MURI: «Allgemeinmedizin ist hochinteressant und kreativ»

Verena Gantner ist seit 32 Jahren Hausärztin aus Leidenschaft. Sie hat Zeiten des Ärzteüberflusses und -mangels miterlebt und plädiert dafür, dass ihr Beruf wieder einen besseren Status erhält.
Verena Gantner ist seit 32 Jahren mit Leib und Seele Hausärztin in Muri.

Verena Gantner ist seit 32 Jahren mit Leib und Seele Hausärztin in Muri.

Wenn die zierliche Hausärztin Verena Gantner (65) von ihrem Alltag berichtet, leuchten ihre Augen. «Der Beruf des Allgemeinpraktikers ist viel interessanter als jener des Spezialisten», betont sie mit Überzeugung und ergänzt lachend: «Ich hätte nie den ganzen Tag zum Beispiel nur Augen ansehen wollen.» Seit 32 Jahren behandelt sie die Menschen ganzheitlich mit all ihren Verschiedenheiten und Problemen. «Das ist ein hochspannender und kreativer Job. Man hat auch die Möglichkeiten, unkonventionelle Lösungen zu finden, indem man das gesamte psychosoziale Umfeld des Patienten mit einbezieht.»

Denn nicht selten äussern sich Kummer und Sorgen in körperlichen Beschwerden. Eine Ärztin, die das Umfeld des Patienten kennt, ist in der Lage, solche entscheidenden Unterschiede wahrzunehmen. Gantner ist unglücklich über das schlechte Renommee, das dem Stand der Hausärzte heute anhaftet: «Man muss den jungen Ärzten wieder vermehrt vermitteln, was für ein grossartiger, anspruchsvoller Beruf das ist.» Spezialisierung sei ­sicher wichtig, aber nicht nur. «Man kann Spezialisten beispielsweise häufig nicht in der Notfallmedizin einsetzen, da sie schlicht nicht über das breite Wissen eines Allgemeinpraktikers verfügen.» Der niedrigere Status und das tiefere Einkommen von dessen Berufsstand seien deshalb in jeder Hinsicht ungerechtfertigt.

Praxis in den Schoss gefallen

Verena Gantner ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin mit Schwerpunkt Gynäkologie. Ihre Praxis an der Kirchbühlstrasse in Muri ist der damals 33-jährigen Ärztin 1985 praktisch zugeflogen. «Ich habe nicht danach gesucht. Die Praxis wurde mir von der Vorbesitzerin, einer Gynäkologin, angeboten.» Ein glücklicher Zufall für die junge Frau, denn damals herrschte Ärzteüberfluss, und man musste um jede Stelle kämpfen. Gantner griff zu und führt seither ihr eigenes, erfolgreiches Unternehmen, das seit 2010 zum Ärztenetzwerk Medix gehört. Vor einem Jahr nahm sie einen Kollegen aus Deutschland, den Allgemeinarzt und Akupunkteur Georg Pfisterer, als zweiten behandelnden Arzt in ihre Praxis auf. Aus Platzgründen bezogen die beiden im Frühling 2017 grosszügigere Räumlichkeiten und gründeten das Ärztezentrum im Chilefeld. Eine weitere Kollegin, die Kinderärztin Maira Snikere, wurde ins Team aufgenommen. «Wenn immer möglich beschäftigen wir zusätzlich einen Assistenzarzt in Ausbildung», erklärt Gantner. Diese sind jedoch sehr gesucht, sodass die Stelle nicht immer besetzt werden kann. Die Gemeinschaftspraxis wurde buchstäblich überrannt, sodass im Herbst 2017 ein Patientenaufnahmestopp verhängt werden musste. Grund dafür waren mehrere Praxisschliessungen in der Region. Jüngstes Beispiel ist die Schliessung des Gesundheitszentrums Monvia in Muri. «Per Ende 2017 wird auch Doktor Keller seine Praxis in Muri altershalber aufgeben. Wir haben uns bereiterklärt, seine Patienten zu übernehmen.»

Gesetzliche Regelung im Aargau sinnvoll

Im Gegensatz zu anderen Berufskollegen befürwortet Gantner die restriktive Zulassungspolitik des Kantons Aargau für ausländische Ärzte. «Man sollte nicht unlimitiert Ärzte importieren, mit denen ein Qualitätsverlust einhergehen kann», betont sie. Oft seien diese Mediziner der Sprache nicht mächtig, was für die Patienten unzumutbar, ja sogar gefährlich sein könne. Auch das Bildungsniveau sei im Ausland anders als in der Schweiz. «Ich bin nicht grundsätzlich dagegen. Meine beiden Praxiskollegen wurden im Ausland ausgebildet und sind hervorragende Ärzte.» Aber es sei Vorsicht geboten, weshalb die kantonalen Richtlinien durchaus angebracht seien.

«Absoluten Quatsch», findet Gantner hingegen die Zulassungsbeschränkung Numerus clausus an den Universitäten. «Falls es nicht möglich ist, ihn ganz abzuschaffen, muss der Eignungstest zumindest komplett neu gestaltet werden.» Ausserdem sollte ein Teil der Kurse in Grundversorgerpraxen stattfinden, nicht nur im Spital, findet die Ärztin. «Professoren sollten sich bemühen, die Bedeutung des Allgemeinmediziners, der den ganzen Patienten wahrnehmen muss, besser zu vermitteln.»

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

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