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MUOTATAL: «Es wird einen rechten Sommer geben»

Die Wetterschmöcker sind wieder in Vollbesetzung. Der Neue heisst Roman Ulrich und setzt auf ein altbewährtes Rezept, um das Wetter vorherzusagen. Wir haben ihn besucht.
Matthias Stadler
Sein ganzes Leben schon lebt er in Bisisthal: der neue Wetterschmöcker Roman «Jöri» Ulrich. (Bild Nadia Schärli)

Sein ganzes Leben schon lebt er in Bisisthal: der neue Wetterschmöcker Roman «Jöri» Ulrich. (Bild Nadia Schärli)

Matthias Stadler

Abgeschieden ist es. Im hintersten Ecken des Muotatals gelegen, umragen das Bisisthal imposante, schneebedeckte Berge. Ein paar Gaststätten stehen entlang der Strasse, die kurvig und konstant hinaufführt und früher oder später in einer Sackgasse endet. Die Muota – noch schmal – wird von schmelzendem Schnee gespiesen, der teils über kleine Wasserfälle, teils über Bergbäche in ihr Bett fliesst. Mal ruhig, mal wie ein wilder Bergbach fliesst die Muota das Tal hinunter. Je tiefer man ins Tal hineindringt, desto enger wird es. Das ist der einzige Dichtestress, der herrscht.

Hier, fast zuhinterst, wo einige alte Lawinenverbauungen auf 1100 Metern über Meer vor sich hinrosten, wohnt ein seit kurzem bekannt gewordener Bauer. Roman Ulrich, «de Jöri». Erscheinung: Bart, klarer Blick, das Schnupfdösli und Fazzäneetli (Nastuch) stets griffbereit im Hosensack. Typ: Klassischer Muotataler Landwirt, wenngleich er wohl etwas mehr und deutlicher spricht als andere. Die Ziegen begrüssen die Besucher fröhlich und frech. Der Fotografin werden von einer besonders dreisten Ziege in einem unaufmerksamen Moment beim Fotoshooting sogar noch ein paar Haare mit dem Maul entrissen. Die Fotografin nimmts sportlich und hofft, dass die Haare geschmeckt haben. Ulrich lacht derweil und mahnt die Ziege: «Das ist kein Gras, Geisseli.»

«Ich rede gerne»

Der 44-jährige Ulrich ist seit kurzem der neue Muotataler Wetterprophet und somit plötzlich ein bekannter Mann. «Damit habe ich kein Problem. Ich rede gerne und gerne auch mit vielen Leuten», sagt Ulrich fröhlich. Der Bauer, der den Hof seiner Eltern übernommen hat, tritt die Nachfolge von Karl Reichmuth an, der im Oktober vergangenen Jahres starb. Damit ist die Gruppe der sechs Wetterschmöcker wieder komplett. Und das neueste Mitglied stammt erst noch aus dem Muotatal – dies war ein explizit geäusserter Wunsch der angestammten Propheten. Denn anders als der geläufige Name Muotataler Wetterschmöcker vermuten lässt, leben die meisten Schmöcker nicht im Tal, sondern verstreut im inneren Teil des Kantons Schwyz. «Wieso sie mich genommen haben, weiss ich nicht. Ich muss ihnen am besten gepasst haben», vermutet Roman Ulrich.

Die obligate Frage, wie denn der Sommer werden soll, darf der Hüter von neun Kühen, sieben Rindern, elf Mastkälbern, sieben Ziegen, acht Gitzi und einem Hund (Bläss) nicht beantworten. «Ich habe meine Prognose aber bereits geschrieben. Am kommenden Freitag wird sie veröffentlicht» – bei seinem ersten Auftritt als neuer Prophet an der Frühlingsversammlung des Meteorologischen Vereins Innerschwyz. Auf Nachhaken lässt er sich dann aber doch noch zu einer kurzen Vorschau hinreissen: «So heiss wie im letzten Sommer wird es heuer nicht. Aber es wird einen rechten Sommer geben.» Bevor der Sommer komme, «schniits hie im Bisisthal aber sicher no einisch», sagt er in breitestem Muotataler Dialekt – wohl im Wissen, dass er damit kaum falsch liegen kann. Schliesslich lebt Roman Ulrich in der Nähe der Glattalp, wo regelmässig Kälterekorde gemessen werden. (Schon gestern wurde seine Prognose bekanntlich Realität ...)

Übername vom Ururgrossvater

Roman Ulrich wuchs hier, im «Berg­li», auf. Er hat sein Leben lang als Bauer gearbeitet. Im Winter verdient er sich mit Handwerksarbeiten den einen oder anderen Franken hinzu. Er wohnt mit seinen Eltern und einem Bruder im Zweifamilienhaus neben dem Hof. Er höre gerne Ländlermusik, sagt er. Sonstige Hobbys habe er aber keine, da er viel arbeite und «die Tiere meine Aufmerksamkeit brauchen». Sein Übername «Jöri» (im Muotatal trägt so ziemlich jeder einen Übernamen) heisst eigentlich Georg. Dieser stammt von seinem Urur- und seinem Urgrossvater: Beide hiessen sie Georg – oder eben Jöri.

Als Bauer habe er schon immer einen starken Bezug zum Wetter gehabt. «Ich schaue gerne die Berge hoch und beo­bachte das Schneegestöber oder die Wolken.» So würden ihm beispielsweise die Kondensstreifen von Flugzeugen zeigen, ob Föhn herrsche oder nicht. Für seine offiziellen Prognosen braucht er aber weder Ameisen – wie Kollege Martin Horat – noch sonstige Kuriositäten. «Ich richte meine Vorhersagen nach den alten Bauernregeln», erklärt Ulrich. Vielleicht werde er aber in Zukunft noch eine andere Methode entwickeln.

Öffentliches Interesse steigt

Der Landwirt freut sich auf sein neues Amt. Er ist sich bewusst, dass nun das öffentliche Interesse an seiner Person markant steigen wird: «Die Leute interessiert das uusinnig. Ein Fotograf eines Magazins hat letzte Woche sicher 100 Fotos gemacht: verrückt.» Er nimmt das Interesse um seine Person aber gelassen, wie man das von einem Muotataler Bauern eben erwartet. Jetzt gelte es für den neuen Wetterpropheten zu lernen, «wie der Charre läuft». So müsse man auch mit Kritik umgehen können, wenn eine Prognose nicht stimme. Denn es gebe schon Leute, die die Vorhersagen ernst nähmen. Ihn wird eine falsche Prognose aber so schnell wohl nicht aus der Ruhe bringen. Denn hier, im hintersten Ecken des Muota­tals, wird das Wasser so oder so weiter die Muota hinunterfliessen.

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