Monografie
Er ist Zugs «Entwicklungshelfer» in Architektur und Städtebau: Neues Werk würdigt Hanns Anton Brütsch

Der Zuger Architekt Hanns Anton Brütsch (1916–1997) war ein Visionär mit feinem Gespür für zeitlose und zukunftsfähige Bauweise. Nun ist eine umfassende Monografie mit ausführlichem Werkverzeichnis erschienen.

Andreas Faessler
Merken
Drucken
Teilen
Die Pfarrkirche Bruder Klaus in Oberwil ist bis heute eine der wichtigsten Kirchenbauten Hanns Anton Brütschs.

Die Pfarrkirche Bruder Klaus in Oberwil ist bis heute eine der wichtigsten Kirchenbauten Hanns Anton Brütschs.

Bild: Matthias Jurt (9. Juni 2021)

Mit seinen Bauten hat er Stadt und Kanton Zug nachhaltig mitgeprägt: Von kleinen Einfamilienhäuschen über exklusive Villen sowie x-stöckige Wohnanlagen und raffinierte Zweckbauten bis hin zu ausgeklügelten Schulhausanlagen und Wohnheimen reicht die Werkliste von Hanns Anton Brütsch (1916–1997). Ebenso zeichnet der gebürtige Basler für eine Vielzahl zukunftsweisender Umbauten und Adaptionen historischer Gebäude verantwortlich. Ferner formulierte er kühne städteplanerische Visionen aus, die eindrucksvoll Zeugnis davon ablegen, wie vorausschauend er beim Planen vorging.

Auf Brütsch stösst man überall im Kanton Zug: Das Lehrerinnenseminar Bernarda in Menzingen, das Schulhaus Acher in Unterägeri, das Haus Zentrum in Zug, das Wohn- und Geschäftshaus Seepark in Zug sowie markante Zubauten des ehemaligen Kantonsspitals stammen von ihm, um nur eine Auswahl seiner Grossprojekte anzuführen. Ebenfalls um einen Brütsch-Bau handelt es sich beim Wohn- und Geschäftshaus Tugium an der Baarerstrasse 25–27, ein markantes achtstöckiges Scheibenhochhaus, welches – erbaut von 1952 bis 1956 – auch noch nach fast 70 Jahren ein besonders anschauliches Beispiel für Brütschs auf die Zukunft ausgerichtete Bauweise darstellt; man sieht dem Gebäude sein wirkliches Alter kaum an.

Das Wohn- und Geschäftshaus Seepark in Zug.

Das Wohn- und Geschäftshaus Seepark in Zug.

Bild: Stefan Kaiser (5. April 2019)

Und wenn auch zahlreiche seiner Pläne und Ideen, wie etwa ein 13-geschossiges Hochhaus an der heutigen Baarerstrasse 11 oder ein Neubau der neobarocken Villa Solitüde in Cham, nie umgesetzt worden sind – für Diskussionen haben sie freilich zur Genüge gesorgt. Nationale Bekanntheit hat Brütsch insbesondere als innovativer Kirchenbauer erlangt, dies bereits 1956 nach Fertigstellung seines «Paradewerkes» in Oberwil, der Pfarrkirche Bruder Klaus.

Werkverzeichnis mit 75 Projekten

Über diesen kreativen und zu den wichtigsten Zuger Architekten des 20. Jahrhunderts zählenden Protagonisten ist nun erstmals eine umfassende Monografie mit ausführlichem Verzeichnis von 75 Bauprojekten im Kanton Zug wie auch in der gesamten Schweiz erschienen – zusammengetragen, sauber recherchiert, aufgearbeitet und verfasst vom ehemaligen Zuger Denkmalpfleger und Kunsthistoriker Heinz Horat. Herausgeber sind der Schwyzer Architekt Ruedi Zai und das Bauforum Zug.

Auch das Hochhaus Tugium an der Baarerstrasse 25–27 wurde von Hanns Anton Brütsch entworfen.

Auch das Hochhaus Tugium an der Baarerstrasse 25–27 wurde von Hanns Anton Brütsch entworfen.

