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MOTORRAD: «Was habe ich geflucht»

Nun sieht man sie wieder, die Motorradrocker, die als schwere Jungs gelten. Remo «Long John» Schnider (47), Präsident des Mohawk MC Luzern, hat für solche Vorurteile nur ein Lächeln übrig und verrät, wie es wirklich ist.
Interview Roger Rüegger
Remo Schnider ist mit Leib und Seele Rocker: «Ich bin auf ewig ein Mohawk, der Motorrad-Club ist das Wichtigste in meinem Leben.» (Bild Manuela Jans)

Remo Schnider ist mit Leib und Seele Rocker: «Ich bin auf ewig ein Mohawk, der Motorrad-Club ist das Wichtigste in meinem Leben.» (Bild Manuela Jans)

Fortsetzung auf Seite 37

Remo Schnider, Sie melden sich am Telefon mit Long John, werden von Ihren Clubkollegen so angesprochen und treten auch sonst unter diesem Namen auf. Wer sind Sie?

Remo Schnider: Ich bin immer Long John, der Name steht sogar auf meiner Kreditkarte. Und siezen tun wir Motorradfahrer uns sowieso nicht.

Also gut, kommen wir zum Motorradfahren: Es ist Frühling, die Töffsaison beginnt. Hast du deine Harley-Davidson schon aus der Garage genommen?

Long John: Hör bloss auf! Meine 81er-Shovel Head hat den Geist aufgegeben. Getriebe und Motor sind hinüber. Nun suche ich eine neuere gebrauchte.

Du trennst dich von deiner Shovel?

Long John: Ja, die Reparatur würde zu teuer. Mir blutet das Herz, obwohl die Maschine mich oft im Stich gelassen hat. Was habe ich geflucht.

Hast du Entzugserscheinungen?

Long John: Das hat was. Aber spätestens im Mai muss ich eine neue haben.

Was läuft im Mai?

Long John: Unsere erste Clubausfahrt in den Jura. Da startet die Motorradsaison richtig, weil die ersten Motorradtreffen stattfinden.

Auf einem Ofen, der läuft, hoffentlich. Schraubst du selber an deinem Motorrad herum?

Long John: Nein, das überlasse ich denen, die etwas davon verstehen. Ich kenne mich mit Küchengeräten besser aus als mit Motoren.

Beim Fahren der Motorräder richtet ihr vom Mohawk MC mit der groben Kelle an. Dieses Handwerk versteht ihr. So organisiert ihr Einrad-Dragster-Rennen mit Maschinen, die starke Motoren haben, aber kaum lenkbar sind. Ihr seid doch verrückt?

Long John: Vermutlich schon.

Warum veranstaltet ihr solche Wahnsinnsrennen?

Long John: Weil bei diesen Rennen jeder und jede mit geringem finanziellem Aufwand mitmachen kann. Die Maschinen müssen alle gebraucht sein – und viel mehr als einen Motor, einen halben Rahmen und ein Rad braucht es nicht.

Fährst du auch mit?

Long John: Um Gottes Willen, nein. Ich stehe im Festzelt in der Küche.

Der Präsident der Motorcycle Clubs in der Küche?

Long John: Ich bin gelernter Koch.

Trifft man dich und deinen Club auf der Strasse häufig im Sattel an?

Long John: Ja, wie es sich für einen MC gehört. Wir spulen bis zu 15 000 Kilometer im Jahr ab. Rund 120 Fahrten unternehmen wir zusammen.

Wo führen euch die Ausritte hin?

Long John: Wir besuchen viele Partys und Rennen anderer MCs im In- und Ausland.

Auch im Winter?

Long John: Wir sind das ganze Jahr auf Motorrädern unterwegs. Früher, als wir jung waren, praktisch immer. Heute fahren wir bei Regen oder Schnee auch mal mit dem Auto zu einer Party.

Rocker mit dem Auto – geht das?

Long John: Wir sind ja keine Masochisten und wollen uns nicht bei Minustemperaturen einen abfrieren. An diesem Wochenende besuchen wir übrigens unsere Freunde vom Mohawk MC Österreich in der Nähe von Wien – mit dem Flugzeug.

Müssen bei Ausflügen alle Mitglieder dabei sein?

Long John: Nicht immer. Wir haben Pflichttermine, die für alle gelten. Wir sind eine Bruderschaft und pflegen unser Clubleben und die Freundschaft zu anderen Clubs, indem wir zusammen fahren. Wenn einer aus beruflichen Gründen nicht kann, ist es okay. Wenn er aber lieber einen schönen Abend mit der Freundin machen will, ist der Club vielleicht nicht das Richtige für ihn.

Der Beruf kommt vor dem Club, die Familie aber nicht?

