Zwei Jahre nach dem Bundesgerichtsurteil: Schulreisen führen jetzt häufiger in die Nähe

Keine finanzielle Beteiligung der Eltern mehr für Schulreisen. Das ist der Entscheid eines Bundesgerichtsurteils von 2018. Schulen stehen für Ausflüge weniger Mittel zur Verfügung. Das merken vor allem kulturelle Institutionen. 

Martina Odermatt
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Sie sind meist die Höhepunkte auf dem Stundenplan für jeden Schüler: Ausflüge und Schulreisen. Raus aus dem Klassenzimmer, rein in die Erlebniswelten von Museen und Natur. Doch das ist meist mit Kosten verbunden. Schulen dürfen aber seit 2018 von den Eltern keine finanzielle Beteiligung für diese Ausflüge mehr verlangen. Das besagt ein Bundesgerichtsurteil. Für Schullager wurde die finanzielle Beteiligung massiv heruntergesetzt.

Das Urteil löste unterschiedliche Reaktionen aus. Eltern mehrerer Kinder oder finanziell schwächere Eltern waren erleichtert, da sie damit entlastet wurden. Andere hingegen waren bestürzt: Gibt es nun keine Ausflüge mehr für Schüler? So viel vorweg: Lehrer unternehmen mit ihren Klassen noch immer Ausflüge, gehen auf Schulreisen. Jedoch hat sich die Art der Reisli etwas verändert. Und: Bei den kulturellen Institutionen gibt es Verlierer und Gewinner. Doch von vorn.

Auf Schulreise: Eine Klasse im Zürcher Hauptbahnhof.

Auf Schulreise: Eine Klasse im Zürcher Hauptbahnhof.

Bild: Walter Bieri/Keystone, 16. Juni 2009

Nach dem Bundesgerichtsentscheid wies die Dienststelle Volksschulbildung (DVS) die Gemeinden an, das Budget für Schulveranstaltungen zu erhöhen. Damit sollten die vorher von den Eltern geleisteten Beiträge kompensiert werden. Dienststellenleiter Charles Vincent ist rückblickend zufrieden mit der Entwicklung: «Die meisten Gemeinden stellen in etwa die von der Dienststelle Volksschulbildung vorgegebenen Mittel zur Verfügung. Sie haben die Beiträge spätestens mit dem Budget 2020 angepasst.» sagt aber auch, dass gemäss Rückmeldungen von Schulleitungen und Lehrpersonen die Zahl solcher Veranstaltungen abgenommen hat.

Ähnlich sieht das Alex Messerli, Präsident des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbands (LLV). Wer den Empfehlungen der DVS folge, komme auf Budgets, mit denen die bisherigen Angebote nicht weitergeführt werden könnten. Auch hätten nicht alle Gemeinden die gleichen finanziellen Möglichkeiten. «So wird die Chancengleichheit eingeschränkt.»

Verkehrshaus verzeichnet mehr Schulklassen

Die Entwicklung beurteilen können wohl die Institutionen am besten, welche von Klassen häufig besucht oder genutzt werden. So etwa das Verkehrshaus Luzern. Sprecher Olivier Burger sagt auf Anfrage, dass im vergangenen Jahr gar sechs Prozent mehr Schulklassen das Verkehrshaus besucht haben als im 2018. Burger sagt aber auch: «Die hohen Anreisekosten sind seit Jahren ein Problem, das durch den Bundesgerichtsentscheid verschärft wurde.»

Bild: Boris Bürgisser, 15. Mai 2018

Etwas zu kämpfen hat derweil das Bourbaki Panorama. Obwohl sich auch hier ein Plus an Schulklassen abzeichnet – das Bourbaki-Panorama verzeichnete insgesamt wie auch bei den Schulklassen ein Plus von 20 Prozent Eintritten – zeigt sich Museumsleiterin Irène Cramm verhalten. Denn die Situation ist verzwickt.

Fehlende Leistungsvereinbarung macht Situation im Bourbaki kompliziert

Das Bourbaki-Panorama hat keine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Luzern. Während das Museum die Schulbesuche der Volksschulen der Stadt Luzern gratis anbieten kann, da die Stadt dies finanziert, müssen Schulklassen aus dem Kanton den Eintritt grundsätzlich selber berappen. Nun gibt es aber innerhalb des Bourbaki-Panoramas zwei Ausstellungsbereiche. Schüler können mit einer App das berühmte Rundbild besuchen. Diese ist ein Projekt von Schule Kultur Luzern (Schukulu), das vom Kanton unterstützt wird. Die Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler ab dem 7. Schuljahr.

Dominik Wunderli, 4. November 2015

Wollen Lehrer mit ihren Schülern jedoch die Sonderausstellung «Sehwunder. Trick, Trug und Illusion» besuchen, wo ein Vermittlungsangebot speziell für Primarschüler zusammengestellt wurde, wird der Eintritt nicht vom Kanton unterstützt. Das führe manchmal zu Unverständnis bei den Lehrpersonen, sagt Cramm. Sie können schlecht nachvollziehen, warum der Eintritt bei anderen Institutionen gratis ist, sie aber beim Bourbaki Panorama bezahlen müssen. «Das hält einige Lehrpersonen der Primarstufe ab, die Ausstellung zu besuchen, was wir natürlich sehr bedauern. Im Lehrplan 21, Bereich Medienbildung, sind Kompetenzen beschrieben, für die sich die Ausstellung sehr gut eignet. Wir hätten ein tolles Angebot für Schulen», sagt Cramm. Sie werde deshalb demnächst auf einzelne Gemeinden zugehen, um allenfalls Vereinbarungen treffen zu können. «Dieser Vorgang ist natürlich sehr aufwendig, ist mir aber wichtig, damit die Schulklassen unsere Angebote auch nutzen können.»

Pilatus und Rigi bleiben stabil

Weniger Schwankungen verzeichnen die Bergunternehmen. Beim Pilatus etwa verspürt man «keine grossen Veränderungen», wie Sprecher der Pilatus-Bahnen AG,  Tobias Thut erklärt. «Es gibt immer noch traditionelle Schulreisetage an denen der ganze Berg voll mit Kindern, beziehungsweise Schulklassen ist.» Allerdings habe man auch ins Angebot investiert. Bei der Rigi sieht die Situation ähnlich aus. «Um den möglicherweise abnehmenden Schulausflügen entgegenzuwirken, wurde das Angebot der neuen Ausgangslage angepasst», sagt Sprecherin Cathrine Lötscher.




Bild: PD

Für einen Ausflug auf die Rigi benutzen Schulklassen auch gerne das Schiff. «Wir spüren bei der Beratung der organisierenden Lehrpersonen vereinzelt, dass das Budget tiefer ist und somit weniger Geld für die Schulreise zur Verfügung steht», sagt Werner Lüönd, Leiter Marketing & Sales der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees auf Anfrage. In den Jahren 2018 und 2019 hätten sie ungefähr gleich viele Klassen auf dem Schiff begrüssen dürfen. «Jedoch werden vereinzelt kürzere Schiffsreisen unternommen und die Schulreisen finden in der näheren Umgebung statt.»

Die nähere Umgebung, die kommt auch laut Dienststellenleiter Charles Vincent nun vermehrt zum Zuge. «Wir haben Hinweise erhalten, dass ausserschulische Lernorte in der Nähe einer Schule vermehrt besucht werden. Ich denke da an das Naturlehrgebiet Ettiswil, wo die Besuche der Schulklassen deutlich zugenommen haben.»

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