Bild: Matthias Jurt (Zug, 9. Juni 2021)

Das umfangreiche Buch beschreibt nicht nur Brütschs Werke reich illustriert und in aller Detailvielfalt, sondern ist zugleich eine liebevolle Reminiszenz an den illustren Basler-Zuger als Person. Bereits im Vorwort des ehemaligen Zuger Stadtarchitekten Fritz Wagner und in der Einleitung von Heinz Horat wird Hanns Anton Brütsch für die Leserschaft sehr nah- und fassbar. Einen ausführlichen biografischen Abriss des Architekten steuern seine Kinder im Buch bei, die dank wachem und umfangreichem Erinnerungsschatz Leben und Wirken ihres Vaters nachzeichnen – bebildert mit allerlei Fundstücken und Fotografien aus dem Familienalbum. Die Einordnung von Brütschs Werken sowohl im Kanton Zug wie auch landesweit im Spiegel der Zeit ist ein weiteres ausführlich erarbeitetes Kapitel in der Monografie.

Vergessene Erkenntnisse und Visionen

Architekt Ruedi Zai (*1945) selbst – in Schwyz geboren und in Zug aufgewachsen – stand und steht als Initiant und Herausgeber der Monografie in persönlicher Beziehung mit Hanns Anton «Hannstony» Brütsch. Nicht nur war dieser sein erster Lehrmeister, sondern als gerade mal Sechsjähriger bezog Ruedi Zai mit seiner Familie ein Haus am Zuger Höhenweg, ein frühes Werk Brütschs. Zai rückblickend:

«Erst später als Architekt realisierte ich, wie sorgfältig und raffiniert Hanns Anton Brütsch das Haus konzipiert hat. Er spielte mit den Raumhöhen, Höhenunterschiede gliederten die Volumen.»

Seine Gestaltungsfreude zeigte sich in vielen ausgeklügelten Details. «Er baute solide und materialgerecht – noch heute nach 70 Jahren sind die wesentlichen Bauteile in tadellosem Zustand», so Zai.

Ruedi Zai, Herausgeber.

Ruedi Zai, Herausgeber.

Bild: PD

Vor wenigen Jahren, so fährt Ruedi Zai fort, sei ihm bewusst geworden, dass Brütschs Erkenntnisse und Visionen – ja, sein eigentliches Werk – vergessen gegangen seien oder ignoriert würden. Es habe sich öfters zugetragen, dass bei Umbauten und Sanierungen von Brütsch-Werken die ausführenden Architekten selbst die Autorenschaft für sich beanspruchten. «Der Name Brütsch verschwand von den Plänen und den Dokumentationen. Das hat mich schliesslich dazu bewogen, eine Monografie anzustossen», so Ruedi Zai.

Ausserordentlicher Gestaltungswille

Brütsch sei ein vorausschauender Architekt gewesen, findet Zai würdigende Worte. Er habe sich stets mögliche Entwicklungsrichtungen überlegt und schliesslich danach geplant. So sei für Hanns Anton Brütsch beispielsweise eine Zonenordnung in einer wachsenden Stadt wie Zug nichts Statisches gewesen, sondern habe aus seiner Sicht stets Entwicklungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten angepasst werden müssen. Brütschs Vorstellungskraft und sein ausserordentlicher Gestaltungswille zeigten sich auch in seinen Kirchenbauten – 30 Jahre Schweizerische Kirchengeschichte lasse sich bei seinen 30 realisierten Kirchen ablesen. Ruedi Zai fährt fort:

«Mich beeindruckt, wie er seine städtebaulichen und baulichen Visionen klar begründen, erklären und illustrieren konnte.»

«Von politischen Machenschaften liess er sich nicht einfangen oder vom in der Stadt vorhandenen Geld korrumpieren. Es ging Brütsch nicht darum, ein oder zwei Geschosse mehr herauszuholen, wenn der Ort und die Situation seinen erarbeiteten Vorschlag verlangten.»

Ex-Stadtarchitekt Fritz Wagner bezeichnet Brütsch gar als Entwicklungshelfer in der Architektur und im Städtebau. So sei er Mitte der 1940er-Jahre nach Zug gekommen, um zu zeigen, wie man zeitgemäss baut. Und das hat er in vielen seiner zuweilen bis heute ikonenhaften Werken bestens hingekriegt, viele von ihnen erfüllen ihren Zweck noch immer, ohne je aufwendig adaptiert und angepasst worden zu sein. Die nun veröffentlichte Monografie über den Architekten Hanns Anton Brütsch würdigt dessen Werk erstmals ausführlich und anschaulich.

Hanns Anton Brütsch, Architekt BSA SIA – eine Monografie von Heinz Horat, 204 Seiten, ISBN 978-3-85761-336-4, Handelspreis 59 Franken.