Mit der Hundeleine Spaziergänger gerettet

«Zwei Fischer retten einen Mann vor dem Ertrinken im Zugersee. Dass sie ihn bei Dunkelheit überhaupt entdeckten, war purer Zufall.

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Am Zugersee bei Walchwil: Silvan Kessler (links) und Boris Golijanin an dem Ort, wo sie im Januar einem Spaziergänger das Leben retteten. (Bild: Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Am Zugersee bei Walchwil: Silvan Kessler (links) und Boris Golijanin an dem Ort, wo sie im Januar einem Spaziergänger das Leben retteten. (Bild: Corinne Glanzmann/Neue LZ)

Silvan Kessler und Boris Golijanin treffen sich an diesem eisig kalten Januarabend an ihrem angestammten Platz bei Walchwil am Zugersee. Die Freunde verbindet seit Jahren die Leidenschaft zum Angeln. «Eigentlich war es zu kalt, um zu fischen. Doch ich hatte aus Übersee neue Rollen zum Angeln bestellt, und diese wollte ich Boris an diesem Abend übergeben», sagt der 28-jährige Silvan Kessler aus Cham. In Japan sei das Material technisch um einiges fortgeschrittener, erklärt Kessler. Boris (23) aus Steinhausen nickt: «Und weil wir schon mal hier waren, wollten wir das Material prüfen. Also haben wir ein paar Würfe gemacht.»

An dem Abend seien keine Spaziergänger unterwegs gewesen. Nur dieser Mann mit seinem alten Hund. «Ich erinnere mich, dass ich ihn grüsste», sagt Golijanin. Augenblicke später ertönte aus der Richtung, in die der Hundehalter unterwegs war, ein Plätschern in Ufernähe. «Es war stockdunkel. Wir sahen aber, dass sich das Wasser bewegte. Unser erster Gedanke war, dass die Räuber im See die kleinen Fische an die Mauer am Ufer treiben, denn dann brodelt es jeweils. Das ist ihre Jagdtaktik», sagt Silvan.

Schaum am Mund
Doch dies geschehe niemals im Januar. «Ich fragte Boris, ob der Mann zwei Hunde dabei gehabt habe und ob einer von ihnen ins Wasser gesprungen sei», sagt Kessler, der sich inzwischen von seinem Platz entfernt hatte und in die Richtung blickte, aus der das Geräusch kam. Was er dann sah, liess ihm das Blut in den Adern gefrieren. «Der Hund stand am Ufer, von seinem Besitzer keine Spur. Das Ende der Hundeleine verschwand im Wasser. Die Leine aber war so straff, dass der Hund hechelte und Schaum vor dem Mund hatte.

Jetzt begriffen die Angler den Ernst der Lage. «Der Mann war unter Wasser und hielt sich wohl verkrampft an der Leine fest. Er lag auf dem Grund, vier oder fünf Meter tief war der See an dieser Stelle», sagt Golijanin.

Mann sah aus wie tot
Die Angler reagierten rasch, jede Sekunde zählte. Sie zogen an der Leine, bis der Mann an der Oberfläche auftauchte. «Er hielt sich noch immer fest, was für ein Glück. Wir zerrten und konnten einen Arm fassen. Ein schweres Stück Arbeit», sagt Kessler. Irgendwie hätten sie den anderen Arm gepackt und den Mann aus dem eiskalten See gezogen. Kessler alarmierte den Notruf, Golijanin seine Freundin, die in der Nähe wohnt. Sie brachte Decken. Während die Männer den unterkühlten Hundehalter in die Decken hüllten, kümmerte sich die Frau um den Hund. Die Retter hatten die Situation einigermassen im Griff ... «Plötzlich erhob sich der Mann, er wollte nach Hause. Er stand unter Schock», sagt Golijanin.

Zum Glück – die Zeit schien endlos – trafen just in dem Moment Rettungsdienst und Polizei ein. Die Freunde konnten die Verantwortung abgeben. Erschöpft gingen sie nach Hause und versuchten, das Geschehene bei einem Bier zu verarbeiten. Kessler erzählt etwas nachdenklich: «Ich hatte immer wieder das weisse Gesicht mit offenem Mund vor Augen. Der Mann sah aus wie tot.» Und Golijanin sagt, dass ihn damals ein Angstgefühl packte. «Der Mann hätte mit dem Kopf aufschlagen können, und wir hätten wohl nichts für ihn tun können, nichts.» Der Hundehalter ist im mittleren Alter und wohnt in der Nähe des Sees. Er hatte Glück, dass die Fischer an diesem Abend ihr Angelmaterial ausprobierten.

Treffen geplatzt
Wie sind die Retter und der Verunfallte verblieben? Golijanin: «Seine Frau hat uns angerufen und sich im Namen von ihm und der kleinen Tochter bei uns bedankt.» Später habe sich auch der Mann telefonisch gemeldet. «Er sagte, er wolle uns unbedingt kennen lernen.» Man habe provisorisch ein Treffen ausgemacht. Zudem habe er ihnen einen Brief mit Gutscheinen, Geld und einigen Worte zum Dank geschickt. Seither haben sie nichts mehr gehört.

Wer ist der Gerettete? Golijanin sieht ihn manchmal, wenn er mit dem Hund am See spazieren geht. Aber Kontakt gab es nie. «Schade. Aber vielleicht kann er nicht ...», so der Angler. Die Freunde betonen aber, dass sich der Mann bei ihnen beiden grosszügig bedankt habe. «Es ist eigentlich okay. Ich hätte nur gerne gewusst, was er für ein Mensch ist», sagt Golijanin. Auch Kessler macht sich noch Gedanken zu diesem Abend: «Ich war noch nie so nahe am Tod und weiss nicht, was ich mit der Situation anfangen soll. Ich würde es einfach gerne verstehen.»

Roger Rüegger

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