Long John: Das muss jeder selber entscheiden. Ich habe eine Lebenspartnerin, aber keine Kinder. Bei mir hat der Club Priorität. Bei Familienvätern ist das bestimmt anders. Was verständlich ist.

Welche Bedeutung hat ein Club für einen Rocker?

Long John: Ich persönlich bin 24 Stunden für meine Freunde erreichbar. Für meine Clubfarben und meine Mohawk-Brüder betreibe ich so viel Aufwand wie nötig. In der Schweiz handhaben das alle MCs untereinander und darüber hinaus so. Wenn ein Rocker morgens um drei Uhr eine Panne hat oder anderweitig Hilfe benötigt, reicht ein Telefonanruf aus, und innerhalb kürzester Zeit stehen zwei oder drei Kumpels irgendeines Clubs bereit.

Kennt ihr keine Rivalität unter den Clubs?

Long John: In der Schweizer Rocker­szene gelten eigene Regeln und Gesetze. Das gute Verhältnis unter den MCs beruht auf gegenseitigem Respekt und wird durch viele gemeinsame Ausfahrten, Partys und Meetings gestützt. So steht es auf der Website jedes Motorradclubs der Schweiz.

Sind neue Motorradclubs willkommen?

Long John: Wenn sie sich an die Richtlinien halten und den richtigen Weg gehen, schon.

Das bedeutet?

Long John: Die Gründung eines neuen MCs muss dem ortsansässigen Rocker-Club, der ein dreiteiliges Grosspatch auf dem Rücken trägt, gemeldet werden. Die neuen Leute müssen sich vorstellen und beweisen, dass sie sich in die Szene integrieren werden. Dann werden sie von ihrem Grosspatch-Club an einer Versammlung aller Schweizer MC-Präsidenten vorgestellt. Dort wird entschieden, ob sie einen neuen Motorcycle Club als MC gründen dürfen oder nicht.

Strenge Regeln für eine Parallelgesellschaft, die sich nicht gerne Gesetzen unterordnet.

Long John: Das ist richtig. Dafür ziehen wir alle am selben Strick. Und wir haben nicht solche Zustände wie etwa in Deutschland, wo sich einige Clubs bis aufs Blut bekämpfen.

Es gab in der Schweiz vor Monaten auch Schlägereien unter Clubs. Einheimische gegen Black Jackets oder vor einigen Jahren gegen den Outlaws MC, der sein Clubhaus einweihen wollte.

Long John: Die Black Jackets treten zwar so auf, aber sie sind kein Motorrad-Club. Und die Outlaws haben sich nicht an die Regeln der Schweizer Szene gehalten, die ich erwähnte. Neue Clubs müssen sich beweisen. Das heisst, sie haben den Status als Anwärter ohne grosses Abzeichen oder Patch auf dem Rücken. Und sie müssen etwa bei Veranstaltungen anderer Clubs als Helfer zur Verfügung stehen und sich bei Feiern zeigen, damit man sich kennen lernt. Wie ein Veloclub, der bei der Tour de Suisse Verkehrsdienst macht, oder Turnvereine, die beim Eidgenössischen beim Zeltaufbau Hand anlegen. So erarbeitet man sich Respekt und Achtung in der Szene und bekommt vielleicht nach gegebener Zeit dafür den Status als Vollmitglied in der Szene und irgendwann als Grosspatch-Club.

Das ist ja ähnlich wie im Kloster!

Long John: Ja fast, ha ha ...

Den grossen Patch auf dem Rücken besitzt ihr seit knapp vier Jahren. Ihr habt einen Mohawk-Indianer als Symbol. Das waren verwegene Burschen. Je nach Schreibweise bedeutet es Leute vom Land des Feuersteins oder auch Kannibalen. Muss man sich vor euch in Acht nehmen?

Long John: Wenn ich Nein sage, wäre das rufschädigend für uns als Rocker – aber ein Ja ist auch nicht richtig. Uns hat zu Beginn eher die Kultur der Indianer und weniger das Töfffahren interessiert. Mit der Zeit hat sich das Interesse gewandelt. Aber jeder im Club kennt die Geschichte der Irokesen. Wir sind keine Schläger, aber auch kein Kirchenchor. Man kann mit uns und bei uns im Clubhaus ein Bier trinken und quatschen. Es ist meistens lustig. Doch wer Stress macht und uns anpisst, lernt schnell die weniger lustige Seite kennen. Der Ton macht die Musik.

Steht ein Rocker stets mit einem Bein im Gefängnis?

Long John: Wenn man die deutsche Presse liest, könnte man das meinen. Unser Outfit trägt auch etwas dazu bei. Wenn wir in ein Restaurant kommen, werden wir oft von oben bis unten gemustert, und man bekommt manchmal das eine oder andere Vorurteil zu hören.

Zu Recht?

