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ZWEIRADBOTE: Luzerner Velokurierin: «Mein Velo gebe ich niemals her»

Die 37-jährige Renate Bucheli ist in Neuenkirch auf einem Bauernhof aufgewachsen und arbeitet seit 11 Jahren als Velokurierin in Luzern. Ans Aufhören denkt sie nicht, diese Arbeit macht sie so richtig glücklich.
Velokurierin aus Leidenschaft: Renate Bucheli (37). (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 2. November 2017))

Velokurierin aus Leidenschaft: Renate Bucheli (37). (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 2. November 2017))

«Das Leben ist wie Fahrrad fahren. Man muss sich vorwärtsbewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.» – Albert Einstein

Renate Bucheli, wieso sind Sie Velokurierin geworden?

Seit ich denken kann, bin ich ein Bewegungsmensch. Ich erinnere mich, dass ich das Treppenhaus des Spitals rauf- und runterrannte, während meine Mutter jemanden besuchte. Ich kann nicht lange drinnen sein und still sitzen. Der Job des Velokuriers, der ist ideal für mich. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick.

Sorry, aber den ganzen Tag auf dem Velo sitzen, das ist ziemlich hart.

Wir arbeiten in zwei Schichten. Eine dauert von 7 bis 13 Uhr, die andere von 13 bis 19 Uhr. Pro Schicht braucht es fünf Leute auf dem Velo und zwei in der Disposition. In einer Woche fahre ich fünf Veloschichten und arbeite zwei Schichten als Disponentin. In der Disposition koordiniere ich die Fahrten meiner Kurierkollegen. Ich kann aber sagen: Ich fahre so viel wie sonst niemand in unserem Team. Pro Schicht komme ich auf zirka 65 Kilometer. In 11 Jahren hatte ich nie einen Unfall und war nie krank. Mehr noch: Die Arbeit als Velokurierin hält mich gesund. Sie löst ein Glücksgefühl in mir aus, ein Freiheitsgefühl auch. Und ich habe noch nie gedacht: «Ich muss arbeiten gehen», sondern ich darf meine Leidenschaft ausleben.

Sie kommen ja richtig ins Schwärmen. Was ist denn so faszinierend an dieser Arbeit?

Jeder Tag ist eine Überraschung. Es ist möglich, dass ich innerhalb eines Tages im Regierungsgebäude, im Gefängnis, im Operationssaal, im Schulhaus, in der Schmuckboutique, wieder im Spital, im Blumenladen, in einem entlegenen Quartier, in einer spannenden Privatwohnung im historischen Stadtgebäude und noch mehrfach auf dem Bahnhof und auf der Post bin. Ausserdem ist der Velokurier ökologisch, schnell und effizient.

Verdienen Sie aber auch genug als Velokurierin?

Nur wegen des Geldes fährt niemand als Velokurier. Aber ich kann gut davon leben. In meinem gelernten Beruf als Sozialarbeiterin würde ich sicher mehr verdienen. Aber ich kann einfach nicht den ganzen Tag im Büro sitzen.

Fahren die Velokuriere unterdessen eigentlich E-Bikes?

Das entspräche meiner Meinung nach nicht der Philosophie des Velokuriers. Ich fahre mit dem Rennvelo. Schwere Ladungen transportiere ich mit dem sogenannten Cargo-Velo, das vorne eine Ladefläche installiert hat. Ein E-Bike würde definitiv den Stolz des Velokuriers verletzen. Die Fitness sollte ja wirklich nicht das Problem eines Velokuriers sein.

Woher kommen und wohin gehen die Aufträge? Mit dem Velo können Sie ja nicht weiter als in Luzern und in der Agglomeration ausliefern.

In der Regel stimmt das. Ich musste aber auch schon mal nach Rotkreuz oder Weggis fahren. Aber das sind Ausnahmen. Wir beliefern aber die ganze Schweiz. Wenn eine Ware beispielsweise nach Zürich muss, fahre ich diese zum Bahnhof. In Zürich lädt der Partnerkurier die Sendung aus und stellt diese zu.

Was ist, wenn Sie unterwegs zu einer Lieferung sind und einen Defekt am Velo haben?

Dann geht’s schnell zum nächsten Velomechaniker. Im Jahr habe ich vielleicht dreimal einen «Platten». Falls ich irgendwo im Nirgendwo bin, versuche ich das Velo selber zu flicken. Jeder Kurier bringt sein eigenes Velo mit und ist für die Wartung selber verantwortlich. Mein Velo gebe ich jedenfalls niemals her. Vom Arbeitgeber bekommen wir pro Schicht zusätzlich noch 5 Franken für Velo-Verschleissteile.

Ist Ihnen das Velo bei der Arbeit schon mal gestohlen worden?

Nein, noch nie. Aber ich weiss von Kollegen, insbesondere in Zürich, denen es schon gestohlen wurde. Wenn ich ausliefere, schliesse ich das Velo nicht ab. Ich bin nach der Auslieferung jeweils schon froh, wenn das Velo noch da steht.

Was kostet es eigentlich, wenn ich den Velokurier rufe?

13 Franken für den ersten Kilometer. Jeder weitere Kilometer kostet 4 Franken.

Und was liefert der Velokurier genau?

Täglich ausser sonntags alles, ausser Mensch und Tier.

Jetzt sind Sie auch noch zum dritten Mal Schweizer Meisterin bei den Velokurieren geworden. Wie wird man das?

Die Schweizer Meisterschaft fand dieses Jahr in Winterthur statt. Das sogenannte Main Race ist die Königsdisziplin. Kurz zusammengefasst: Der Kurieralltag wird durch einen Rennkurs mit verschiedenen Posten simuliert. Holen, bringen – am Schluss entscheidet die schnellste Zeit. Die Qualifikationsphase dauert zirka eine Stunde, die Finals dauern drei Stunden. Im Bergsprint ohne Posten über zwei Kilometer bin ich zweifache Weltmeisterin.

Nun ist der Winter da. Da wird’s für den Velofahrer kalt und nass und windig und glitschig.

Ja, aber sobald ich das Trikot anziehe und in der Kurierkleidung dastehe, sage ich mir: Ist ja gar nicht so schlimm. Solange ich fit bin, werde ich diese Arbeit weitermachen.

Was ist ein absolutes Tabu für einen Velokurier?

Verkehrsregeln missachten! Wir respektieren die Verkehrsregeln wie jeder andere Velofahrer auch. Klar sind wir oft sehr rasant unterwegs, doch wir fahren konzentriert und haben sehr viel Übung, dadurch können wir den Verkehr gut einschätzen. Sendungen vertauschen liegt für einen Velokurier auch nicht drin. Ein Liftmonteur kann mit einer Zahnprothese schliesslich wenig anfangen ...

Was machen Sie sonst in Ihrer Freizeit? Sagen Sie jetzt bitte nicht «biken» ...

Ich fahre in meiner Freizeit schon gerne mit dem Velo über Pässe. Grimsel–Furka–Susten oder Grimsel–Nufenen–Gotthard an einem Wochenende. Aber im Freundeskreis sagen dann natürlich schon einige: «Mit dir Velo fahren? Sicher nicht.» Meine zweite Leidenschaft neben der sportlichen Aktivität gehört der Kultur: Kino, Theater, Konzert, Musik.

Interview: Turi Bucher

arthur.bucher@luzernerzeitung.ch

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