiche verhindern. Die letzten Arbeiten in Luzern wurden im November 2018 abgeschlossen.

SBB-Mediensprecher Raffael Hirt sagt: «Der Vorfall war ein extremer Zufall.» Er erklärt aber auch, dass die Geschwindigkeit und Beschleunigung der Züge zugenommen hätten, im Vergleich zu jener Zeit als die Weichen gebaut wurden. «Dies führt zu höheren Querkräften, welche auf die Schienen wirken.» Bei den neuen Weichen ohne Bogeneinlauf sind diese Querkräfte geringer. An den restlichen 41 Weichen dieses Typs wurden entweder der Verschluss ersetzt oder die Stabilität der Schiene verstärkt. Wo nötig, wurden beide Verbesserungen umgesetzt.

Die Bundesbahnen betonen, dass ein Zusammenspiel vieler Faktoren zur Entgleisung führte. In der Mitteilung schreiben sie: «Keiner dieser Faktoren hätte für sich allein zu einer Entgleisung geführt.»

Sust-Bericht liefer Basis zur Klärung der Haftung

Die Entgleisung des Eurocity-Zuges ereignete sich am Montag, 22. März 2017, kurz vor 14 Uhr. Die vordere Achse des fünften Wagens sprang aus den Schienen, in der Folge entgleisten zwei Wagen. Sieben Personen wurden beim Unfall leicht verletzt. Der Vorfall führte zu einem mehrtägigen Betriebsunterbruch am Bahnhof Luzern. Finanziell kostete allein dieser Unterbruch die SBB eine Million Franken. Höher ist der Sachschaden: Am Eurocity der italienischen Staatsbahn Trenitalia beträgt er fünf Millionen Franken – gleich hoch beziffern die SBB die Schadensumme an den Anlagen wie Schienen und Oberleitungen. Insgesamt ist das eine Summe von 11 Millionen Franken. Hinzu kommen für die SBB die Kosten für die baulichen Anpassungen an den Weichen. Diese Arbeiten beim Bahnhof Luzern wurden im November 2018 ausgeführt. Sie kosteten insgesamt drei Millionen Franken und wurden aus dem ordentlichen Budget der SBB finanziert. Welches Bahnunternehmen für welchen Teil der Schadenssumme aufkommen muss, dazu kann SBB-Mediensprecher Raffael Hirt derzeit noch keine Aussage machen. Der Schlussbericht der Sust sei nun die Basis, für die Klärung der Haftungsfrage. (jwe)

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