MOBILITÄT: Immer mehr Autos auf unseren Strassen

Noch nie waren in der Zentralschweiz so viele Autos unterwegs. Vor allem Dieselautos werden immer beliebter – trotz Abgasskandal.

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Bild: Grafik Lea Siegwart / Neue LZ

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Gabriela Jordan

Die Staus lügen nicht: Jedes Jahr gibt es mehr Fahrzeuge auf den Strassen und damit jedes Jahr einen neuen Rekord. Schweizweit waren es im vergangenen Jahr rund 5 885 600. Fünf Jahre davor waren es noch 5 480 300. Das ist ein Anstieg von 7,4 Prozent. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wuchs die Schweizer Bevölkerung um 4,8 Prozent. Das gleiche Bild zeigt sich auch in der Zentralschweiz: 2015 waren rund 599 400 Fahrzeuge unterwegs – vor fünf Jahren waren es noch 547 100 (plus 10 Prozent). Das zeigen Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Die Anzahl Autos steigt seit den Siebzigerjahren kontinuierlich. Im Kanton Luzern sind es erwartungsmäss mit rund 284500 im Jahr 2015 am meisten Fahrzeuge in den sechs Zentralschweizer Kantonen (siehe Grafik).

Benzinautos im Rückwärtsgang

Überraschend: Ginge es nur nach der Zahl der Benzinautos, würde es in der Zentralschweiz weniger Fahrzeuge geben. So ging die Zahl der Benziner im Kanton Luzern innert fünf Jahren um 5306 auf 147 702 Autos zurück (siehe Grafik). Diese Tendenz zeigt sich auch in den anderen Zentralschweizer Kantonen.

Dafür sind die Dieselfahrzeuge auf dem Vormarsch. Die Zahl der Dieselfahrzeuge stieg in Luzern zwischen 2011 und 2015 um 21 563 an. Diese Veränderung spüren auch die Garagisten. Roswitha Brunner, Sprecherin der Amag Schweiz, sagt: «Der Verkauf von Dieselautos hat in den letzten Jahren etwas dazugewonnen.» Sie nennt dafür folgenden Grund: «Dieselmotoren sind sparsamer und effizienter.»

Diesel fast so günstig wie Benzin

Markus Peter, Leiter Automobiltechnik und Umwelt vom Autogewerbeverband Schweiz, bestätigt den technischen Vorsprung. Die Zunahme liege an der technischen Weiterentwicklung der Dieselmotoren. Diese seien in den letzten Jahren immer leistungsstärker geworden, sagt er. Ein weiterer Grund für die grössere Nachfrage sei, dass der Dieselpreis inzwischen auf praktisch demselben Niveau liege wie der Benzinpreis. Gestern lag bei grösseren Tankstellen der Benzinpreis bei 1.30 Franken pro Liter, der Dieselpreis bei 1.31 Franken.

Peter begrüsst die höhere Nachfrage nach Dieselautos: «Dieselmotoren haben einen geringeren CO2-Ausstoss als mit Benzin betriebene Autos.» Dies trage zur angestrebten Reduktion des CO2-Ausstosses im Verkehr bei. Wobei: Abgas und Diesel sind seit dem letzten September im Zusammenhang mit dem Skandal von VW eine heikle Kombination. Hubert Annen, Geschäftsleiter von Auto Iten in Sihlbrugg, sagt dazu: «Der Abgasskandal war Anfang Herbst. Seitdem sind zum Beispiel noch Lieferungen offen. Es ist deshalb noch zu früh, um zu sagen, wie sich dies auswirken wird.» Allfällige Auswirkungen werden laut Annen frühestens diesen Sommer zu spüren sein. Er bezweifelt, dass sich viele Kunden abschrecken lassen. Denn der Skandal habe keine direkten Folgen für die persönliche Sicherheit der Fahrer.

Steuern: Riesige Unterschiede

Für Amag-Sprecherin Brunner gibt es noch einen weiteren Grund für den Anstieg der Dieselautos: Vielerorts werden sie steuerlich begünstigt. In Ob- und Nidwalden fahren Besitzer von Dieselautos der Kategorie A besonders günstig. So muss zum Beispiel der Besitzer eines Skoda Octavia (Effizienzklasse A) in beiden Kantonen drei Jahre lang keine Autosteuer zahlen. Auch Uri und Luzern fördern energieeffiziente Autos – allerdings keine Dieselfahrzeuge. In Schwyz und Zug gibt es kein Bonussystem, wie Sven Britschgi von der ASA, der Vereinigung der Strassenverkehrsämter, sagt.

Das Obwaldner Modell entspreche in etwa der Empfehlung, welche die ASA vor zehn Jahren gemacht habe, sagt Britschgi. Welche Käufer Dieselautos Benzinautos vorziehen, lässt sich laut den Garagisten nicht sagen: «Von jung bis alt ist alles möglich», sagt etwa Rolf Schaller, Geschäftsführer der Sedel-Garage in Ebikon. «Das ist von Kunde zu Kunde unterschiedlich», sagt auch Amag-Sprecherin Roswitha Brunner. Grundsätzlich könne aber festgehalten werden, dass sich Dieselmotoren für Fahrer eignen, die tendenziell eher länger und weitere Strecken fahren, sagt sie. Benzinautos seien eher für die Stadt geeignet und somit für kürzere Strecken. Interessant: Die durchschnittliche Distanz von 24 Kilometern, die Schweizer pro Tag mit einem Auto zurücklegen, hat zwischen den Jahren 2000 und 2010 nicht zugenommen (siehe Kasten). Offensichtlich werden Dieselautos auch für kürzere Strecken attraktiver.

Auch Elektroautos immer beliebter

Neben Dieselautos steigt auch der Bestand an rein elektrischen Autos an. 2011 gab es im Kanton Luzern noch 38 Elektroautos, 2015 waren es bereits 350. In Schwyz ist der Zuwachs noch grösser: von 15 Elektroautos im Jahr 2011 auf deren 195 im vergangenen Jahr.

Von einer Trendwende könne jedoch noch nicht die Rede sein, sind sich die Garagisten einig. Markus Peter vom Autogewerbeverband Schweiz sagt: «Ich rechne weniger mit einem schlagartigen Boom als vielmehr mit einer kontinuierlichen Zunahme alternativ angetriebener Fahrzeuge.» Dazu zählen neben Hybrid- und Elektroautos auch Fahrzeuge, die mit Erdgas oder Wasserstoff angetrieben sind.

Lichtspuren des abendlichen Verkehrs auf der Autobahn A 2. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

Lichtspuren des abendlichen Verkehrs auf der Autobahn A 2. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

Bild: Grafik Neue LZ

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