Interview

LZ-Weihnachtsaktion: «Geld verteilen ist grosse Verantwortung»

Margrit Thalmann, frühere Gemeindepräsidentin von Schüpfheim, prüft zum 20. Mal im Beirat der LZ-Weihnachtsaktion Hilfsgesuche.

Arno Renggli
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«Dass wir so vielen Menschen helfen können, erfüllt mich mit tiefer Freude.» Margrit Thalmann in ihrem Wohnort Schüpfheim.

«Dass wir so vielen Menschen helfen können, erfüllt mich mit tiefer Freude.» Margrit Thalmann in ihrem Wohnort Schüpfheim.

Bild: Nadia Schärli
(Schüpfheim, 7. November 2020)

Am nächsten Freitag startet die diesjährige LZ-Weihnachtsaktion offiziell. Als Beirätin geht Margrit Thalmann (67) in ihre nunmehr 20. Sammlung. Dieses persönliche Jubiläum gibt Anlass, auf ihr Engagement und besonders berührende Momente zurückzuschauen.

Wie sind Sie damals zur LZ-Weihnachtsaktion gekommen?

Margrit Thalmann: Ich war damals Sozialvorsteherin von Schüpfheim. Da rief mich Franz Kurzmeyer, damals Beiratspräsident der LZ-Weihnachtsaktion an. Natürlich am Mittag, wie er das gerne machte, um die Leute sicher zu erreichen (lacht). Er fragte, ob ich das Entlebuch im Beirat vertreten würde. Und ich sagte zu, weil ich dachte: «Ich will gerne etwas zurückgeben für all das Gute, das ich erleben darf.»

In allen Jahren haben Sie als Bei­rätin rund 5000 Gesuche geprüft. Bedrückt es zuweilen, mit so vielen Notsituationen konfrontiert zu sein?

Vereinfacht gibt es zwei Arten von Gesuchen: Zum einen solche, bei denen es darum geht, jemandem mit wenig Geld eine nachhaltige Freude zu machen. Etwa wenn man einem Senior, der finanziell ganz knapp durchkommen muss, mit einem Beitrag an ein neues Hörgerät oder an ÖV-Kosten weiterhin zu sozialen Kontakten verhilft. So etwas belastet weniger, ich freue mich einfach, dass es dank unseren Spenderinnen und Spendern möglich wird.

Und die zweite Art?

Das sind die wirklich schlimmen Situationen mit Schicksalsschlägen, etwa schwere Krankheiten oder gar familiäre Todesfälle, wo dann oft auch noch Kinder zu den Leidtragenden gehören. Da muss man manchmal durchatmen.

Gerade im Wissen, dass die LZ-Weihnachtsaktion eine solche Situation ja nicht einfach aus der Welt schaffen kann?

Natürlich können wir nicht endgültige Lösungen bieten. Aber oft helfen, die schlimmste Zeit zu überbrücken. Das ermöglicht dann in vielen Fällen einen neuen Start. Zudem ist die Hilfe nicht nur materiell, sondern auch psychologisch wertvoll. Weil sie merken, dass sie in einer Region leben, wo grossherzige Menschen sie nicht im Stich lassen.

Sie sprechen damit die Spenderinnen und Spender an.

Ja, denn Geld zu verteilen, bedeutet eine grosse Verantwortung. Ich fühle mich den Spenderinnen und Spendern verpflichtet, dass das Geld sinnvoll eingesetzt wird. Mir kommt eine Frau in den Sinn, die mir mal direkt 100 Franken für die LZ-Weihnachtsaktion übergab. Ich wusste, sie hatte selber nicht viel. Und hätte ihr das Geld am liebsten zurückgegeben. Aber es war ihr wichtig, ebenfalls mithelfen zu können.

Gibt es bei den Gesuchen Themen, die immer wieder auftauchen? Und solche, die erst in den letzten Jahren vermehrt kommen, etwa aufgrund sozialer Veränderungen?

Unverändert häufig sind Krankheiten oder Unfälle, die das Leben einer ganzen Familie aus dem Lot bringen. Das gilt auch für Trennungen, bei denen Kinder involviert sind. Eher zugenommen hat in den letzten Jahren das Phänomen von «Working Poor», also Menschen, die voll arbeiten, aber wegen ihrer niedrigen Löhne trotzdem kaum durchkommen. Wenn dann etwas Unvorhersehbares passiert, sind sie sofort in einer Notlage. Dahinter steht eine Entwicklung mit immer höheren Ansprüchen, entsprechendem sozialen Druck bei zugleich wachsendem Gefälle zwischen Reich und Arm. Steigend ist auch der Leistungsdruck, welcher schwächere Menschen immer mehr an den Rand drängt. Insofern ist das Engagement der LZ-Weihnachtsaktion auch ein Beitrag zum sozialen Frieden.

Wie erleben Sie die Arbeit im Beirat?

Als grosse Bereicherung! Es sind ja alles Sozialexpertinnen und -experten aus der ganzen Zentralschweiz, da kommen ein breites Wissen und eine enorme Erfahrung zusammen. Es ist eine tolle Gruppe, die zielstrebig arbeitet.

Sie sind ja seit einigen Jahren pensioniert. Wie verbringen Sie die Zeit, von der Sie ja sicher mehr haben als früher.

Tatsächlich gab es früher Lebensphasen, in denen ich abends kaum jemals zu Hause war. Umso mehr geniesse ich die Zeit jetzt. Ich habe weiterhin einige ehrenamtliche Mandate und zudem zwei Enkel, die ich zusammen mit meinem Mann einmal in der Woche hüten darf. Zudem lese ich gerne und verbringe möglichst viel Zeit draussen mit Wandern, Skifahren oder Skitouren – gerade hier im schönen Entlebuch.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie nun Ihrer 20. Sammlung entgegen?

Ich werde immer gespannt das Spendenbarometer verfolgen. Und hoffe, dass wir wieder möglichst viel Geld zusammenbekommen. Ich weiss, dass diese Solidarität alles andere als selbstverständlich ist. Und sicher werde ich beim Lesen der Gesuche manchmal denken: «Was wäre, wenn es die Weihnachtsaktion nicht geben würde!» Es wäre unvorstellbar. Dass wir wieder so vielen Menschen helfen können, erfüllt mich mit tiefer Freude.

Neu im Beirat

Der Beirat der LZ-Weihnachtsaktion erfährt auf die diesjährige Sammlung folgende Wechsel:

Als Vertreter des Kantons Uri gibt Markus Tresch nach 20 Jahren den Stab weiter an Barbara Bär, frühere Urner Regierungsrätin.

Für den Kanton Zug ist neu die Sozialfachfrau Cornelia Fürst Stierli im ehrenamtlichen Einsatz und ersetzt Renate Falk-Fritschi, die 14 Jahre für uns tätig war.

Daniel Rüttimann lässt sich nach 5 Jahren von Luzia Syfrig, Luzerner Kantonsrätin und frühere Sozialvorsteherin Hitzkirch, ablösen. Sie betreut das Gebiet Hochdorf/Emmen. Für Peter Dietschi (seit 2015) stösst der Emmer Sozialdirektor Thomas Lehmann dazu (im Beirat auch zuständig für Stadt Luzern). (are)