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MAURERBERUF: Von Spanngurten und Spickschnüren

Wer sein leben als Baustelle bezeichnet, sollte wissen, wovon er spricht. Mein Arbeitsrapport von der Baustelle in Engelberg.
Reporterin Julia Stephan nimmt mit Polier Martin Odermatt auf einer Baustelle in Engelberg den Kübel mit Flüssigbeton in Empfang. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Reporterin Julia Stephan nimmt mit Polier Martin Odermatt auf einer Baustelle in Engelberg den Kübel mit Flüssigbeton in Empfang. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Wir Büromenschen nehmen Baustellen oft als Störfaktoren wahr: Weil der Baulärm uns morgens aus den Federn wirft. Oder so eine Baugrube den Weg zur Bushaltestelle versperrt. Ich habe meinen Büroarbeitsplatz für einen halben Tag gegen eine Baustelle eingetauscht. Und gelernt: A) Auf Baustellen herrscht mehr Ordnung als auf meinem Schreibtisch. B) Der Maurerberuf ist auch etwas für Frauen. Und C) Auf dem Bau wird man mit dem wunderbaren Gefühl beschenkt, etwas geleistet zu haben.

Nun wird betoniert

«Hier duzen wir uns alle», sagt Polier Martin Odermatt und drückt mir zur Begrüssung einen roten Helm in die Hand. Gleich darf ich mit ihm mein neues Revier erkunden, die Baustelle eines Mehrfamilienhauses in Engelberg, in der Nähe des Eugenisees. Noch ist das Haus mehr eine Vision auf Papier als ein handfestes Etwas. Die Bodenplatte liegt bereits, die ersten Wände stehen. Ich darf beim Betonieren helfen.
Als Polier ist der gelernte Maurer Martin Leiter der Baustelle, also mein Chef. Und als solcher fragt er gleich mal die Basics ab, die im Sommer ein jeder Arbeiter beherzigen sollte. «Was zu trinken dabei?» «Ja.» «Sonnencreme aufgetragen?» «Ja.» Und dann gehts auch schon die erste Leiter hoch. Denn der Beton, den Oli mit dem Krankübel vom geparkten LKW auf die Baustelle befördert, bleibt nicht ewig flüssig.

Riesige Verantwortung

Der 29-jährige Martin Odermatt ist Polier bei der Baufirma Mathis AG aus Wolfenschiessen. Das Familienunternehmen führt in der Region Nidwalden vor allem Hoch- und Tiefbauarbeiten durch. Im Winter erledigt das Team für die Gemeinde Wolfenschiessen Räumungsarbeiten und schaufelt streckenweise Schnee von den Gleisen der Zentralbahn. Bauunternehmer Toni Mathis hat das Geschäft von seinem Vater übernommen. Er sagt: «Das Leben ist zu wertvoll, um die Zeit im falschen Beruf zu verbringen.»
Martin, Maurer John, Kranführer Oli und Maurerlehrling Simon sind seit 6.45 Uhr auf den Beinen. Der Bauherr, ein Forstunternehmer, hilft mit. 2112 Arbeitsstunden schreibt der Gesamtarbeitsvertrag im Baugewerbe gesetzlich vor. Bei der Mathis AG beschränkt man sich auf Montag bis Freitag, das tägliche Arbeitspensum variiert nach Jahreszeit zwischen 8 und 9 Stunden. Als Polier hat Martin eine riesige Verantwortung. Er muss immer ein, zwei Schritte weiter denken als seine Kollegen, denn er ist für die korrekte Ausführung des Bauauftrags verantwortlich. Er bestellt Material, organisiert die Arbeitsschritte. Macht er Fehler, kostet das den Bauunternehmer viel Geld. Die Berufsbezeichnung ist mit dem französischen Verb «parler», zu deutsch «sprechen», verwandt, und das kommt nicht von ungefähr: Martin befiehlt. «Mein Job ist, dafür zu sorgen, dass die anderen beschäftigt sind», sagt er.

Termindruck ist hoch

Das ist untertrieben, denn Martin packt kräftig mit an und übt nebenbei mit Lehrling Simon, wie man die Richtschnur richtig hält. Martin ist effizient, in allem, was er macht. Der Bau ist für Selbstdarsteller, wie man sie in den Büroetagen findet, kein gutes Pflaster. Hier zählt vor allem, dass man vorankommt. Gemeinsam nehmen wir den Krankübel in Empfang und schütten den frischen Beton auf. Und endlich lerne ich eine Lärmquelle kennen, für die man Baustellen so oft verwünscht: die Vibriernadel. Das Gerät rüttelt die Luftblasen aus dem flüssigen Beton. «Einfache Physik», meint Martin, und reicht das schlauchähnliche Ding an mich weiter.
Die Sonne brennt nun ziemlich runter. Maurer John erzählt, der Radiomoderator habe letzte Woche über die Sommerhitze geklönt. Über die künstliche Aufregung im klimatisierten Radiostudio kann einer wie er nur grinsen. Zu schaffen machen ihm eher die Wintermonate. Wenn man Hände und Füsse vor Kälte nicht mehr spüre.

Sprachliche Fundgrube

Später bringen Martin und ich mit Deckenspriessen – eine Art Schraubzwinge in Grossformat – und Spanngurten die krummen Wände ins Lot. Präzisionsarbeit mit der Bleiwaage. Vom Spanngurt bin ich begeistert. «Der sieht ja aus wie eine Slackline», rufe ich. «Ja, selbes Prinzip, nur billiger», meint Martin dazu ganz nüchtern und grinst. Sprachlich ist der Aufenthalt in der Baugrube eine Fundgrube für mich: Noch nie hatte ich etwas von einer «Spickschnur» gehört. Die eingefärbte Schnur schnipst man mit den Fingern auf den Boden und erhält so eine fadengerade Markierung. Gegen Nachmittag taucht die Bauherrin mit Tochter auf. Sie erkundigt sich bei mir nach dem Stand der Arbeiten. Ich fachsimple mit meinem Halbwissen und freue mich, dass man mir die Maurerin abnimmt. Frauen sind im Maurerberuf immer noch selten. Gemäss Schweizerischem Baumeisterverband (SBV) bewegt sich der prozentuale Anteil bei den Lehrabschlüssen im einstelligen Bereich. Dabei könnten Frauen die körperliche Arbeit dank technischer Hilfsmittel heute gut bewältigen, findet Martin. Bei den Maurer-Schweizer-Meisterschaften 2014 schaffte es eine Frau auf den sechsten Platz.

Gefühl der Erfüllung

Der Beruf hat ein Imageproblem, nicht nur unter Frauen. Martin erzählt, wie bei seiner Weiterbildung zum Polier bereits ein Viertel der Absolventen die Branche gewechselt habe. «Heute will sich niemand mehr die Hände schmutzig machen», sagt er. Martin selbst hat damit keine Probleme. Wenn er gegen fünf Uhr abends die Baustelle verlässt, weiss er, was er geleistet hat. Und weil die Mathis AG vor allem regionale Aufträge annimmt, wird er immer wieder daran erinnert, wenn er mit dem Auto durch die Gegend fährt. Ein Gefühl der Erfüllung, für das viele Büromenschen nach Feierabend in die Baumärkte rennen, um am Wochenende als Hobbybauer den Ausgleich zu suchen. Martin hat das ganz umsonst.

Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt

10 000 Maurer gibt es derzeit in der Schweiz. Mit einer dreijährigen Lehre erlangt man den Beruf des Maurers mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ), der Durchschnittslohn beträgt gemäss Schweizerischem Baumeisterverband (SBV) 6000 Franken. Wer will, kann sich im Anschluss zum Vorarbeiter, Polier oder Bauführer ausbilden lassen. Auch ein Gang zur Fachhochschule steht als Karrieremöglichkeit offen.

Die Maurerausbildung befähigt zum Bau von Neubauten, zum Tätigkeitsfeld gehören aber auch Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten. Gemäss SBV werden jährlich zwischen 1100 und 1200 Lehrverträge abgeschlossen. Viele Lehrstellen bleiben jedoch unbesetzt.

Hinweis
In dieser Serie berichtet unsere Zeitung in lockerer Folge über «Sommerjobs». Bereits erschienen: Beatrice Vogel als Matrosin, Evelyne Fischer als Camping-Betreiberin und Ernesto Piazza bei der Kartoffelernte.

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