MEDIZIN: Hausarzt erhebt Vorwürfe gegen das Spital Muri

Der ehemalige Besitzer des Ärztezentrums Sins Rolf Glauser spricht über die Hintergründe der Praxisschliessung durch das Spital Muri. Er kritisiert die Entscheidungen und das Vorgehen des CEO Daniel Strub heftig. Das Spital weist die Vorwürfe zurück.

Cornelia.bisch@zugerzeitung.ch
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Rolf Glauser, ehemaliger Praxiseigentümer: «Die Idee der Schliessung war aus meiner Sicht dumm, arrogant und verantwortungslos.» (Bild: ZZ)

Rolf Glauser, ehemaliger Praxiseigentümer: «Die Idee der Schliessung war aus meiner Sicht dumm, arrogant und verantwortungslos.» (Bild: ZZ)

Eigentlich hat sich der 72-jährige Rolf Glauser seine Pensionierung etwas anders vorgestellt. Statt in seinem Oldtimer durch die Welt zu tuckern, sitzt er wieder in seinem angestammten Behandlungszimmer der Praxisgruppe Sins, wie das Ärztezentrum neu heisst. Letzten Freitag wurde Eröffnung gefeiert (siehe Bericht vom 2. September) mit Dr. Glauser als stellvertretendem Praxisleiter in einem 70-Prozent-Pensum sowie zwei weiteren Ärzten, die zu 100 Prozent angestellt sind. «So bleibe ich wenigstens geistig fit», scherzt Glauser. Wenn sich der Allgemeinmediziner jedoch ans letzte halbe Jahr erinnert, wird er ernst. «Es ist unerhört, wie das Ganze abgelaufen ist», sagt er kopfschüttelnd.

Auslöser waren zwei Kündigungen

Wegen ihrer Schwangerschaft gab die Ärztin Dr. Stierli-König ihre Stelle im Ärztezentrum Sins per Januar 2017 auf. Die leitende Ärztin Dr. Offermann verliess das Zentrum im Februar. Die verbliebenen beiden Ärzte Dr. Baschung und Dr. Taki waren überfordert und setzten durch, dass das Spital Muri ab Mitte März Dr. Glauser zu 40 Prozent wieder einstellte. «Ich war zwar bereits andernorts tätig, wollte aber die Gemeinde nicht im Stich lassen, für die ich jahrzehntelang als Hausarzt tätig gewesen war», erklärt Glauser. Zur gleichen Zeit entstand zwischen dem Spital und der verbliebenen Ärzteschaft im Zentrum Sins die Diskussion um mögliche betriebliche Änderungen und schliesslich um die Praxisschliessung. «Es hätte schon Möglichkeiten gegeben, etwas zu ändern. Man hätte die Ärzte beispielsweise etwas mehr beteiligen können, um ihr unternehmerisches Interesse zu wecken», betont Glauser. Als sich die Situation jedoch nicht änderte, reichte auch Dr. Baschung ihre Kündigung ein. «Die Situation war für mich so einfach nicht mehr tragbar», resümiert die junge Ärztin.

«Am Mittwoch vor Ostern hielt der Stiftungsrat des Spitals Muri eine Sitzung ab, von der ich erfuhr», erzählt Glauser weiter. «Ich riet Gemeindeammann Josef Huwiler, sich zu informieren.» Der Gemeinderat reagierte darauf und war schockiert, zu erfahren, dass die Schliessung bereits beschlossene Sache war. «Die Idee der Schliessung war aus meiner Sicht dumm, arrogant und verantwortungslos», stellt Glauser fest. «Das Spital Muri hat ja mit der Übernahme die Verantwortung für die fast 9000 Patienten an sich gerissen. Es war unerhört, sie einfach fallen zu lassen wegen mangelnder Rentabilität, und arrogant, nicht mal die Gemeinde darüber in Kenntnis zu setzen.» Dumm sei die Entscheidung vor allem deshalb gewesen, weil die Idee der Patientenakquisition für das Spital Muri dadurch im Keim erstickt worden sei. «Viele Leute lassen sich in Cham oder Luzern behandeln. Mit der Verbindung des Ärztezentrums zum Spital Muri hätte sich dies nach und nach sicher geändert.» CEO Daniel Strub habe immer betont, man habe alles getan, um das Zentrum zu retten. «Das ist einfach nicht wahr», so Glauser.

Das Spital Muri weise die Darstellung von Rolf Glauser zurück, sagt Julia Graf, Mitarbeiterin Marketing und Kommunikation des Spitals Muri. «Das Bild, welches der ehemalige Praxisinhaber zeichnet, ist tendenziös und zielt darauf ab, das Spital und insbesondere den CEO Daniel Strub persönlich anzugreifen.» Rolf Glauser überblicke die Entwicklungen nicht, die zum Schliessungsentscheid geführt hätten. «Aus Sicht des Spitals ist Dr. Glausers Enttäuschung jedoch verständlich. Er hat sein ganzes Berufsleben in die Praxis Sins investiert und fühlt sich bis heute der lokalen Bevölkerung stark verbunden. «Anders als von Dr. Glauser behauptet, waren nicht betriebswirtschaftliche Überlegungen, sondern die fehlenden Ärzte der Grund für den Schliessungsentscheid», hält Spitalsprecherin Graf dagegen.

Trotz der Unstimmigkeiten und Differenzen freut sich der zurückgekehrte Hausarzt auf seine Aufgabe, hofft aber auch, dass in absehbarer Zeit weitere Ärzte gefunden werden, damit er sich bald endgültig in den Ruhestand zurückziehen kann.

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch