MURI: Die Schönheit «vergessener» Musik

Seit 16 Jahren lässt Johannes Strobl in der Klosterkirche alte Musik hochleben. Seine Experimentierfreude hat die Konzerte bis über die Landesgrenzen bekannt gemacht. Kommendes Wochenende gibt’s Bach – erwartungsgemäss in unkonventioneller Aufführungsweise.

Andreas Faessler
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Seit 2001 ist Johannes Strobl (48) für die Musik in der Klosterkirche Muri verantwortlich. Durch ihn ist der Ort zu einem Zentrum für alte Musik geworden. (Bild: Stefan Kaiser (14. August 2017))

Seit 2001 ist Johannes Strobl (48) für die Musik in der Klosterkirche Muri verantwortlich. Durch ihn ist der Ort zu einem Zentrum für alte Musik geworden. (Bild: Stefan Kaiser (14. August 2017))

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Es ist ein Kloster mit tausendjähriger Geschichte, eine der ältesten Gründungen der Habsburger und heute deren Grablege. Die Kirche als Zentrum der einstigen Benediktinerabtei vereint derweil von der Romanik bis zum Rokoko sämtliche Baustile unter einem Dach. Welcher Ort könnte denn als ein Zentrum für alte Musik prädestinierter sein als das Kloster Muri, wo der Geist all der Jahrhunderte gegenwärtiger ist als sonst wo?

Unter der Überschrift «Musik in der Klosterkirche» der Stiftung Murikultur hat sich das einzigartige Gotteshaus mit seiner ebenso einzigartigen Orgelanlage über die Landesgrenzen hinaus einen klingenden Namen gemacht – als Garant für die Pflege und Praxis alter Musik auf hohem Niveau.

Die Kirche lebt nicht nur von der Liturgie

Seit 16 Jahren steht mit Johannes Strobl ein experimentierfreudiger und innovativer künstlerischer Leiter an der Spitze der «Musik in der Klosterkirche». 2001 übernahm der heute 48-Jährige das Amt seines in Pension gegangenen Vorgängers, der hier bereits ein reiches Musikleben – vor allem auf dem Gebiet der Orgelmusik – aufgebaut hatte. Dessen Vorarbeit kam Strobl, der als neuer Kirchenmusiker der Pfarrei St. Goar nun neben der liturgischen Musik auch für Konzerte in der Klosterkirche verantwortlich sein sollte, sehr gelegen. «Ich fand hier wirklich beste Voraussetzungen vor, das Musikleben aktiv weiterzuentwickeln», sagt der gebürtige Kärntner. Die Klosterkirche sei räumlich und akustisch absolut einzigartig, sagt er würdigend. «Und dieser Ort ist offen für mehr als Liturgie: Dank der Verbindung von Gottesdiensten und Konzerten bei ‹Musik in der Klosterkirche› werden Kirchgänger zuweilen auch zu Konzertbesuchern und umgekehrt», weiss er, «das sind Synergien, welche die Klosterkirche zu einem durchaus lebendigen Ort machen.» Nicht zuletzt gründet dies auf dem Wohlwollen der Pfarreileitung, die für das reichhaltige Musikleben sehr offen ist und den engagierten Kirchenmusiker entsprechend unterstützt.

So ist es denn auch ihm zu verdanken, dass Muri heute als Hochburg für alte Musik ein weitreichendes Renommee hat: Von 1995 bis 2000 studierte Strobl – Absolvent des Salzburger Mozarteums, Konzertorganist mit Auszeichnung sowie Studium der Musikwissenschaft und Romanistik – alte Musik an der Schola Cantorum Basiliensis. Als Solist und Ensemblemusiker war der Kärntner regelmässig in Europa und Übersee unterwegs, knüpfte da wertvolle Kontakte. Das Interesse an den historischen Quellen alter Musik ist für Strobl ein zentraler Punkt. «Ich will laufend herausfinden, was von dieser Musikliteratur noch übrig ist und wie es mich für das Heute inspiriert. Und immer wieder darf ich feststellen, wie schön selbst Vergessenes ist.» Und für dieses «Vergessene», ja allgemein für Musik des Barock, finde sich in der Schweiz ein auffallend breites Publikum. «Es ist schon fast ein Phänomen, wie es hierzulande geradezu als selbstverständlich angesehen wird, dass alte Musik immer auf historischen Instrumenten gespielt wird.» Darauf legt auch Strobl grossen Wert. «Und wenn ich sehe, wie das Publikum dies annimmt und schätzt, ist die Freude gross.»

Das Orchester vorne, der Chor hinten

Dieses Wochenende steht Strobls nächstes «Experiment» an – mit illustrer Besetzung: Das Vokalensemble Cappella Murensis, international tätige Gesangssolisten sowie das Capricornus Consort Basel führen Bachs h-Moll-Messe BWV 232, «die Katholische», auf. Und Johannes Strobl als musikalischer Leiter würde seiner selbst nicht gerecht, schöpfte er auch für diese Bach-Messe die vielfältigen Möglichkeiten des Kirchenraumes nicht aus: Während Orchester und Gesangssolisten beim Chorgitter platziert werden, singt der Chor auf die zwei rückwärtigen Emporen des Oktogons verteilt. «Etwas nervös bin ich allerdings schon und hoffe, dass alles gelingt wie geplant», sagt Strobl, der BWV 232 seit seinem Wirken in Muri zum ersten Mal in Angriff nimmt und mit den Musikern die Aufführung am originalen Schauplatz recht kurzfristig probt. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. «Und alle Mitwirkenden freuen sich genauso auf das Experiment wie ich selbst.» Unter ihnen sind zahlreiche renommierte Sänger, die Muri als Konzertort bereits bestens kennen – und schätzen.

«Rezyklierte» Kantaten

«Für mich ist die h-Moll-Messe ein besonders herausragendes Stück im Bach-Werk», meint Strobl. «Der Komponist hat dabei vielfach auf Sätze aus älteren Kantaten zurückgegriffen, diese ‹parodiert›, also in Text und Musik angepasst, und mit neuen Kompositionen zu einem grossen Ganzen zusammengefügt. Hier beschäftigt mich vor allem die Frage: Warum hat er das gemacht?»

Vermutlich werden auch die zwei Aufführungen am kommenden Wochenende die Antwort nicht liefern – aber es wird mit Bestimmtheit ein Klangerlebnis werden, das die Fantasie beflügelt.

Hinweis

Messe in h-Moll von Johann Sebastian Bach am Samstag, 19. August, 19.30 Uhr, und Sonntag, 20. August, 17 Uhr. Infos sowie Vorverkauf unter www.murikultur.ch