MEDIUM: «Ihr toter Grossvater möchte mit Ihnen Tee trinken»

In der Schweiz gibt es Hunderte Medien, die Kontakte mit Verstorbenen anbieten. Unsere Autorin hat eine Sitzung bei der Einsiedlerin Elvira Truttmann besucht.

Andrea Schelbert
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Kommuniziert mit Verstorbenen: Elvira Truttmann. (Bild Andrea Schelbert)

Kommuniziert mit Verstorbenen: Elvira Truttmann. (Bild Andrea Schelbert)

Eine Box mit Taschentüchern steht im Sitzungsraum von Medium Elvira Truttmann (49) bereit. Doch Tränen gibt es an diesem Morgen keine. Die Möglichkeit zu haben, mit Verstorbenen zu kommunizieren, löst Begeisterung und keine Trauer aus. «Ich nehme Kontakt mit Ihren lieben Verstorbenen auf. Sie kommen freiwillig, darum kann ich sie auch nicht hierher zitieren», erklärt das Medium zu Beginn. Wir würden zusammen ein ganz normales Gespräch führen. «Wenn Sie möchten, können Sie Fragen stellen.»

Besuch vom Grossvater

Es dauert keine 30 Sekunden, bis Elvira Truttmann bereits den ersten Verstorbenen beschreibt. «Ich habe einen Mann hier. Für mich fühlt es sich wie jemand aus der Familie an. Es ist ein älterer Herr», sagt das Medium aus Einsiedeln. Sie beschreibt den Verstorbenen als Grossvater und spricht in der Folge über seinen Charakter. Es ist beeindruckend, wie genau ihre Wahrnehmung ist: Gerechtigkeit sei für ihn enorm wichtig gewesen (stimmt) und er sei nicht immer verstanden worden (stimmt). Er sei ein hartnäckiger, charismatischer Mann gewesen (stimmt) und habe gerne seine persönliche Meinung gesagt (stimmt). «Ihr Grossvater ist da, weil er möchte, dass Sie wissen, dass er Sie hört. Er wird Ihnen in den nächsten Tagen ein paar klare Zeichen geben», sagt Truttmann.

50 Minuten kosten 120 Franken

Es folgen noch weitere Botschaften. Mehrmals sagt das Medium, wie stolz der Grossvater auf seine Enkelin sei. Truttmann erwähnt auch die spezielle Tasse, aus der die Schreibende jeweils ihren Tee trinkt. Und sagt: «Der Grossvater hält sich viel in Ihrer Küche auf. Er möchte, dass Sie ihm auch einmal eine Tasse Tee hinstellen.»

Diese Nachricht allerdings führt zu Skepsis, weil es nur schwer vorstellbar ist, dass ein bodenständiger Mann, wie er es war, überhaupt einmal Tee getrunken hatte. Unmittelbar nach dieser Begegnung mit dem Jenseits taucht laut Elvira Truttmann die nächste Verstorbene auf. Es ist die Grossmutter. Das Medium beschreibt ihren Körperbau richtig, auch vom Charakter her stimmt es. «Sie war sehr überrascht, als sie ins Jenseits gegangen ist. Es war für sie überwältigend», sagt die 49-Jährige. Sie erklärt, dass es die Grossmutter «verrückt finde», was die Schreibende in ihrem Leben alles mache. «Sie sagt, es sei enorm, wie viele Gedanken Sie im Kopf haben.» Beide dieser Aussagen haben wohl ihre Berechtigung. Für eine Botschaft aber bleibt keine Zeit mehr. Die 50 Minuten sind sehr schnell um, und die Sitzung ist beendet. Das macht 120 Franken.

Zuerst Heilerin

Elvira Truttmann war zuerst Heilerin und ist so zur Medialität gekommen. Sie ist seit 2008 als Medium tätig. Menschen aus der ganzen Schweiz und aus allen Schichten suchen sie in Einsiedeln auf. «Ich möchte Seelenarbeit machen und die Seelen berühren. Mein Wunsch ist es, aufzuzeigen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Darum mache ich das», sagt die zweifache Mutter.

Das Fazit

Klar ist: Elvira Truttmann besitzt mediale Fähigkeiten. Sie war an diesem Morgen glaubwürdig und teilweise sehr präzise. Die Schreibende hätte sich etwas mehr Tiefe und emotionalere Botschaften erhofft. Ihr grosser Wunsch war es, mit einem sehr guten Freund zu kommunizieren, der vor einigen Jahren völlig überraschend und sehr jung verstorben war. Dazu sagt das Einsiedler Medium: «Es war enorm wichtig für den Grossvater, dass er sich melden konnte.» Von den klaren Zeichen, mit denen er sich bemerkbar machen wollte, ist bisher aber keines angekommen.

Hinweis

Weitere Informationen zu Elvira Truttmann und ihrer medialen Akademie in Einsiedeln unter www.elviratruttmann.ch

Verstorbene suchen Kontakt

Elvira Truttmann erlebt als Medium auch schräge Si-tuationen und komische Anfragen. Sie erzählt: «Ich wurde schon nach Lottozahlen oder nach dem Versteck des Erbes eines reichen Onkels gefragt. Andere wiederum wollten von mir wissen, ob und mit wem ihr Partner eine Affäre hat. Solche Anfragen und auch Zukunftsvorhersagen lehne ich strikte ab.»
Elvira Truttmann glaubt, dass das Bedürfnis, mit den Verstorbenen in Kontakt zu kommen, schon immer in uns Menschen verankert war. «Heute darf man einfach mehr dazu stehen, und es wird auch immer mehr darüber gesprochen. Wir haben mit Pascal Voggenhuber ein sehr bekanntes und erfolgreiches Schweizer Medium, das Bücher schreibt und die Bevölkerung für diese Themen sensibilisiert.» Die 49-Jährige hat gelernt, mit Kritik umzugehen. «Ich bin überzeugt, dass jedes Medium probiert, das Beste zu machen. Man kann das Ganze ja nicht fassen, und von daher ist es unmöglich, mit unserem menschlichen Verstand eine Bewertung abzugeben. Das macht unsere Arbeit so schwierig.»

Tote in Ruhe lassen?

Zur oft gehörten Meinung, man solle die Verstorbenen doch in Ruhe lassen, sagt Elvira Truttmann: «Wenn man das wirklich machen sollte, warum kommen sie dann zu uns Medien und kommunizieren mit uns? Sie besuchen uns ja freiwillig. Für mich ist es klar, dass der Wunsch von Verstorbenen, mit uns Menschen in Kontakt zu treten, riesig ist.»