MURI: «Beim richtigen Beruf fällt das Lernen leicht»

Als Erste der Spitex Muri hat die ehemalige Realschülerin Michelle Stenico im Frühling ihr Studium an der Höheren Fachschule Gesundheit abgeschlossen. Die junge Frau sagt, welche neuen Herausforderungen sie meistern muss.

Cornelia Bisch
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Das Diplom in der Tasche: Michelle Stenico mit einem der Spitex-Einsatzfahrzeuge vor dem Stützpunkt Muri. (Bild: Cornelia Bisch (5. Juli 2017))

Das Diplom in der Tasche: Michelle Stenico mit einem der Spitex-Einsatzfahrzeuge vor dem Stützpunkt Muri. (Bild: Cornelia Bisch (5. Juli 2017))

Kurz nach Mittag ist es ruhig im Spitex-Stützpunkt Muri an der Willistrasse. Die diplomierte Pflegefachfrau Michelle Stenico aus Buttwil bereitet sich auf ihre Tour vor. «Ich werde heute unter anderem einen Verbandswechsel vornehmen und einer Patientin Insulin spritzen», erklärt sie. Am Vormittag war sie vor allem mit Körperpflege und Medikamentenabgabe beschäftigt. «Bevor ich morgens zu den Patienten aufbreche, komme ich zum Stützpunkt, informiere mich über die bevorstehenden Besuche und Behandlungen und nehme meinen Perigon-Taschencomputer in Betrieb. Dieser ist mit einem Verrechnungssystem ausgestattet, das die Zeit erfasst, die ich bei jedem Patienten verbringe.» Die Krankengeschichten werden in Muri momentan noch auf Patienten-Kardex-Karten abgefasst. «Bald wird das jedoch elektronisch erfolgen.» Ist dies alles erledigt, macht sich die 24-Jährige in einem betriebseigenen Auto auf den Weg zu ihrem ersten Patienten.

Michelle Stenico hat im Frühling 2017 als erste Angestellte ­­­­­des Spitex-Stützpunkts Muri ihre ­Ausbildung an der Höheren Fachschule Gesundheit in Aarau zur diplomierten Pflegefachfrau abgeschlossen. Ihre Mutter Franziska Stenico ist Präsidentin der Spitex Muri und Palliative-Care-­Expertin. Sie hat ihre Tochter ­­­­­­­­­von Anfang an unterstützt. «Es brauchte schon viel Mut, sich als ehemalige Realschülerin ein Studium zuzutrauen», gesteht die junge Frau. Die Ausbildung sei eine grosse Herausforderung gewesen, aber auch hochinteressant und lehrreich. «Beim richtigen Beruf fällt einem das Lernen leicht. Man muss es nur wagen und ausprobieren», betont sie. Ihr Studium, das sie kurz nach Beendigung der 3-jährigen Lehre als Fachfrau Gesundheit aufnahm, beinhaltete auch ein halbjähriges Praktikum im Spital Muri.

Grosse Unterschiede zwischen Spitex und Spital

«Der Arbeitsalltag im Spital ist komplett anders als bei der Spi­tex. Manchmal klingeln viele Patienten auf einmal. Man steht unter Zeitdruck, und es ist schwierig, allen gerecht zu werden.» Bei der Spitex jedoch hat sie Zeit für jeden einzelnen Patienten und verlässt dessen Haus mit der Gewissheit, dass alles in Ordnung ist. Während der Körperpflege hat die junge Frau Gelegenheit für Gespräche. «Die Patienten schätzen die Zuwendung sehr. Natürlich ist die Verantwortung grösser als im Spital, denn als Spitex-Schwester ist man allein unterwegs.» Ist sie jedoch einmal unsicher, wie sie sich in einer Notsituation verhalten soll, kann Michelle Stenico jederzeit bei einer Kollegin telefonisch Rat suchen. «Ich habe es schon erlebt, dass jemand bei meinem Eintreffen Atembeschwerden hatte oder gestürzt war», erzählt sie. Dann sei es besonders wichtig, die Nerven zu behalten, erste Massnahmen zu ergreifen und den Betroffenen zu beruhigen. «Die Sicherheit, die man auf diese Weise vermittelt, bringt oft schon sehr viel.»

Wenn Patienten verwirrt sind oder Widerstand leisten, sei es manchmal schwierig. «Wichtig ist es, den Leuten aufzuzeigen, welche Konsequenzen es für sie hat, wenn ich meine Arbeit nicht verrichte.» Um rechtlichen Folgen vorzubeugen, wird jeder Behandlungsschritt und jedes Gespräch akribisch dokumentiert. «Es ist aber noch nie vorgekommen, dass ich unverrichteter Dinge wieder weggehen musste.» Das könnte allerdings auch an der warmherzigen Art und dem gewinnenden Lachen der jungen Frau liegen. Mit Humor entschärft sie manch eine schwierige Situation. «Bei Sprachproblemen muss ich mich manchmal mit Händen und Füssen behelfen. Da gibt es für die Patienten immer viel zu lachen.»

Im Team des Stützpunkts Muri fühlt sie sich sehr wohl. Es sei auch möglich, sich zu spezialisieren. «Es gibt bei uns Wund-, Demenz-, Palliative-Care- und Psychiatrieexperten.» Mit der Praxis der Spitäler, die Patienten so rasch wie möglich zu entlassen, werde das Spitex-Personal künftig mit immer komplexeren Fällen betraut, sagt Stenico. «In Zukunft werden wir auch mehr onkologische Patienten betreuen, die zu Hause sterben möchten.»

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch