MEDIEN: Fall Lucie: Presserat rügt Berichterstattung

Die Veröffentlichung von Bild und Namen des Tatverdächtigen im Fall des getöteten Au-pair-Mädchens Lucie durch die Medien war laut Presserat unverhältnismässig.

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Medienleute bei einer Pressekonferenz zum Fall Lucie Mitte März 2009. (Bild EQ)

Medienleute bei einer Pressekonferenz zum Fall Lucie Mitte März 2009. (Bild EQ)

Die identifizierende Medienberichterstattung mit Foto und Namen des Tatverdächtigen im Fall des am vergangenen 4. März im Kanton Aargau getöteten 16-jährigen Au-pair-Mädchen Lucie war gemäss dem Schweizer Presserats unverhältnismässig, auch wenn Behörden Bild und Namen des 25-Jährigen freigegeben hatten. Die Veröffentlichung einer Fahndungsmeldung oder eines Zeugenaufrufs durch die Medien sei gerechtfertigt, wenn weitere schwere Verbrechen drohten, der Tatverdächtige auf der Flucht sei oder die Tat bestreite.

Foto in Livesendung gezeigt
Unverhältnismässig sei eine identifizierende Medienberichterstattung, wenn sich wie im Fall «Lucie» bereits vor der Veröffentlichung eines Zeugenaufrufs eine grosse Zahl möglicher Zeuginnen bei den Behörden gemeldet habe und der bereits gefasste mutmassliche Täter geständig sei. Auch wenn die Aargauer Kantonspolizei am 12. März an einer vom Schweizer Fernsehen direkt übertragenen Medienkonferenz unter anderem den vollen Namen und das Foto des geständigen mutmasslichen Täters veröffentlicht habe, sei der Betroffene nicht derart allgemein bekannt, dass danach eine anonymisierende Berichterstattung zwecklos gewesen wäre.

Medien zur Filterung aufgefordert
Redaktionen sollten laut dem Presserat nicht reflexartig publizieren, was Behörden zur Publikation freigeben, sondern eigenständige berufsethische Überlegungen anstellen. Auch wirtschaftlich schwierige Zeiten, strukturelle Veränderungen in der Medienlandschaft und der im Online-Zeitalter noch grösser gewordene zeitliche Druck dürfe nicht dazu führen, dass berufsethische Überlegungen hintanstünden. Radio- und Fernsehveranstalter sowie Onlinedienste, die Medienkonferenzen und vergleichbare Veranstaltungen ungeschnitten übertragen, sollten laut dem Presserat geeignete Vorkehrungen treffen, damit sie angemessen reagieren können, falls eine ungefilterte Weiterverbreitung von Bild und Ton der Veranstaltung berufsethische Normen verletzt.

Das Presseratspräsidium hatte Mitte März von sich aus entschieden, den Fall aufzugreifen. Dies, nachdem Medien Foto und Namen des Tatverdächtigen publiziert hatte.

ap