LZ-Weihnachtsaktion

Frauen flüchten vor Gewalt in der Beziehung: «Es ist ein Schritt, der viel Mut erfordert»

Die LZ-Weihnachtsaktion unterstützt auch Frauen, die wegen erlittener Gewalt aus Beziehungen flüchten müssen. Eine Mitarbeiterin des Frauenhauses Luzern berichtet uns, wieso Frauen diesen Schritt machen und wie es für sie weitergehen kann.

Interview: Arno Renggli
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Gewalt führt nicht nur zu Leid, sondern auch zu schwierigen Entscheidungen.

Gewalt führt nicht nur zu Leid, sondern auch zu schwierigen Entscheidungen.

Bild: Getty

Petra Sidler, als Mitarbeiterin des Frauenhauses Luzern begleiten Sie von Gewalt betroffene Frauen und Mütter in eine bessere Zukunft. Was bedeutet es für eine Frau, wenn Sie sich beim Frauenhaus meldet?

Petra Sidler: Es ist ein grosser Schritt, der sehr viel Mut erfordert. Oft hat die betreffende Frau schon lange Gewalt erlebt. Und ist nun endlich zum Schluss gekommen, dass sie so nicht weitermachen kann. Vielleicht auch, weil die Gewalt durch eine Eskalation oder gar einen Polizeieinsatz in der Nachbarschaft bekannt geworden ist. Wenn Kinder da sind, kommt die Überlegung dazu, diese ebenfalls zu schützen, weil sie die Gewalt mit ansehen müssen oder ihr sogar selber ausgesetzt sind.

Warum halten manche Frauen die Gewalt überhaupt so lange aus?

Auch diesbezüglich können die Kinder eine Rolle spielen. Oft ist ja der Gewalttäter eine wichtige Bezugsperson, die man den Kindern nicht wegnehmen möchte. Auch kann sogar sein, dass der gewalttätige Partner trotzdem ein guter Vater ist. Kommt hinzu, dass Täter oft ein sehr feines Sensorium dafür haben, wie weit sie gehen dürfen, wie sie stufenweise die Gewalt steigern können und wie sie die Partnerin durch Versöhnungen und Appelle wie «noch eine Chance» immer wieder von einer Trennung abhalten können.

Bekanntlich gibt es auch gewalt­tätige Frauen. Aber es ist schon eine Tatsache, dass vor allem Männer physische Gewalt ausüben. Gibt es so etwas wie Hauptgründe, warum jemand gewalttätig wird?

Es gibt gewisse persönliche Dispositionen, die sich auch aufgrund von Lebensumständen entwickeln können. So haben gewalttätige Menschen oft eine schlechte Impulskontrolle. Andere geniessen die Macht, die sie über Gewalt – vielleicht nur über Gewalt – ausüben können. Alkohol spielt nicht selten eine Rolle. Und vielleicht Drucksituationen wegen Geldproblemen, Jobsorgen oder empfundener häuslicher Enge. Dann gibt es auch Beziehungen, die einfach eine sehr starke Dynamik aufweisen, wo Konflikte quasi einfach dazugehören. Aber aus solchen Beziehungen gelangen eher selten Frauen zu uns.

Sondern?

Zu uns kommen in allererster Linie Frauen, die wegen fehlender sozialer Vernetzung oder aufgrund finanzieller Abhängigkeit wenig Ressourcen haben, das Problem selber zu lösen.

Im Frauenhaus erhalten die Betroffenen Schutz, Beratung, eine Atempause. Wie geht es danach weiter?

Es gibt Entscheidungen, zu treffen: Manchmal ist es möglich, dass ein Paar wieder zusammenkommt. Wir empfehlen den Frauen nach Möglichkeit ein geschütztes Treffen mit dem Ex-Partner, auch um zu schauen, was emotional passiert. Oft ist aber eine neue Wohnsituation nötig, indem entweder der gewalttätige Partner auszieht oder die Frau an einem neuen Wohnort einen kompletten Neuanfang wagt. In unserer Nachbegleitung helfen wir bei den vielen organisatorischen Fragen, begleiten aber auch die Aufarbeitung dessen, was die Frauen nun gewonnen, aber auch verloren haben, vermitteln gegebenenfalls eine psychologische Beratung. Ihre Gefühlslage ist oft schwankend – zwischen Euphorie und Trauer.

Akzeptieren es die Männer in der Regel, wenn sich eine Frau für die Trennung entscheidet? Oder geht es dann oft los mit Stalking, Drohungen und Ähnlichem?

Es gibt beides. Wir versuchen natürlich, auch im Fall von Trennungen zu helfen, dass die beiden Ex-Partner ein gutes Verhältnis haben, gerade wenn gemeinsame Kinder und vielleicht mal Enkelkinder vorhanden sind. Aber es gibt auch Situation, wo Frauen beschützt werden müssen, auch mit gerichtlichen und polizeilichen Massnahmen.

Wie sinnvoll sind finanzielle Starthilfen, wie sie die LZ-Weihnachtsaktion leistet, für betroffene Frauen?

Wie erwähnt, kommen zu uns selten Frauen, die über genug Geld verfügen. Sondern solche mit extrem knappen Budgets. Darum ist eine finanzielle Unterstützung bei einem Neustart für sie und ihre Kinder extrem wertvoll. Und sie sind immer sehr dankbar dafür.

Wir helfen von Gewalt Betroffenen

Auch dieses Jahr hat die LZ-Weihnachtsaktion mehrere Dutzend Unterstützungsgesuche zu Gunsten von Menschen in Gewaltsituationen erhalten. Eingereicht worden sind sie nicht nur vom Frauenhaus Luzern, sondern auch von anderen Institutionen aus der Zentralschweiz. So zum Beispiel zu Gunsten von Sonja L. aus dem Kanton Nidwalden. Sie musste mit zwei Kindern (8 und 4) vor dem gewalttätigen Partner flüchten. Zur finanziellen Belastung, welche die eigene kleine Wohnung mit sich bringt, kommt das Stalking durch ihren Ex-Mann. Sie, aber auch die Kinder leiden enorm unter der Situation. Wir helfen mit einem Beitrag für einige Anschaffungen im Kinderzimmer.

Andrea E. aus dem Kanton Luzern erlebte viele Jahre Gewalt durch ihren Mann, nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes wurde es noch schlimmer. Nach einer Todesdrohung flüchtete sie mit dem Kind ins Frauenhaus. Von dort aus wagt sie einen Neuanfang. Vom Ex-Mann kann sie keine finanzielle Beteiligung erwarten. Wir helfen ihr mit einem Überbrückungsbeitrag.

Christine T. aus dem Kanton Zug und ihre beiden Kinder leiden unter einem Mann und Vater, der alkoholisiert regelmässig gewalttätig wird. Bereits kam es zu mehreren Polizeieinsätzen. Um die Kinder zu schützen, hat sich Christine T. schweren Herzens für eine Trennung entschieden. Wir helfen ihr bei einem Neuanfang. (are)