MESSE LUZERN: Blocher plädiert für mehr Geschichte

Rund 1300 Leute hören zu, wie Christoph Blocher Zentralschweizer Persönlichkeiten würdigt. Und sagt, weshalb die Banker besser auf Bruder Klaus gehört hätten.

Kari Kälin
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Mit seiner altbekannten Mimik und Gestik zog alt Bundesrat Christoph Blocher gestern in Luzern die Zuhörer in seinen Bann. (Bild Pius Amrein)

Mit seiner altbekannten Mimik und Gestik zog alt Bundesrat Christoph Blocher gestern in Luzern die Zuhörer in seinen Bann. (Bild Pius Amrein)

Politisch steht Christoph Blocher (73) nicht mehr so stark im Rampenlicht wie früher. Im «SVP-Extrablatt» zur Initiative gegen die Masseneinwanderung etwa kommen andere Exponenten zu Wort. Betritt der Zürcher Nationalrat und alt Bundesrat aber einen Saal, lockt er noch immer die Massen an. Mehr als 1300 Personen hörten gestern Morgen in der Messehalle Allmend, wie Blocher drei historische Zentralschweizer Persönlichkeiten ehrte: Nikolaus von Flüe (1417–1487), Politiker Philipp Anton von Segesser (1817–1888) und Maler Robert Zünd (1826–1909). «Ich interessiere mich leidenschaftlich für Geschichte, vor allem für Biografien», sagt Christoph Blocher.

Blocher bringt Zünd nach Luzern

Man spürte, dass der alt Bundesrat viel Herzblut in den Vortrag steckte. Während eineinhalb Stunden zog er das Publikum in seinen Bann. Und natürlich stellte Blocher auch Verbindungen zum politischen Hier und Jetzt her. Der berühmte Satz von Bruder Klaus, «machend den zun nit zu wit» hält er nicht nur für eine passende aussenpolitische Richtschnur. Das Motto gilt für ihn auch in der Wirtschaft. So hätten die Banker, die mit komplizierten, unübersichtlichen Finanzkonstrukten in die Krise schlitterten, oder die Swissair, die wahllos ausländische Airlines zusammenkaufte, laut Blocher besser den Rat von Niklaus von Flüe verinnerlicht.

Den konservativen Politiker Philipp Anton von Segesser, den grossen Gegenspieler des Zürchers Alfred Escher, lobte Blocher als überzeugten Förderalisten. «Ich bin Demokrat, Föderalist und Katholik», pflegte von Segesser zu sagen. Im jungen Bundesstaat, in dem die Katholiken von der liberalen Mehrheit an den Rand gedrängt wurden, bedeutete das Bekenntnis eines führenden katholischen Politikers zum Vaterland viel. Andere Katholiken, vor allem die sogenannten «Ultramontanen», orientieren sich lieber am Papst als am Bundesstaat – und würden von den Liberalen «Römlinge» geschimpft. Von Maler Robert Zünd, den Blocher als «ausgesprochenen Einzelgänger» schilderte, nahm Blocher gleich einige Bilder mit nach Luzern.

SP und SVP würdigen Bruder Klaus

Vom grossen Aufmarsch in der Messehalle Allmend zeigte sich Blocher angenehm überrascht. Wenn an der Schule keine Schweizer Geschichte mehr gelehrt werde, müsse er halt in die Bresche springen. Er wünsche sich wieder mehr Schweizer Geschichte in hiesigen Schulstuben. Wer nämlich seine eigene Geschichte nicht kenne, werde heimatlos. Daraus resultiere, dass sich ein Land leichter führen liesse – auch in die EU.

In der Messehalle fanden sich neben eingefleischten Blocher-Fans aus der ganzen Schweiz auch überraschende Gäste wieder. Zum Beispiel die 30-jährige Valentina Smajli, nach eigenen Worten eine «vernünftige und bodenständige» Sozialdemokratin, Mitglied der Integrationskommission der Stadt Luzern und Vizepräsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Für Smajli, die junge Frau mit albanischen Wurzeln, dient Bruder Klaus auch den Sozialdemokraten als Identifikations­figur. «Ich bin von seinem Aufruf zur Nächstenliebe fasziniert. Er vertrat schon zu seiner Zeit konsequent und vorbildlich soziale und demokratische Grundwerte», sagt Smajli. Sie sei gekommen, um einen Volkshelden aus ihrem Heimatkanton Obwalden zu würdigen und zu ehren.