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«Zustände, die einer Touristenstadt wie Luzern unwürdig waren»

Die Jugendherberge am Rotsee in Luzern wird 40-jährig. Ihr Initiant Robert Wälle erinnert sich an den dringend notwendigen Neubau, die aufwendige Suche nach Geldgebern – und an das vermeintlich unzerbrechliche Geschirr beim Eröffnungsfest.
Roman Hodel
Initiant Robert Wälle vor «seiner» Jugendherberge an der Sedelstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 26. Juli 2018)

Initiant Robert Wälle vor «seiner» Jugendherberge an der Sedelstrasse in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 26. Juli 2018)

Ihr Äusseres sagt schon alles: Mit dem Sichtbackstein und den Eternit-Dächern widerspiegelt die Luzerner Jugendherberge an der Sedelstrasse den architektonischen Zeitgeist der 1970er-Jahre. Auch im Innern ist es unübersehbar, etwa anhand der wuchtigen Typografie der Zimmernummern. Manches wirkt allerdings abgenutzt: Türrahmen, Kunststeinboden, Toiletten. «Ja ja, man sieht dem Gebäude die 40 Jahre an – aber es ist immer noch modern», sagt Robert Wälle auf einem Rundgang durch «seine» Jugi vergangene Woche.

Der heute 80-Jährige war die treibende Kraft hinter dem Projekt, das dem damals zuständigen Verein für Jugendherbergen Luzern alles abverlangt hatte. «Wir mussten 3,55 Millionen Franken auftreiben», sagt Robert Wälle. Stadt, Kanton, Bürgergemeinde, Kirchgemeinde und auch Privatpersonen beteiligten sich schliesslich daran. «Ich habe angeklopft, wo es nur ging, denn ein Neubau war dringend notwendig.»

100 Leute pro Schlafsaal und Rinnen-Pissoirs

Damals befand sich die Jugi im früheren Absonderungshaus, unweit des heutigen Standortes. Es gab bloss zwei Schlafsäle – einen für Mädchen mit 90 Betten und einen für Knaben mit 100 Betten. Auch die sanitären Anlagen waren mit Rinnen-Pissoirs und Waschfontänen bescheiden. «Zustände, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann, und die einer Touristenstadt wie Luzern unwürdig waren.»

Robert Wälle wusste, wovon er sprach. Schon als Teenager zog es ihn mit dem Velo in die Welt hinaus. In den Niederlanden nächtigte er in den 1950er-Jahren in topmodernen Jugendherbergen. Das müsste doch auch in der Schweiz möglich sein, fand der junge Mann. Zurück in Luzern besuchte er eine Versammlung des Schweizerischen Bundes für Jugendherbergen, Kreis Innerschweiz. «Ich sah nur alte Herren», sagt Wälle und schmunzelt. Diese hätten ihn ermuntert, in den Vorstand einzutreten. «Ich fühlte mich geehrt.» Es war der Startschuss zu seinem jahrzehntelangen Engagement für Jugendherbergen – mittlerweile ist er Ehrenmitglied.

Blick in eines der Treppenhäuser und einen der Waschräume kurz nach der Eröffnung 1978. (Bilder: PD)

Blick in eines der Treppenhäuser und einen der Waschräume kurz nach der Eröffnung 1978. (Bilder: PD)

Als Vereinspräsident wies er ab Ende der 1960er-Jahre in jedem Jahresbericht auf die unbefriedigende Situation in der Jugi Luzern hin. Zudem liess er das Vorwort stets von einflussreichen Politikern schreiben – darunter Stadtpräsident Hans Rudolf Meyer, diverse Regierungsräte oder der spätere Bundesrat Alphons Egli. «Ich sagte ja, ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt», so Wälle. 1975 präsentierte der gelernte Hochbauzeichner und damalige CEO der Erculiani Generalunternehmung dann erstmals das neue Jugi-Projekt. Das vom Luzerner Architekten Bruno Scheuner entworfene Gebäude sollte auf dem Areal der früheren Baumschule an der Sedelstrasse zu stehen kommen. Der erste Vorschlag war allerdings zu gross und zu teuer geraten und musste redimensioniert werden.

«Die kostengünstigste Jugi der Schweiz»

Danach ging’s schnell: Im Frühling 1977 genehmigte der Grosse Stadtrat die Abgabe des Grundstücks im Baurecht, am 7. Juli desselben Jahres fand der Spatenstich statt und am 29. September 1978, stieg bereits das Eröffnungsfest. Robert Wälle erinnert sich noch gut daran. Es war der Auftakt zum Jugendfest anlässlich der Jubiläumsfeier 800 Jahre Stadt Luzern: «Hier bin ich gesessen», sagt er und zeigt auf einen Tisch im Speisesaal. Dann kommt ihm eine Anekdote in den Sinn: «Wir hatten Geschirr eingekauft, das angeblich unzerbrechlich sein sollte.» Zur Demonstration habe er am Fest einen Teller auf den Boden fallen lassen. «Dieser zerbrach natürlich», sagt Wälle. Die Leute hätten gelacht und «typisch Präsi» gespottet.

