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Kommentar

Zukunft des Luzerner Theaters: Beim Neubau darf es keine Tabus geben

Bund und Kanton stiften Verwirrung, wenn es um den Abriss des 180-jährigen Luzerner Stadttheaters geht. Deshalb muss jetzt die Stadt Farbe bekennen.
Robert Knobel
Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern

Robert Knobel, Leiter Ressort Stadt/Region Luzern

Die Zukunft des Luzerner Theaters sorgt für Kontroversen, ausgelöst durch ein Gutachten der eidgenössischen Kommissionen für Denkmal-, Natur- und Heimatschutz. Sie fordern die Erhaltung des 180-jährigen Theatergebäudes – insbesondere der Nordfassade am Reussufer (wir berichteten). Das Gutachten löst Hektik aus, denn der Abriss und Neubau des Theaters schienen für Stadt und Kanton bereits klar. Doch beim Kanton steht das Jahrhundertprojekt in mehrfacher Hinsicht auf wackligen Füssen. Das zeigt die Reaktion des kantonalen Kulturdirektors Marcel Schwerzmann. Ohne Not preschte er vor und verkündete, ein kompletter Neubau sei wegen des Gutachtens nicht mehr realistisch. Dabei ist der Bericht der Kommissionen zunächst einmal eine Beurteilung im historischen, städtebaulichen und architektonischen Kontext. Natürlich könnten Schutzverbände gegen einen Abriss des Theaters Beschwerde einreichen. Doch selbst die kantonale Denkmalkommission hat noch keine offizielle Haltung zur Abriss-Frage.

Der Denkmalschutz ist eine von vielen offenen Fragen, die es zu klären gilt – aber nicht zwingend die wichtigste. Doch genau darauf droht es jetzt hinaus zu laufen: Als oberste Maxime wird der Erhalt der Nordfassade festgelegt, dem alle anderen Überlegungen untergeordnet werden. Statt selbstbewusst die städtebauliche Entwicklung Luzerns voranzutreiben, versteckt man sich hinter dem Gutachten aus Bern. Im schlimmsten Fall wird dereinst eine aus dem Kontext gelöste klassizistische Fassade als skurriles Relikt aus dem 18. Jahrhundert das Reussufer prägen. Und dies bloss, weil man schon zum Vornherein zeitgenössischen Architekten die Fähigkeit abspricht, ein mindestens ebenso wertvolles Werk zu schaffen wie ihre Berufskollegen vor 180 Jahren.

Die Nordfassade des Luzerner Theaters ist gemäss einem Gutachten des Bundes zwingend zu erhalten. (Bild: Pius Amrein, 9. Oktober 2019)

Die Nordfassade des Luzerner Theaters ist gemäss einem Gutachten des Bundes zwingend zu erhalten. (Bild: Pius Amrein, 9. Oktober 2019)

Das «Gesicht Luzerns» steht auf dem Spiel

Zugegeben: Noch nie in der jüngeren Geschichte musste Luzern über ein Gebäude an einer derart wichtigen und sensiblen Lage entscheiden. Selbst das KKL war in dieser Hinsicht vergleichsweise unproblematisch. Am Theaterplatz steht nichts weniger als das «Gesicht Luzern» auf dem Spiel, das seit langem das Bild der Stadt prägt. Darauf weisen die Gutachter des Bundes völlig zu Recht hin. Natürlich wäre nicht ausgeschlossen, die historische Fassade in einen modernen Neubau zu integrieren. Eine solche Lösung könnte spannend und reizvoll sein. Doch die Verantwortlichen müssen auch den Mut haben, den Ort von Grund auf neu zu denken.

Ziel muss ein Bauwerk sein, das in jeder Hinsicht eine städtebauliche Aufwertung, eine Bereicherung für die «Skyline» an der Reuss darstellen – selbst wenn diese verändert würde. Es ist Aufgabe der Stadt, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen. Zumal sich Stadtpräsident und Kulturvorsteher Beat Züsli (SP) unlängst über den «grösseren Handlungsspielraum» in Sachen Theater freute. Diesen hatte sich die Stadt gegenüber dem Kanton ausgehandelt. Doch der neue Spielraum hat ein Preisschild: Die Stadt verpflichtet sich, den grössten Teil der Baukosten selber zu tragen. Zudem erhöht sie ihren Anteil am Zweckverband Grosse Kulturbetriebe, der den Betrieb des Theaters finanziert.

Unverkennbar: Der Blick über den Rathaussteg zum Theater prägt das Bild der Stadt Luzern seit Generationen. (Bild Roger Grütter, 11. September 2018)

Unverkennbar: Der Blick über den Rathaussteg zum Theater prägt das Bild der Stadt Luzern seit Generationen. (Bild Roger Grütter, 11. September 2018)

Kanton macht einen Schritt zurück, die Stadt zahlt

Die Signale sind klar: Der Kanton will mit dem neuen Theater möglichst wenig zu tun haben. Dies wohl auch deshalb, weil die Regierung fürchtet, ein hoher Kantons­beitrag an die Baukosten könnte im Kantonsrat oder an der Urne scheitern. Die Stadt muss davon ausgehen, dass sie gegen 100 Millionen oder mehr ans neue Theater zahlen muss. Das ist etwa gleichviel, wie sie für das KKL bezahlt hat – und doppelt soviel wie für das neue Staffeln-Schulhaus. Ein kantonaler Beitrag ist zwar nicht ausgeschlossen, wäre aber viel tiefer. Gleichzeitig kann die Stadt kaum auf Sponsorengelder im grossen Stil hoffen. Im Gegensatz zum KKL, das die Rekordsumme von über 60 Millionen an Spenden erzielte, hat das Luzerner Theater zuwenig überregionale Ausstrahlung. Auch das gegenseitige Misstrauen zwischen potenten Geldgebern und der links dominierten Stadtpolitik spricht nicht gerade für eine starke privat-öffentliche Partnerschaft. Hinzu kommt, dass prunkvolle «Leuchttürme» heute generell einen schweren Stand haben – die «Salle Modulable» lässt grüssen.

Kulturplattform statt Kulturtempel

All diese Gründe könnten dazu führen, dass das neue Theater ganz anders aussehen wird, als man sich das heute vorstellt: weniger pompös, dafür vielfältiger– eher Kulturplattform denn Kulturtempel. Dass in jüngster Zeit ausgerechnet diejenigen Produktionen am erfolgreichsten waren, die ausserhalb des verstaubten Theatergebäudes stattfanden, zeigt, wie stark sich die Bedürfnisse des Publikums gewandelt haben. Luzern steht vor einer Zäsur: Das absehbare Ende des altehrwürdigen Hauses an der Reuss bietet die Chance für einen klaren Neuanfang. Damit dieser Erfolg hat, müssen aber grundsätzliche Fragen diskutiert und geklärt werden: Wie sieht eine zeitgemässe Weiterentwicklung des veralteten Stadttheater-Modells aus dem 19. Jahrhundert aus? Wer soll dort auftreten? Welche gesellschaftliche Rolle soll das professionelle Musik- und Theaterschaffen künftig spielen? Und vor allem: Welche Art von Gebäude braucht es dazu? Diese Fragen wurden zwar im Rahmen des Projekts «Neue Theater Infrastruktur» aufgeworfen, allerdings halbherzig und bislang ohne klare Ergebnisse. Das ist höchst fahrlässig. Denn gemäss einem technischen Gutachten sollte der Betrieb des heutigen Theatergebäudes spätestens 2025 eingestellt werden. Wenn es dem Stadtrat wirklich ernst ist mit der Übernahme des Leads, muss er bald Farbe bekennen.

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