«Meine Blumen müssen sich wehren»

Wo Lydia Riebli Blumen oder Sträucher pflanzt, entstehen Paradiese. Vielleicht, weil sie ihren «Geschöpfen» den Willen lässt.

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Lydia Riebli pflegt einen herzlichen Umgang mit ihren Pflanzen: 
Im Frühjahr werden sie jeweils begrüsst. (Bild: Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Lydia Riebli pflegt einen herzlichen Umgang mit ihren Pflanzen: Im Frühjahr werden sie jeweils begrüsst. (Bild: Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Wenn immer Wanderer im Tourismusort Lungern vom Bahnhof zum See hinunterlaufen, bleiben sie mitten im Dorf stehen. Blickfang ist ein Garten mit geradezu paradiesischer, unglaublich üppiger Blumenpracht: Lilien, Rosen, Goldruten, Akeleien, Steinnelken, Margeriten, zahllose Gräser, Polsterpflanzen, Teichrosen in Töpfen – einfach alles, was das Auge erfreut. Da hört man manch erstaunten, bewundernden Ausruf. Steht die leidenschaftliche Hobbygärtnerin Lydia Riebli-Britschgi zwischen ihren Pflanzen, kommt sie nicht umhin, Komplimente entgegenzunehmen, Fragen zu beantworten. «Deshalb verlege ich meine geliebte Gartenarbeit mehr und mehr auf den Abend», sagt sie. Und fügt lachend bei: «Ich bin sicher, man muss seinen Pflanzen gut zureden, will man, dass sie gedeihen.»

Das Wunder mit dem Rosenbogen

Die gelernte Bäuerin Lydia Riebli ist in einem alten Bauernhaus am sogenannten Tschorrenrank aufgewachsen. Dort kam sie zum ersten eigenen Blumengarten. Der lag auf einem schmalen, scheinbar unfruchtbaren Band zwischen Brünigstrasse und felsigem Abhang über dem See. Zuerst zog die Frau über einen Bogen prächtige Rosen. Bald schon entfaltete sich links und rechts davon eine grosse Blumenpracht. Wenn die Cars am Aussichtspunkt Tschorren anhielten, stahl Lydia Rieblis Blumengarten den Berner Alpen oft die Schau. Noch und noch wurde er fotografiert. Doch nach 25 Jahren musste die Gärtnerin ihr Paradies verlassen. Ihre Familie zog mitten ins Dorf. «Damals rettete ich den Rosenbogen und nahm eine Anzahl Setzlinge und Samen mit», erzählt sie.

Und, o Wunder: Der Rosenbogen blühte wieder auf. Mitten im neuen Garten. Im Verlauf der letzten zehn Jahre sind rund um ihn herum noch mehr Blumen und Sträucher gewachsen als je zuvor. «Die meisten sind mit mir umgezogen», erinnert sich die dankbare Gärtnerin.

Blumen haben ihre «Köpfchen»

«Ich habe wohl einen grünen Daumen, guten Mist und Regenwasser», meint Lydia Riebli. Doch wenn die Narzissen, Funkien, Rhododendren, Hortensien jeweils ihre Farbenpracht entfalten, meterhoch aufschiessen und nach dem Licht streben, mischt sich die Gärtnerin kaum mehr in ihr Gemeinschaftsleben ein. «Ich lasse meinen Blumengeschöpfen ihren eigenen Willen», sagt sie.  Pflanzen wüssten sich ganz gut selber zu wehren, erzählt Lydia Riebli weiter. «Wenn eine Blume verblüht, reckt sich schon die nächste», staunt sie. «Ihr Kommen und Gehen ist ein gewaltiges Wunder!» Dass der Garten ihr zwischendurch etwas abgibt für prächtige Sträusse, die sie so gerne zusammenstellt, nimmt die Gärtnerin mitten im Lungerer Dorf dankbar an.

Romano Cuonz

Mein Geheimtipp

«Im Garten nicht zu viel rumgraben oder jäten. Pflanzen machen unter sich aus, wer wo wachsen darf und soll! Und nicht vergessen: Die Blumen in jedem neuen Frühjahr wieder herzlich begrüssen! Denn: Blumen sind auch Geschöpfe!»