Millionen gegen Arbeitsmangel

Wie reagierte der Kanton, als ihn erstmals Arbeitslosigkeit traf? Die soeben erschienene Kantonsgeschichte beantwortet diese Frage.

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Spielte eine Rolle in den 1930er-Jahren: der Bau des Wägitaler-Kraftwerks. (Bild: Archiv Neue SZ)

Spielte eine Rolle in den 1930er-Jahren: der Bau des Wägitaler-Kraftwerks. (Bild: Archiv Neue SZ)

Sie verschonte auch den Kanton Schwyz nicht: die Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. Wurden noch 1930 im Kanton lediglich 30 Arbeitslose registriert, so stieg ihre Zahl schon 1932 auf 210 an. 1934 waren es schon 510 Arbeitslose und auf dem Höhepunkt 1937 deren 640. Von einer Arbeitslosenversicherung oder von regionalen Arbeitsvermittlungsstellen wie heute war in Schwyz, damals vorwiegend ein armer Bauernkanton, noch nicht die Rede.

Arbeitsbeschaffungsmassnahmen

Trotzdem liess der Kanton Schwyz in den Dreissigerjahren die Arbeitslosen nicht im Stich. «Behörden und Volk waren überzeugt, dass die Krise mit Massnahmen zur Arbeitsbeschaffung mindestens gemildert werden könnte», schreibt der Schwyzer Historiker Erwin Horat in der Kantonsgeschichte. Der Kanton begann, Geld bereitzustellen: Zuerst, im Jahr 1934, waren es 365 000 Franken. Mit den Jahren stieg diese Summe stetig an bis auf 2,89 Millionen Franken im Jahr 1937. «Ausgeführt wurden Hoch- und Tiefbauarbeiten», schreibt Horat.

Strassennetz ausgebaut

Wer in der Kantonsgeschichte blättert, stösst immer wieder auf solche Notstandsarbeiten der Dreissigerjahre. Eine solche war zunächst der Ausbau des Kantonsstrassennetzes. Bis 1939 waren 90 Prozent der Kantonsstrassen auf fünf bis sechs Meter verbreitert und mit staubfreiem Belag versehen. «Der letzte Schotter auf Kantonsstrassen verschwand 1954», schreibt Meinrad Suter. Und der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann hält zum Strassenbau fest: «Von 1931 bis 1940 investierte der Kanton insgesamt 12 Millionen Franken.» Der Wasserbau, in den 1920er-Jahren weitgehend zum Erliegen gekommen, wurde 1929 wieder aufgenommen an der Muota, an der Sihl, der Steiner Aa und im Wägital. Gemeinden liessen Güterstrassen in entlegene Gebiete bauen oder beschäftigten Helfer, um die Schäden nach schweren Unwettern im Jahr 1934 zu beseitigen.

Südostbahn elektrifiziert

Der Kantonsrat genehmigte auch Gelder für den Umbau des Schwyzer Abschnitts des Seedamms und zur Elektrifizierung der Südostbahn. Der Kanton Schwyz leistete dieser Privatbahn, die schon damals nebst den SBB ebenfalls durch den Kanton fuhr, ein Darlehen von 1,2 Millionen Franken. Dabei trafen sich zwei unterschiedliche Interessen: Der Bahn war wegen der steigenden Kohlepreise der Dampfbetrieb zu teuer geworden. Und der Kanton wollte mit der Elektrifizierung ebenfalls etwas tun gegen die Arbeitslosigkeit. Diese damalige Arbeitsbeschaffungsmassnahme mündete in eine massgebliche Miteigentümerschaft des Kantons bei der SOB.

Eine Rolle spielten damals auch private Investoren. «In diesen Jahren entdeckte der Kanton sein Potenzial als Wintersportgebiet», schreibt Martin Schuler. «Die Standseilbahn auf den Stoos war das wichtigste Projekt, das noch vor dem Krieg verwirklicht werden konnte neben den ersten Skiliften in Oberiberg 1938 und 1939 am Fronalpstock.»

Die Kraftwerkprojekte

Von viel grösserer Bedeutung aber waren zwei Kraftwerkprojekte im Kanton. Den Bau des Kraftwerks Wägital von 1920 bis 1924 hatte der Kanton Schwyz noch konzessioniert, ohne eine finanzielle Beteiligung zu verlangen. Beim Bau konnte unter den zeitweise bis zu 2000 Arbeitern nur eine kleine Minderheit aus dem Kanton Schwyz mittun. Diese «ernüchternden Erfahrungen», so Tobias Straumann, wollte der Kanton Schwyz später beim Bau des Sihlsee-Kraftwerks oder Etzelwerks nicht mehr machen. «Bei der Festlegung des Baubeginns kam es zu einem Interessenkonflikt», schreibt Straumann in der Kantonsgeschichte. «Die Etzelwerk AG wollte angesichts des Stromüberflusses mit dem Bau einige Jahre zuwarten, während der Kanton Schwyz aufgrund der Wirtschaftskrise an der Schaffung von Arbeitsplätzen interessiert war.»

Man einigte sich auf einen Kompromiss: Die Etzelwerk AG war bereit, 1932 mit dem Bau zu beginnen, der Kanton machte Abstriche bei der Konzession. Gebaut wurde von 1932 bis 1937, das Kraftwerk kostete 62 Millionen Franken, «und es wurden jedes Jahr im Durchschnitt mehrere hundert Arbeiter beschäftigt», so Straumann.

Bert Schnüriger

Tumulte, Spionage, Hungersnot  ...

Tumulte, Spionage, Hungersnot, Skandale, Zensur oder die Uniform eines Nazi-Ortsgruppenleiters in einem Kleiderschrank im Hauptort: All dies gehört auch zur Schwyzer Geschichte. Das soeben erschienene mehrbändige Werk zur Geschichte des Kantons erschöpft sich nicht nur in Abhandlungen über Althergebrachtes wie Schlachten, Herrenhäuser, alte Kirchen, Ausgrabungen oder Reisläuferei. Linderung in der Krise Zur Schwyzer Kantonsgeschichte gehört auch die schwierige Zeit der 1930er-Jahre, in denen auch der Kanton unter einer Weltwirtschaftskrise litt und dies mit allerhand Arbeitsbeschaffungsmassnahmen zu lindern versuchte. Die Neue SZ schöpft derzeit in einer losen Artikelserie wiederholt aus dem reichen Fundus des neuen kantonalen Geschichtswerks. Die siebenbändige «Geschichte des Kantons Schwyz» ist im Buchhandel oder beim herausgebenden Historischen Verein des Kantons Schwyz erhältlich und kostet 200 Franken.