Spatenstich am 7. Juli 1977 (von links): Ingenieur Ueli Eggstein, der Stadtluzerner Baudirektor Matthias Luchsinger und Robert Wälle. (Bild: PD)

Spatenstich am 7. Juli 1977 (von links): Ingenieur Ueli Eggstein, der Stadtluzerner Baudirektor Matthias Luchsinger und Robert Wälle. (Bild: PD)

Der Reporter des «Luzerner Tagblatts» berichtete anderntags vom «zweckmässig gestalteten» Gebäude und den ersten Gästen – einer grösseren Gruppe aus England und einer Schulklasse aus dem Bündnerland. «Endlich!», befand derweil das «Vaterland». Dieses Wort sei schon beim Apéro «in der Luft gelegen». Zudem habe ein Rundgang bestätigt, dass es sich nicht um einen Prunkbau handelt. «Wer mehr will, muss in einem Hotel absteigen.» Architekt Scheuner und Initiant Wälle betonten am Eröffnungsfest denn auch, Luzern habe «mit Abstand die kostengünstigste Jugi der Schweiz» gebaut.

Charme einer Zivilschutzanlage?

Dass böse Zungen sich mit Blick auf das Interieur eher in einer Zivilschutzanlage wähnen, will Robert Wälle heute noch überhört haben: «Unverputzte Wände sind pflegeleichter und sparen Kosten.» Ursprünglich sorgten farbige Silhouetten und gelbe sowie orange Leitspuren an den Wänden für optische Auflockerung. Dies und einiges mehr wurde bei einem umfassenden Umbau vor 22 Jahren verändert. Damals erhielt die Jugi überdies eine neue Rezeption, neue Fenster und eine Solaranlage. Seither folgten kontinuierlich weitere, kleinere Sanierungen.

Das Raumprogramm hingegen blieb fast unverändert – was allerdings der Statik des Gebäudes geschuldet ist. Und so verfügt das Gros der Zimmer nach wie vor über vier oder sechs Betten – nur wenige über zwei, was heute am meisten verlangt wird. Ebenfalls noch vorhanden sind die zwei Massenschläge mit je 20 Betten. Zu diesen sagt Robert Wälle: «Das funktioniert höchstens noch im Militär.» Deshalb stimmt es ihn auch nicht wehmütig, sollte «seine» Jugi dereinst durch einen anderen Standort ersetzt werden (siehe Kastentext unten): «Wir befinden uns hier in einem Zweckbau. Wenn anderswo eine neue Jugi realisiert werden kann, zugeschnitten auf die heutigen Bedürfnisse, dann freue ich mich riesig darüber.»

Verkehrshaus-Jugi: Planung unterbrochen

Der Verein Schweizer Jugendherbergen plant in Luzern eine neue Jugendherberge – und zwar im Hochhaus des Verkehrshauses (Ausgabe vom 19. Mai 2016). Die Planung wurde allerdings unterbrochen, wie Geschäftsleitungsmitglied René Dobler sagt: «Noch immer ist unklar, ob und wie viele Etagen wir übernehmen könnten.» Das Verkehrshaus will die dort untergebrachten Büros in einen Neubau verschieben. Doch die Baubewilligung dafür verzögert sich. Grund: Anrainer haben gemäss Daniel Schlup, Vizedirektor des Verkehrshauses, Einsprache gegen das Projekt erhoben.

Bei der Jugi im Verkehrshaus würde man – anders als am Rotsee – vornehmlich auf Zweier- und Viererzimmer mit Dusche/WC setzen. «Gerade für die wachsende Zahl von Individualtouristen haben wir im bisherigen Haus ein zu kleines Angebot», sagt Dobler. «Zudem wäre die Lage direkt am Vierwaldstättersee mit Bezug zur Innenstadt grossartig.» Auch der für Jugendherbergen wichtige architektonische Aspekt käme nicht zu kurz: Das 1970 erbaute, mit Cor-Ten-Stahlblech eingekleidete Hochhaus stammt vom bekannten Luzerner Architekten Hans U. Gübelin. Es ist allerdings stark renovationsbedürftig. Dobler sagt: «Uns ist wichtig, dass jeder Betrieb individuell daherkommt und dass er einen Bezug zur Region hat – wir wollen keine austauschbaren Häuser.» Ob man in Luzern dereinst zwei Standorte betreiben könnte, müsse er offen lassen.

Das Verkehrshaus wäre in Luzern bereits die fünfte Jugendherberge. Die erste war Anfang der 1930er Jahre im Maihof-Quartier eröffnet worden. 1934 folgte der Umzug in die Hubelmatt. Dieses Haus musste Anfang der 1950er Jahre der Schulanlage weichen. Daraufhin zog die Jugi ins Absonderungshaus am Rotsee um, wo ursprünglich Patienten mit ansteckenden Krankheiten behandelt worden waren. Von dort ging es 1978 weiter an den heutigen Standort. Gewandelt haben sich in dieser Zeit auch die Preise: Im Jahr 1925 kostete eine Übernachtung um 50 Rappen, heute gibt’s diese im Mehrbettzimmer ab 30 Franken – mit Frühstück. (hor)

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