MUOTATAL: Das Abenteuer Hölloch

Stockdunkel, feucht, Kühlschranktemperatur und Blasentraining für Fortgeschrittene. Trotz dieser Unannehmlichkeiten ist der Aufenthalt in Europas zweitlängstem Höhlensystem ein faszinierendes Erlebnis.

Cyrill Studer Korevaar
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Cyrill Studer hat sich mit seinen Töchtern Kyra und Tessa drei Tage ins Hölloch gewagt – unter der Führung von Marcel Rota. (Bilder: Corinne Glanzmann/PD (Muotathal, 17 Februar 2017))

Cyrill Studer hat sich mit seinen Töchtern Kyra und Tessa drei Tage ins Hölloch gewagt – unter der Führung von Marcel Rota. (Bilder: Corinne Glanzmann/PD (Muotathal, 17 Februar 2017))

Cyrill Studer Korevaar

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9.38 Uhr, Busstation Hölloch, weit hinten im Muotatal. Wir werden uns in Kürze für drei Tage vom Tageslicht verabschieden – meine 15- und 13-jährigen Töchter Kyra und Tessa haben sich die Höllochexkursion zu Weihnachten gewünscht. Schon vier Jahre zuvor stiegen wir während zweier Tage in das 200 Kilometer lange Labyrinth ein. Das Erlebnis hallt nach, immerhin verzichten die beiden ein Wochenende aufs Handy. Stattdessen ist Sand- und Lehmrobben angesagt, bei konstanten 6 Grad Celsius und beinahe 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ausserdem steht Blasentraining an. Blasentraining? Ich sehe das entsetzte Gesicht von Tessa noch vor mir, als sie damals bereits tief im Berg um eine Pinkelpause bat. Die lakonische Reaktion des Höhlenführers: «Gleich, in 90 Minuten beim Biwak.»

Trotzdem baten wir um denselben Führer: Marcel Rotas Geschichten und Erklärungen sind eine Klasse für sich. In einem einfachen Holzbau wandern die Alltagskleider ins Gestell. Ab jetzt sind wir in Thermowäsche und unverwüstliche Overalls eingepackt. Mit Gummistiefeln, Handschuhen und reichlich beladen stapfen wir durch den Schnee dem Eingang zu. Links von uns zieht sich eine eindrückliche Schlucht den Steilhang hinauf.

Bei mir kommen Zweifel auf: Drei Tage freiwillig in diese unwirtliche Dunkelheit? War das damals wirklich so toll? Zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit, unversehens sind wir von der totalen Finsternis umgeben und durchqueren zügig den ausgebauten Teil des Loches. Deckenhaken mit Porzellanisolatoren zeugen vom Millionenausbau belgischer Investoren Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dem im Jahre 1875 vom Bergbauer Alois Ulrich entdeckten Hölloch dachte man, den Everest unter den Höhlen durch eine komfortable Erschliessung vergolden zu können. Dieselbe Kraft, welche das Höhlensystem hervorbrachte, zerstörte aber die übertriebenen Erwartungen: Ein Hochwasser im Juni 1910 liess kaum etwas übrig. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten wieder Höhlenforscher auf. Seit den 1990er-Jahren werden erstmals geführte Touren für die breite Bevölkerung angeboten.

Faszination und Horrorvorstellungen

Und jetzt? Vier Stunden vom Eingang entfernt liege ich in der Nacht im Schlafsack inmitten einer komfortabel eingerichteten Überlebensinsel: Das Wasserdom-Biwak wurde erstellt, nachdem der tiefer liegende Vorgänger vom Hochwasser 2005 geflutet wurde. Rund um mich ist vollkommene Dunkelheit, ausser leichten Atemgeräuschen ist nichts zu hören. Nichts. Der aussergewöhnliche Ort hält mich wach. Drei Meter oberhalb des Schlafplatzes beginnt der Kalkstein. Überbleibsel unvorstellbar vieler Schalentiere, welche vor Jahrmillionen denselben Planeten bevölkerten. 400 Meter über mir dann wieder die uns wohlbekannte Erde. Dazwischen – wie viele Tonnen Gestein? Wir waren heute in Gängen, die vor 500000 Jahren entstanden, mit Tropfsteinen darin – nicht grösser als mein Unterarm – die seit 300000 Jahren unermüdlich wachsen.

