LUZERN/INGENBOHL: «Das ist eine schwere Aufgabe»

Die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz haben in Heimen Kinder misshandelt. Jetzt sagt die Provinzoberin, welche Lehren sie daraus zieht.

Interview Christian Hodel
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«Geld hat noch nie Wunden geheilt»: Provinzoberin Marie-Marthe Schönenberger am Montag im Kloster Ingenbohl. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

«Geld hat noch nie Wunden geheilt»: Provinzoberin Marie-Marthe Schönenberger am Montag im Kloster Ingenbohl. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Schwester Marie-Marthe Schönenberger, Ihre Gemeinschaft nennt sich die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz. Wie passen Barmherzigkeit und rigorose Strafen zusammen?

Schwester Marie-Marthe Schönenberger*: Die Übergriffe in den Kinderheimen zwischen den 1920er- und 1970er-Jahren sind schrecklich und unentschuldbar. Man muss aber auch sehen, dass damals nicht nur in den kirchlichen Institutionen, sondern in der Gesellschaft ein ganz anderes Bildungsverständnis vorherrschte. Wenn Kinder hart bestraft wurden, etwa durch Prügel, wurde dies stillschweigend akzeptiert. Der Alltag sah damals leider anders aus. Auch das zeigt der von uns in Auftrag gegebene Bericht (siehe Kasten; Anm. d. Red.).

Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie den Bericht sahen?

Schönenberger: Ich war erfreut, dass über 60 Prozent der ehemaligen Heimkinder, die sich gemeldet haben, positive Erlebnisse mit der Zeit verbinden. Mir war auch wichtig festzustellen, dass Schwestern keine systematischen Quälereien begangen haben. Dies ist in den Medien leider so dargestellt worden.

Fest steht, dass Schwestern an Strafexzessen wie Schlägen beteiligt waren. Fühlen Sie sich dafür schuldig?

Schönenberger: Unsere Gemeinschaft hatte damals die Leitung in Heimen inne, etwa in Rathausen. Wir tragen eine Mitverantwortung, da einzelne Schwestern nicht sorgfältig gehandelt haben oder Vorkommnisse nicht gemeldet haben.

Was hat Sie im Bericht erschüttert?

Schönenberger: Erschüttert hat mich der Vorwurf, dass Schwestern im Heim in Rathausen Kinder in den Tod getrieben haben sollen. Das nagt am Selbstverständnis unserer Gemeinschaft, die sich dem Leben widmet und helfen will. Die Vorwürfe haben die Gemeinschaft schockiert.

Welche Erkenntnisse entnehmen Sie dem Bericht?

Schönenberger: Jedes Opfer darf seine eigene Wahrheit in Anspruch nehmen. Es gibt verschiedene Blickwinkel auf das Geschehene. Der Bericht ist insofern eine Annäherung und der Versuch, den Opfern eine Stimme zu geben. Der Bericht ist fair und kritisch, auch gegenüber unserer Gemeinschaft. Er nennt die Fakten beim Namen.

Leben in der Gemeinschaft noch Schwestern, die selber in Rathausen gearbeitet haben?

Schönenberger:Ja, es sind zwei oder drei Schwestern im Orden, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in Rathausen gelebt haben.

Was sagen diese Schwestern zu den Übergriffen in Rathausen?

Schönenberger: Jene betagten Schwestern, die bei uns leben, kennen die früheren Umstände auch nur vom Hörensagen. Denn die Mehrzahl der Übergriffe in Rathausen fand vor den 1950er-Jahren statt. Schwestern, die früher dort waren, sind verstorben.

Die Ingenbohler Schwestern wussten demnach seit Jahren von den Übergriffen in Rathausen?

Schönenberger: Nein. 2009 sind die ersten Fälle von Übergriffen in Rathausen durch die Medien und einen Dokumentarfilm ans Licht gekommen. Vorher wusste die heutige Ordensleitung nichts von den Vorfällen. Ich wusste nicht einmal, dass es in Rathausen bis 1972 ein von uns geführtes Kinderheim gab.

Wie haben die Schwestern, die selber in Rathausen tätig waren, auf den Bericht reagiert?

Schönenberger: Die Expertenkommission hat unseren Schwestern und Mitarbeitenden den Bericht vorgestellt. Die Betroffenheit war bei allen gross.

