Zwei der drei Kaderärzte am Kantonsspital sind ausgefallen – der Berufsverband ist alarmiert

Die Hälfte der Betten im Zentrum für Intensivmedizin am Luzerner Kantonsspital ist geschlossen. Die Ärzte fordern ein Ende des Stellenstopps.

Christian Glaus
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Das Luzerner Kantonsspital mit dem Zentrum für Intensivmedizin (vorne). (Bild: Patrick Hürlimann, Luzern, 18. November 2019)

Das Luzerner Kantonsspital mit dem Zentrum für Intensivmedizin (vorne). (Bild: Patrick Hürlimann, Luzern, 18. November 2019)

Was ist bloss los am Luzerner Kantonsspital (Luks)? Wie das Spital am Freitag mitteilte, müssen «gewisse geplante hochspezialisierte Eingriffe, die keine Notfälle sind, zeitlich oder räumlich verschoben werden» – mit dem Ziel, das Zentrum für Intensivmedizin sofort zu entlasten (wir berichteten). Die Mitarbeiter seien durch ein hohes Patientenaufkommen und den hohen Schweregrad der Erkrankungen der Patienten sehr starken anhaltenden Belastungen ausgesetzt. Hinzu kämen «andere Faktoren», die zu einer angespannten Situation führten, so das Luks weiter.

Die Details zu diesen etwas kryptischen Formulierungen kommen nun durch Recherchen unserer Zeitung ans Licht: Im Zentrum für Intensivmedizin sind zwei der drei Kaderärzte ausgefallen. Bei den Oberärzten ist eine Person ausgefallen, eine weitere Stelle ist derzeit nicht besetzt. Macht insgesamt vier Vakanzen, wie das Luks mitteilt.

Weil die medizinischen Leistungen nicht mehr im gleichen Umfang wie zuvor erbracht werden können, wurde die Zahl der Betten im Zentrum für Intensivmedizin von 22 auf derzeit 11 halbiert. Als Folge müssen wöchentlich bis zu 45 Eingriffe verschoben oder verlegt werden. 95 Prozent aller stationären Operationen könnten wie geplant durchgeführt werden, betont das Spital.

Wegen Tarifeingriff fehlen 20 Millionen Franken

Nun muss man wissen: Das Luks steht seit knapp zwei Jahren unter einem gewaltigen finanziellen Druck. Per Anfang 2018 hat der Bundesrat die Tarife für ambulante Eingriffe gesenkt. Auf einen Schlag fielen Einnahmen in der Höhe von rund 20 Millionen Franken weg. Um die anstehenden grossen Investitionen tätigen zu können, ist das Luks aber mittelfristig auf einen Gewinn von jährlich 30 bis 40 Millionen Franken angewiesen.

Deshalb trat auf Anfang 2019 ein Sparprogramm in Kraft, welches unsere Zeitung publik machte. Die Spitalleitung verhängte unter anderem einen Stopp für neue Stellen, welcher vorerst für sechs Monate galt, im Sommer aber verlängert wurde. Durch die Sparmassnahmen soll 2019 ein ausgeglichenes Ergebnis resultieren.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die nun kommunizierten ausserordentlichen Krankheitsfälle der Kaderärzte des Zentrums für Intensivmedizin in einem anderen Licht. Ist der Druck zu gross geworden?

Genauere Informationen zum Grund der Krankheitsfälle sind, aufgrund des Persönlichkeitsschutzes, nicht erhältlich. Klar scheint, dass es sich um schwerwiegendere Krankheiten handeln muss, wenn sich das Luks gezwungen sieht, die Hälfte der Betten im Zentrum für Intensivmedizin für unbestimmte Zeit zu schliessen.

Verband kritisiert 2019 eingeführten Stellenstopp

Während das Luks von «sofortigen Entlastungsmassnahmen» spricht, redet Eric Vultier von einem «Notszenario». Vultier leitet die Geschäftsstelle der Zentralschweizer Sektion des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte. Er sagt gegenüber unserer Zeitung:

«Die Situation ist ziemlich alarmierend.»

Aus seiner Sicht hat eine Kumulation verschiedener Ereignisse zu dieser Situation geführt. Der grosse Kostendruck wirke sich auf das Personal aus. Durch die Einführung des neuen Klinikinformationssystems Lukis sei der Druck weiter gestiegen. «Durch den per Anfang 2019 verordneten Stellenstopp hat das Spital zu wenig Luft, um zu reagieren und diesen zusätzlichen Druck aufzufangen.» Dieses Problem beschränke sich nicht auf das Zentrum für Intensivmedizin, ist Vultier überzeugt.

Der Verband begrüsst die Sofortmassnahmen des Luks, das Zentrum für Intensivmedizin durch die Schliessung von Betten und die Verlagerung von Operationen zu entlasten. «Das ist in dieser Notsituation genau die richtige Massnahme.» Allerdings müsse die Spitalleitung nun klären, wie die Mitarbeiter nachhaltig entlastet werden können. Keine einfache Aufgabe, ist sich Vultier bewusst: «Das Spital muss einen fast nicht praktikablen Spagat zwischen Geld und erbrachten Leistungen machen.» Für ihn ist klar: «Der Stellenstopp ist nicht haltbar.»

Luks-Sprecherin Angela Lötscher sagt, der Personalengpass stehe nicht in einem Zusammenhang mit den Sparmassnahmen und dem Stellenstopp. Frei werdende Stellen seien wieder besetzt worden, einen Abbau habe es nicht gegeben. «Wir befinden uns in einer ausserordentlichen Extremsituation.» Erschwerend komme hinzu, dass gerade in der Intensivmedizin schweiz- und europaweit Spezialisten fehlen würden. «Da es sich um einen hochspezialisierten Bereich handelt, ist die Rekrutierung und Überbrückung entsprechend schwierig.»

Kanton steht hinter Entlastungsmassnahmen

Das Gesundheits- und Sozialdepartement des Kantons Luzern ist vom Spital vorgängig über die Ausfälle und die Sofortmassnahmen informiert worden. «Ich erachte die Entlastung des Zentrums für Intensivmedizin als zielführend. So kann vermieden werden, dass es zu einer Kettenreaktion mit weiteren personellen Ausfällen kommt», sagt Hanspeter Vogler, Leiter des Fachbereichs Gesundheitswesen.

Das Departement stehe in regelmässigem Kontakt mit dem Spital und werde mit diesem analysieren, wie es zu dieser Situation kommen konnte und wie man solche Fälle in Zukunft allenfalls verhindern kann. Laut Vogler spielt auch die teilweise ungenügende Abgeltung der Spitalleistungen, speziell der Tarifeingriff des Bundesrats per Anfang 2018 «eine grosse Rolle» für den steigenden Kostendruck. «Irgendwann geht das System nicht mehr auf.»