Aufstehen, nachdem ich doch noch ein paar Stunden Schlaf gefunden hatte. Ein malerischer Sonnenaufgang wäre an diesem Ort zu viel verlangt, aber der Blick vom Schlaflager auf den Essbereich mit seinen Kerzen wirkt ähnlich motivierend. Als Sitzpolster dient die noch immer warme Bettflasche vom Vorabend. Mit leichtem Gepäck wandern wir los. Wir queren grosse Hallen, gehen zwischen Felsblöcken hindurch, steigen stetig nach oben. Ausser Puste erreichen wir mit dem «Nadelöhr» einen der höchsten Punkte der gesamten Tour. Der Durchschlupf bietet einen Vorgeschmack auf die nächsten Stunden: Rucksack durchschieben, Arme wie bei einem Kopfsprung ins Wasser hintennach. Mit den Stiefeln am rutschigen Untergrund abstossen, Bauch einziehen. Das Abmühen tief im Berginnern ist so aussergewöhnlich. Und es gibt immer wieder Belohnungen in der Gestalt von Tropfsteinen mit ihren individuellen Formen und Farben

Eindrücklich auch die langen Minuten, in denen wir ohne Licht ausharren. Gefühlte Lichtjahre von der Zivilisation entfernt, vom Berg gleichermassen geborgen, wie ihm auch ausgesetzt. Der kalte Stein unter uns, der einem im bewegungslosen Zustand die Körperwärme, die eigene Lebensenergie kontinuierlich aussaugt: Innerhalb weniger Stunden wäre von uns nichts mehr übrig als die der Umgebungstemperatur angeglichenen Hüllen.

Ein Gefühl von Ewigkeit

Weiter gehts durch die «Schlange», eine grössere Rutschpartie, die uns weit unter das Biwak führt. Auf dem Heimweg lassen wir uns die «Wiedergeburt» nicht nehmen: ein zwar kurzer, dafür umso steilerer und engerer Kriechgang, welche den namensgebenden Entdecker wohl an seine eigene Geburt erinnerte. In meiner Kindheit stolperte ich über ein Hölloch-Buch, mit Karten und Abbildungen und all diesen exotischen Namen, welche die Fantasie bis heute anregen. Einige haben wir gesehen: das Höllental, das Glitzertor,die Papageienkammer. Andere bewahren ihr Geheimnis: etwa die Mondmilchstrasse, der Glasgang oder die Orgelwand.

Letzter Tag – «Pilatusstollen»: Zunächst ein längerer Kriechbereich. Dann mit Hilfe eines Seils einen hohen, nahezu senkrechten Kamin hinunter. Anschliessend die lange Rutschpartie, vorsichtig vorbei an Tropfsteinen. Eben wünschte man sich an den engen Stellen noch einen schlanken Hintern, inzwischen wäre zusätzliches Fettpolster beim unebenen Untergrund hilfreich. Aber auch das würde nicht vor dem eiskalten Schlammwasser schützen, das sich durch alle Kleiderschichten kämpft.

Zurück im ausgebauten Teil sind meine Gefühle zwiespältig: klar, Dusche, weiches Bett, Toilette – alles toll. Handkehrum: Die Töchter werden älter, ihre Eltern parallel dazu weniger cool – wie oft werden wir noch so intensive Tage zusammen verbringen?

Stunden später frisch geduscht vor dem Fernseher – Marja, meine Ehefrau, ist in den Niederlanden auf Verwandtschaftsbesuch, Kyra schläft bei einer Freundin, Tessa und ich schauen zeitversetzt die «Tagesschau». Die ersten News nach drei Tagen: Die weltweiten Rüstungsausgaben waren seit Ende des Kalten Krieges nie mehr so hoch.

Wie war das, weit hinten im Muotathal in der Höhle, Stunden vom Eingang entfernt? Wunderschöne Tropfsteine, Hunderttausende von Jahren alt. Sie werden auch im Jahr 2100, 3000, 10000, 100000 noch dort sein, dann einfach noch grösser. Und schöner. Irgendwie ein beruhigender Gedanke.

Hinweis

Informationen zu den Höllochführungen finden Sie unter www.trekking.ch

www. Mehr Text und Bilder unter: luzernerzeitung.ch