Einige der Opfer von Rathausen haben verkrüppelte Finger, andere finden auch heute noch nur mit Medikamenten einen ruhigen Schlaf. Wie will man diesem Leid gerecht werden?

Schönenberger: Wir haben seit dem Bekanntwerden der Vorfälle eine externe, vom Kloster unabhängige Anlaufstelle für die Betroffenen eingerichtet. Auch haben wir Schwestern Gespräche mit ehemaligen Heimkindern geführt. Ich selber habe unzählige Briefe ehemaliger Heimkinder beantwortet. In den Briefen wurden persönliche Schicksale geschildert, die meinen Respekt verdienen und mich betroffen machen. Ich habe mich bei allen Opfern im Namen der Gemeinschaft entschuldigt.

Reicht das?

Schönenberger: In bereits geführten Gesprächen habe ich gespürt, dass Zuhören für die Betroffenen das Wichtigste ist. Unsere Türen sind auch weiterhin immer offen.

Will man die Opfer finanziell entschädigen?

Schönenberger: Eine finanzielle Entschädigung stand nie zur Diskussion und wurde von den mir bekannten Heimkindern auch nie gefordert. Geld hat noch nie Wunden geheilt. Auch der Kanton Luzern, der für das Kinderheim in Rathausen letztlich verantwortlich war, entschädigt die Opfer finanziell nicht.

Die Geschichte lastet schwer: Vielen Bürgern ist es unverständlich, dass gerade Ordensschwestern an Übergriffen beteiligt waren. Hat das Image der Ingenbohler Schwestern gelitten?

Schönenberger: Es hat auf uns sicherlich Auswirkungen, wenn in den Medien steht: «Die Ingenbohler Schwestern quälten Kinder.»

Wie gehen Sie damit um?

Schönenberger: Mit solchen Pauschalverurteilungen müssen wir leben. Obwohl das so nicht korrekt ist.

Inwiefern hat die Aufarbeitung der Vorfälle in Rathausen das Leben der Schwestern verändert?

Schönenberger: Die Vorwürfe haben die Gemeinschaft sicherlich belastet. Wir sind froh, dass der Bericht nun öffentlich ist und ein wenig Klarheit geschaffen worden ist. Dadurch können wir beruhigter in die Zukunft blicken.

Wie soll denn die Zukunft aussehen?

Schönenberger: Bereits jetzt sind wir daran, unsere Richtlinien zu überarbeiten. Es ist einfach, bei Fehlverhalten die Schuld abzuschieben. Darum ist es nötig, die Kompetenzen und Verantwortlichkeiten der einzelnen Schwestern und Mitarbeitenden besser zu definieren. Da wir nicht nur ein herkömmlicher Betrieb, sondern auch eine Lebensgemeinschaft sind, ist das eine schwere Aufgabe.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Vergangenheit?

Schönenberger: Wir müssen künftig besser hin- statt wegschauen. In Rathausen zum Beispiel waren alle Instanzen miteinander verbandelt. Solche Umstände darf es nicht wieder geben. Wir wollen in unserer Gemeinschaft regelmässige Überprüfungen durchführen.

Soll der Bericht auch in die Arbeit der Schwestern mit einfliessen?

Schönenberger: Der Bericht ist einerseits ein Mahnmal. Andererseits kann er ein Hilfsmittel in der täglichen Arbeit sein.

Wie können Ereignisse wie in Rathausen künftig verhindert werden?

Schönenberger: Wir können Mechanismen schaffen, um Übergriffe frühzeitig zu verhindern. Aber als Einzelperson sind wir alle immer gefährdet. Es braucht wenig, damit ein Fehlverhalten zu Stande kommt.

Der Bericht ist der dritte, der die Missbrauchsfälle in den Luzerner Kinderheimen untersucht hat. Ist eine Zusammenführung geplant?

Schönenberger: Nein. Wir wollten unser Verhalten mit dem Bericht untersuchen lassen. Die Ergebnisse sind nun da. Für uns ist das abgeschlossen.

Hinweis
* Schwester Marie-Marthe Schönenberger (53) ist Handelslehrerin mag. oec. HSG und seit November 2008 Provinzoberin des Klosters Ingenbohl in Brunnen.