«MESSIES»: Sie räumen mit einem Vorurteil auf

Wer Unmengen Material hortet und extrem unordentlich ist, gilt als Messie. Erstaunlich: Viele dieser Menschen sind gut situiert und integriert. Das haben zwei Luzernerinnen herausgefunden.

Roger Rüegger
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Heidi Schwery (links) und Ursula Schwarzentruber forschten an der Hochschule Luzern über das Messie-Syndrom. (Bild Nadia Schärli)

Heidi Schwery (links) und Ursula Schwarzentruber forschten an der Hochschule Luzern über das Messie-Syndrom. (Bild Nadia Schärli)

Beim Wort Messie denkt man sofort an Chaoten in schwierigen Lebenssituationen. Doch die «Sammler», die Unmengen Material aller Art horten, müssen nicht automatisch am Rande der Gesellschaft leben und sind auch nicht zwingend verwahrlost. Vielmehr können sie vordergründig ein ganz normales Leben führen. Ursula Schwarzentruber (45) aus Ruswil und Heidi Schwery (31) aus Luzern haben für ihre Diplomarbeit an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit über Messies recherchiert.

Ingenieure und IT-Fachleute

In der Studie mit dem Titel «Leben in Fülle» haben sie die Auswirkung des Messie-Syndroms auf die Erwerbstätigkeit untersucht. «Wir haben uns überlegt, ob Menschen, welche vom Messie-Syndrom betroffen sind, in der Arbeitswelt Schwierigkeiten haben», sagt Heidi Schwery. Ursula Schwarzentruber ergänzt, dass sie nur ein unvollständiges Bild eines Messies hatten. Ohnehin sei der Begriff unangebracht, weil dieser ein negatives Bild vermittle. Bei ihren Recherchen zeigte sich Überraschendes. So sind die neun Personen, die sie befragten, allesamt beruflich bestens aufgestellt. Darunter sind Ingenieure, Journalisten oder IT-Fachleute. «Die meisten haben Studienabschluss. Das hätten wir nicht erwartet», räumt Schwarzentruber ein. Bemerkenswert sei, dass alle diese Leute grössten Wert darauf gelegt hätten, dass an ihrem Arbeitsplatz niemand von ihrem Problem Kenntnis habe, ja dass die meisten bei der Arbeit sogar extrem auf Ordnung bedacht seien. «Eine Person sagte, dass sie richtig Angst davor habe, dass jemand im Geschäft von ihrer Neigung Wind bekomme. Das zeigt, dass der Leidensdruck doch recht hoch ist», sagt Schwery. Weitere Merkmale: Sämtliche der befragten Personen hätten offen über ihre Sammelleidenschaft kommuniziert. Die meisten seien gut vernetzt, ausserdem seien ihnen soziale Kontakte wichtig. Und: «Fast alle sind in einer Beziehung – allerdings lebt keine einzige Person mit ihrem Partner unter einem Dach», sagt Schwery.

Wo gibts noch Platz für Stühle?

In den Wohnungen ihrer Interviewten trafen Schwarzentruber und Schwery verschiedene Situationen an. «Bei einem Mann mussten wir schier die Wohnung auf den Kopf stellen, um Stühle zu finden und einen Platz, wo wir diese hinstellen konnten. Ein anderer, den wir zu Fuss nach Hause begleiteten, hat unterwegs ein Stück Holz gefunden und dieses gleich mitgenommen, weil er meinte, dass er das Teil gebrauchen könne.» Typische Beispiele? Nicht unbedingt. Andere Personen hätten zu Hause einzelne Bereiche, die clean bleiben.

Eine Lösung für das Problem ist gemäss den Studentinnen nicht einfach zu finden. «Die ist so vielseitig, wie es betroffene Personen gibt. Bei vielen Leuten spielt das Messie-Syndrom mit einer anderen Belastung wie etwa einer Depression zusammen, daher ist eine psychologische Betreuung häufig notwendig», meint Ursula Schwarzentruber. Hilfe biete auch der Verband «LessMess» (www.lessmess.ch) an.

Auf keinen Fall funktioniert eine Radikalkur. Heidi Schwery: «Ganz sicher ist es nicht damit getan, bei einem Menschen mit Messie-Syndrom eine Zwangsräumung anzuordnen. Eine Frau sagte mir, dass sie fast körperliche Schmerzen leide, wenn man ihr etwas wegnimmt. Wie wenn man ihr ein Stück Haut vom Leib reisst.»