MUOTATHAL: Der Naturjuuz ist sein Geschäft

Einst war er Strassenbauer, nun mischt er mit «Schluneggers Heimweh» die Volksmusikszene gehörig auf. Der 39-jährige Schwyzer Bernhard Betschart hat dabei ein ganz besonderes Markenzeichen.

Stephan Santschi
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Auf der Überholspur: Das Album mit Bernhard Betschart (39), Musiker bei «Schluneggers Heimweh» (Bild rechts), hat Goldstatus.Bilder: Eveline Beerkircher/PD (Illgau, 17. November 2016)

Auf der Überholspur: Das Album mit Bernhard Betschart (39), Musiker bei «Schluneggers Heimweh» (Bild rechts), hat Goldstatus.Bilder: Eveline Beerkircher/PD (Illgau, 17. November 2016)

Sie sind zwar bereits zwischen 24 und 55 Jahre alt, und doch bringen sie alles mit, was eine Boygroup ausmacht. Ihre Songs stossen auf Begeisterung, ihre Tonträger finden reissenden Absatz, an Liveauftritten fliessen Tränen. Die Rede ist von «Schluneggers Heimweh», einem Chor mit elf Männern aus sieben Kantonen (siehe Kasten).

Aus dem Nichts sind die Männer in diesem Jahr gekommen und starteten gleich voll durch. Noch bevor das erste Album am 28. Oktober im offiziellen Handel erschienen ist, hatte es bereits Goldstatus erreicht (10 000 verkaufte Alben). «Das ist verrückt und haben wir so sicher nicht erwartet. Noch können wir nicht richtig nachvollziehen, wer unsere CDs kauft», sagt Bernhard Betschart. «Wir hatten ja noch nicht so viele öffentliche Auftritte und daher auch nicht die Gelegenheit, mit den Leuten in Kontakt zu treten.» Der 39-jährige Muotathaler, wohnhaft in Illgau, ist einer der elf Männer, die in der Schweizer Volksmusik als Neuentdeckung des Jahres gelten.

Begonnen habe es mit einem E-Mail von Hit Mill Records, dem führenden Schweizer Produktionsstudio in Zürich. Georg Schlunegger, der als Mann im Hintergrund Künstler wie Kunz, Eliane oder Francine Jordi bekannt gemacht hat, suchte zwei Jahre lang nach den «schönsten Schweizer Männerstimmen».

«Ich lernte, über meinen Schatten zu springen»

Betschart war skeptisch, so wie er es oft ist, wenn er vor einem neuen Projekt steht. Das gehöre wohl zu seinem Muotathaler Naturell, welches dazu neige, sich aufgrund der geografischen Abgeschiedenheit etwas von der Aussenwelt zu distanzieren, sagt der passionierte Sänger und Gitarrist. «Ich habe aber gelernt, über meinen Schatten zu springen und Neuem eine Chance zu geben.» So ist das Mitwirken bei «Schluneggers Heimweh» nicht sein erster Auftritt auf der grossen (TV-)Bühne. 2010 gehörte er zum Bern Heart Chor, der im «Kampf der Chöre» den zweiten Rang erreichte. 2013 schaffte er es bei «The Voice of Switzerland» in die zweite Phase. Auch mit der Akustikband Black Creek, der Naturjuuzgruppe Natur pur und neuerdings mit dem Ländlerorchester von Pirmin Huber ist er es sich gewohnt, vor Publikum aufzutreten. «Schon bevor ich von Georg Schlunegger angefragt worden war, hatte ich der Musik mehr Raum gegeben», sagt Betschart. Nebenbei arbeitet der ehemalige Strassenbauer Teilzeit bei einer Dachdeckerfirma und in einem Sportartikelgeschäft.

Bei «Schluneggers Heimweh» hatte er bisher keine Soloauftritte, vielmehr übt er die Rolle des Allrounders aus. Das Markenzeichen des Tenorsängers ist der Naturjuuz, der den unbeugsamen Eigensinn im Muotatal widerspiegelt. «Archaisch, rau, ungeschliffen», so bezeichnet Betschart den traditionellen Jodel, der ihm in die Wiege gelegt worden sei. Mit seinen Eltern und den sechs Geschwistern seien sie bereits in seiner Kindheit als Familie Betschart mit dem Naturjuuz aufgetreten. Heute sei es fast unglaublich, welche Popularität dieser erreicht habe. In Workshops gibt er sein Wissen weiter, daneben arbeite er mit seiner Naturjuuzgruppe am zweiten Album. Auch bei Schlunegger könne er sich mit seiner Spezialität einbringen. «Das ist toll und macht unsere Gruppe so authentisch und natürlich.»

Der Sohn eines Bergbauern ist sich Arbeit gewohnt

Die Authentizität sei mitunter wohl der Grund für ihren Erfolg und auch für die zunehmende Beliebtheit der Schweizer Mundartmusik generell, sagt Betschart. «In unserer schnelllebigen Zeit mit all dem Hightech, wo es fast täglich etwas upzudaten gibt, braucht der Mensch eine gewisse Natürlichkeit, um zur Ruhe zu kommen.» Mit ihrer modernen Art der Volksmusik vereinen die elf Männer Tradition, Natur und Heimatgefühle. Alles Werte, die Betschart früh mit auf den Weg gegeben wurden. Als Teil einer Bergbauernfamilie weiss er, was harte Arbeit bedeutet. Er schätze das Geschenk, das jede Jahreszeit mit sich bringe, «man muss nur hinschauen». Und er verkörpere Bodenständigkeit. So mache sich ein Naturjuuz auch nach Mitternacht vor einer Beiz im Duett mit einem Kollegen ganz gut, erwähnt er schmunzelnd.

Wie weit es mit den Blitzstartern von «Schluneggers Heimweh» noch gehen kann, wird sich bald zeigen. Der nächste Auftritt erfolgt am 29. Dezember in der TV-Sendung Aeschba-cher. 2017 bildet dann die Konzertreihe im Rahmen von «Das Zelt» den Schwerpunkt in Sachen öffentlicher Auftritte. «TV ist cool, aber live aufzutreten, ist besser. Ich bin ein Livemusiker, das gibt einem ein anderes Feeling und mehr Kontakt zu den Leuten», sagt Beny Betschart und lacht. Das macht eben eine Boygroup aus – auch wenn sie etwas gesetzteren Alters ist.

Stephan Santschi