MENSCHENHANDEL-PROZESS: Drei Beschuldigte nicht am Prozess

Vor dem Schwyzer Strafgericht hat am Donnerstag der Prozess gegen zehn mutmassliche Menschenhändler begonnen. Am ersten Tag blieben drei Angeklagte der Verhandlung fern. Das Gericht lehnte zweimal Anträge zur Verschiebung des Prozesses auf den Juni ab.

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Einer der Angeklagten auf dem Weg zum Strafgericht in Schwyz. (Bild: Keystone)

Einer der Angeklagten auf dem Weg zum Strafgericht in Schwyz. (Bild: Keystone)

Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Schwyz wirft neun Männern und einer Frau im Zusammenhang mit einer Kontaktbar in Tuggen im Kanton Schwyz zwischen Juli 2006 und Ende Februar 2007 unter anderem Förderung der Prostitution und Menschenhandel vor. Angeklagt sind ein ehemaliger Geschäftsführer der Bar, seine Frau, der Vermieter sowie sieben weitere Männer als Helfer.

Gemäss Anklage wurden für die Bar mindestens 23 junge Frauen aus ärmlichen Verhältnissen in Rumänien, Bulgarien und Tschechien rekrutiert. Danach wurden sie im Etablissement zur Prostitution angehalten.

Die Frauen hielten sich illegal in der Schweiz auf. Laut Oberstaatsanwaltschaft wurden sie von den Barbetreibern überwacht und mussten teilweise ihren Pass abgeben, damit sie nicht abreisen konnten. Daneben kam es in dem Etablissement mutmasslich auch zu körperlicher Gewalt an Frauen sowie einer Vergewaltigung.

Mehrere Prostituierte sollen vom Hauptangeklagten sowie vom Vermieter angeworben worden sein. Danach kamen Frauen auch dank eines Vertrags mit einem Bordell in Nidau nach Schwyz. Zuletzt soll der Hauptangeklagte mit Mittätern in Rumänien Frauen beschafft haben.

Angeklagter tauchte ab

Drei der zehn Beschuldigten nahmen am Prozessauftakt nicht teil. Wo sich der eine Angeklagte aufhielt, war unklar. Der Verteidiger des gebürtigen Libanesen hat nach eigenen Aussagen seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm.

Der Mann soll nochmals vorgeladen werden. Er ist nicht zur Verhaftung ausgeschrieben, wie die vorsitzende Richterin sagte. Der Abwesende soll gemäss Anklage als stellvertretender Geschäftsführer der Kontaktbar geamtet haben.

Ein weiterer Beschuldigter, der in Bulgarien lebt, liess sich vorgängig dispensieren. Die beschuldigte schwangere Frau des Hauptangeklagten war laut Verteidiger aus nicht genannten Gründen am Vorabend des Prozesses ins Spital eingeliefert worden und fehlte ebenfalls.

Oberstaatsanwältin befürchtet Verfahrensfehler

 

Das fünfköpfige Gericht lehnte am Morgen und am Nachmittag Anträge der Oberstaatsanwältin sowie mehrerer Verteidiger ab, den weiteren Prozess nach den Befragungen der Beschuldigten auf den Juni zu verschieben. Die Antragsteller machten prozessformale Gründe für den Antrag geltend.

Die Befragung des unentschuldigt abwesenden Angeklagten sei Teil des Beweisverfahrens, sagte ein Verteidiger. Die Plädoyers der Staatsanwältin, des Privatklägers sowie der Verteidiger könnten seiner Auffassung nach nicht durchgeführt werden, bevor das Beweisverfahren abgeschlossen sei.

Die Oberstaatsanwältin sagte, sie habe ein schlechtes Gefühl was die formale Abwicklung des Prozesses angehe. Sie äusserte die Befürchtung, dass die Verhandlung an formalrechtlichen Aspekten scheitern könnte. Ein Verteidiger kündigte an, in seinem Plädoyer Verfahrensfehler geltend machen zu wollen.

Die drei Richterinnen und zwei Richter lehnten einen Prozessunterbruch zweimal nach kurzer Beratung ab. Beweise könnten auch später im Verfahren noch eingebracht werden, sagte die vorsitzende Richterin. Die Repliken nach den Plädoyers sollen jedoch auf Juni verschoben werden.Angeklagte verweigerten Aussagen

Aus den Befragungen der Angeklagten ergaben sich am Donnerstag kaum neue Erkenntnisse. Der 29-jährige Hauptangeklagte verzichtete vor Gericht weitgehend auf zusätzliche Ausführungen. Er sagte, er könne sich nach sieben Jahren nicht mehr an die Einzelheiten erinnern und verwies auf frühere Aussagen.

Der Hauptangeklagte sagte vor Gericht, er habe als 20-Jähriger die Bar übernommen und beweisen wollen, dass er gutes Geld verdienen könne. Die Sache sei ihm aber von Beginn weg über den Kopf gewachsen. Zudem sei er hundertmal von Geschäftspartnern über den Tisch gezogen worden. Aus heutiger Sicht bereue er die Situation.

Die weiteren Angeklagten verweigerten ihre Aussagen oder verwiesen auch auf frühere Angaben. Der angeklagte ehemalige Vermieter der Bar bestritt zudem mehrere ihm vorgeworfenen Sachverhalte und widersprach früheren Aussagen.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt. Ab dann stehen die Befragung der am Donnerstag wegen Krankheit abwesenden Angeklagten sowie die Plädoyers von Staatsanwaltschaft, Privatkläger und Verteidiger auf dem Programm.

Erste Urteile in Bern

Der Prozess geht auf zwei zeitgleiche Grossrazzien im Rotlichtmilieu im Februar 2007 in Nidau und Tuggen zurück. Die Behörden vermuteten Verbindungen zwischen den Etablissements. Involviert waren über 200 Polizisten aus Schwyz und Bern sowie die Bundeskriminalpolizei und rumänische Behörden. 16 Personen wurden verhaftet.

Ende Mai 2013 wurde der frühere Chef des einen Bordells in Nidau erstinstanzlich vom Regionalgericht Berner Jura-Seeland zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Er machte sich des mehrfachen Menschenhandels und der Förderung von Prostitution von 45 Frauen schuldig.

Gegen drei weitere Angeklagte verhängte das Gericht Freiheitsstrafen von fünfeinhalb Jahren, dreissig Monaten und zwanzig Monaten. Das Gericht beurteilte Taten zwischen 2003 und 2007.

Der Prozess wird am Montag um 09.00 Uhr im Rathaus Schwyz fortgeführt.

sda