MEDIZIN: Ärztemangel im Freiamt: Erleichterte Bedingungen für ausländische Ärzte

Der Regierungsrat des Kantons Aargau hat den Zulassungsstopp für ausländische Grundversorger temporär gelockert. Was die einen Hausärzte der Region freut, löst bei anderen Bedenken bezüglich Qualität aus.
Cornelia Bisch
Die Lockerung des Zulassungsstopps soll dem Mangel an Hausärzten entgegenwirken. (Bild: Key/Gaetan Bally (Langnau am Albis, 18. Mai 2009))

Die Lockerung des Zulassungsstopps soll dem Mangel an Hausärzten entgegenwirken. (Bild: Key/Gaetan Bally (Langnau am Albis, 18. Mai 2009))

In ländlichen Gebieten der Schweiz sind Hausärzte Mangelware. Im Freiamt ist die Situation vor allem auch deshalb akut, weil einige Hausärzte in den nächsten Jahren in den Ruhestand treten werden. Kollegen aus dem nahen Ausland sind deshalb besonders gesucht. Es besteht jedoch auf Bundesebene eine Zulassungsbeschränkung. Diese schreibt vor, dass Ärzte mindestens drei Jahre an einer anerkannten schweizerischen Weiterbildungsstätte gearbeitet haben oder einen schweizerischen Weiterbildungstitel besitzen müssen.

Um dem akuten Hausärztemangel entgegenzuwirken, hat der Regierungsrat des Kantons Aargau nun entschieden, den Zulassungsstopp dahingehend zu lockern, als dass er während der Dauer eines Jahres, vom 1. Mai 2018 bis 30. Juni 2019, Ausnahmebewilligungen erteilt. Bedingungen dafür sind ein nachgewiesener Bedarf, ausreichende Deutschkenntnisse (C1-Niveau) des Kandidaten und, dass dieser nicht älter als 60 Jahre ist.

Die Leitung der Praxisgruppe Schweiz AG, der auch die Praxis in Sins angehört, und die zahlreiche Praxen im Kanton Aargau betreibt, ist froh über die Lockerung. «Nun können wir wieder Nachfolgeanfragen in den ländlichen Gebieten des Kanton Aargau annehmen, welche wir bis jetzt ablehnen mussten», sagt Verwaltungsratspräsident Joseph Rohrer. Die zeit­liche Begrenzung auf ein Jahr findet er eher fragwürdig. «Auch in den kommenden Jahren werden weitere Hausärzte in den ländlichen Gebieten eine Nachfolge brauchen.»

Rolf Glauser hingegen, der trotz seiner 72 Jahre noch immer für die Praxisgruppe Sins AG arbeitet, befürwortet die befristete Lockerung. «Nach einem Jahr muss man die Situation wieder neu beurteilen.»

Tutorat für ausländische Ärzte

Auch der Öffnung an sich steht der Hausarzt positiv gegenüber, obwohl: «Es ist zweischneidig. Einerseits stellt der Ärztemangel eine prekäre Situation dar, andererseits kommen auch viele Kollegen in die Schweiz, die nicht ausreichend qualifiziert und nur am schnellen Geld interessiert sind.» Es gebe aber auch Ausnahmen. «Eine gute Idee wäre meiner Ansicht nach die Einführung eines Tutorats, bei dem Hausärzte ihren Nachfolgern noch für ein Jahr über die Schulter schauen und sie mit den schweizerischen Gegebenheiten vertraut machen würden.» Auf diese Weise liesse sich das Know-how erhalten und auch die Patientenübergabe würde fliessend erfolgen, so Glauser. «Dies müsste man für obligatorisch erklären», ist er überzeugt.

Kollegin Verena Gantner des Ärztezentrums im Chilefeld Muri bemüht sich seit längerem gemeinsam mit Gleichgesinnten, dem Beruf des Hausarztes ein besseres Image zu verleihen. «Wir versuchen intensiv, Medizinstudenten, aber auch Assistenzärzten mit Praktika und Schnuppertagen die deutlich interessantere und vielseitigere Arbeit auf dem Land schmackhaft zu machen», erzählt sie. Sie würde es ausserdem begrüssen, wenn die Gemeinden mit unterstützenden Massnahmen Hand bieten würden: «Zum Beispiel durch die Unterstützung eines Arztes bei der Suche nach Räumlichkeiten. Oder durch das Vermieten gemeindeeigener Räume zu einem akzeptablen Preis.»

Der Lockerung des Zulassungsstopps begegnet Verena Gantner mit Skepsis. «Die Einwanderung hat insgesamt eine Verschlechterung der Qualität in der medizinischen Grundversorgung mit sich gebracht. Nur wenige ausländische Ärzte bringen vergleichbare Qualifikationen mit.» Als Mitglied der Aufsichtskommission Notfalldienst/Notfallpraxis des Freiämter Ärzteverbands befasst sie sich direkt mit dem Problem unqualifizierter Ärzte aus dem Ausland. «Das kostet viel Geld und Zeit und bringt weder den Patienten noch dem Gesundheitswesen etwas.»

Das Spital Muri begrüsst die Lockerung grundsätzlich, obwohl diese für das Spitalpersonal keine direkten Auswirkungen hat. «Das Spital Muri teilt jedoch die Sorge um die ärztliche Grundversorgung, insbesondere für die Region Freiamt», so Martina Elisabeth Wagner von der Medienstelle des Spitals. Rund die Hälfte der dort beschäftigten Ärzte stammt aus dem Ausland, die meisten davon aus Deutschland.

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

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