Long John: Sicher nicht. Aber hast du schon einmal gelesen, dass ein MC Geld an Kinderheime spendet oder Ausfahrten mit Behinderten unternimmt und diesen Leuten damit ein Lächeln aufs Gesicht zaubert? Das tun wir nämlich auch.

Selten.

Long John: Natürlich. Das will auch niemand wissen. Dabei haben die meisten von uns gewöhnliche Berufe. Ich koche in einer Kantine einer grossen Stahlfirma, in der täglich mehrere hundert Leute essen. Andere arbeiten als Chauffeure oder Schlosser oder in Kaderpositionen, und viele haben Kinder, die bereits erwachsen sind. Halt gewöhnliche Leute.

Gewöhnlich gehts auf euren Bike-Partys dafür nicht zu. Da treten Stripperinnen auf, es gibt exotische Motorradspiele. Und getrunken wird auch reichlich.

Long John: Die Partys feiern wir, wie sie fallen. Das mit den Stripperinnen könnte man auch sein lassen. Die kosten viel Geld, und wie Frauen aussehen, wissen wir inzwischen alle.

Aber?

Long John: Die gehören zu einer flotten Party. Wir geben stets volles Programm.

Ist ja nicht grundsätzlich verkehrt. Aber was sagen eure Ehefrauen dazu?

Long John: Nicht alle haben gleich viel Freude daran. Doch wir nehmen unsere Frauen und Freundinnen auch häufig mit, es ist also alles im grünen Bereich.

Tragt ihr eure Lederklamotten mit dem Patch auch, wenn ihr nicht mit dem Töff unterwegs seid?

Long John: In der Küche trage ich Kochkleidung, sonst immer meine Lederweste.

Auch wenn du dich um einen neuen Job bewirbst oder um eine Wohnung?

Long John: Auch bei Vorstellungsgesprächen. Ich bin kein anderer Mensch, wenn ich meine Rockerkluft ablege, und ich muss mich nicht verstellen.

Wird man als Rocker geboren?

Long John: Das kann ich nicht beantworten. Alleine mit einem grossen Motorrad ist es zumindest nicht getan. Wichtig ist immer der, der darauf sitzt. Ein Idiot ist auch auf einer Harley ein Idiot.

In der Zentralschweiz gibt es vier Grosspatch-Clubs. Kommt ihr einander nicht in die Quere?

Long John: Nein, wir hegen keine Revieransprüche. Wie erwähnt haben wir alle ein gutes Einvernehmen untereinander.

Bei vielen Dorfvereinen in Sport und Musik hat man Nachwuchsprobleme. Wie ist das bei euch?

Long John: Es gibt immer Leute, die das Rockerleben faszinierend finden. Weil man aber viel Zeit in den Club investieren muss, springen viele wieder ab. Das ist wie im Dorfverein, wenn es darum geht, im Vorstand tätig zu werden. Dafür haben viele weder Zeit noch Lust.

Was kostet denn die Mitgliedschaft bei euch?

Long John: Etwa so viel wie ein Jahresabo im Fitnesscenter.

Und wie wird man ein Mohawk?

Long John: Komm zu uns ins Clubhaus, trink ein paar Biere mit uns, lerne uns kennen und erzähl etwas von dir. Wenn es passt, bring am besten irgendwann deine Freundin oder Frau mit, damit auch sie sieht, worauf du dich einlässt.

Die TV-Serie «Sons of Anarchy» ist populär und wird derzeit auf mehreren Sendern gezeigt. Wie realistisch wird dieser Motorcycle Club dargestellt?

Long John: Die Serie ist etwa so realistisch wie ein Mickymaus-Trickfilm.

Die haben eine Werkstatt, betreiben Waffen- und Drogenhandel, Rivalen werden auch mal aus der Welt geschafft, und sie haben die Finger in der Prostitution und im Pornobusiness drin. Das alles macht ihr nicht?

Long John: Wir haben alle einen normalen Job. Einer hat aber eine Werkstatt, und ein ehemaliges Mitglied war tatsächlich im Waffengeschäft engagiert.

Ein Waffenschieber im grossen Stil?

Long John: Nein, ein Büchsenmacher. Handwerker wie die meisten von uns.

Wo seid ihr politisch angesiedelt?

Long John: Gar nicht.

Ist ein Mohawk immer ein Mohawk?

Long John: Ich spreche für mich. Und ich bin auf ewig ein Mohawk, der Motorradclub ist das Wichtigste in meinem Leben.

Veranstaltet Ihr dieses Jahr wieder ein Unimoto Drag Race?

Long John: Nein, erst nächstes Jahr. Das Datum steht bereits fest: am Wochenende vom 21. bis 23. August. Dann feiern wir das 25-Jahr-Jubiläum des Clubs und werden richtig Gas geben. Mit Europameisterschaftsläufen und einer grossen Party.

Das volle Programm?

Long John: Wie immer.

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