MURI: Doppelhochzeiten in der Villa Wild

Der Künstler Ueli Strebel stellt seine Fotocollagen in der baufälligen Industriellen-Villa aus. Ebenfalls sind die filigranen Werke von Claudia Böniger Roos zu sehen. Heute findet die Vernissage statt.
Cornelia Bisch
«Doppelhochzeiten» heissen die zweiteiligen, reliefartigen Werke von Ueli Strebel. (Bild: Cornelia Bisch (Muri, 27. April 2018))

«Doppelhochzeiten» heissen die zweiteiligen, reliefartigen Werke von Ueli Strebel. (Bild: Cornelia Bisch (Muri, 27. April 2018))

Die Villa Wild, das über 100-jährige Gebäude mit weitläufiger Parkanlage und wunderbarem, uraltem Baumbestand wird noch einmal zum Schauplatz einer gesellschaftlichen Veranstaltung, wie sie zu Zeiten des Erbauers, des Industriellen Otto Wild, an der Tagesordnung waren. Der Fotograf und ehemalige Werbegrafiker Ueli Strebel haucht dem sterbenden Gebäude mit seinen vitalen, vielschichtigen Fotocollagen neues Leben ein.

«Otto Wild hat das gesamte Areal der Gemeinde Muri vermacht», erklärt Strebel. «Ich darf es nun nutzen, bis es abgerissen wird.» Dies ist jedoch nur im Sommer möglich. «Es gibt kein Wasser und keine Heizung mehr im ganzen Haus.» Dafür ist die Ambiance einmalig. Einzelne verbliebene Möbelstücke sowie Deckentapeten und flauschige Spannteppiche erinnern an den einstigen Wohlstand der Besitzer, Risse in den Wänden und abbröckelnder Putz an den unaufhaltsamen Zerfall des Gebäudes. «Ich wollte diese Räume nicht mit Stellwänden verbauen», erzählt Strebel. «Damit wäre die Atmosphäre zerstört worden.» Deshalb malte er weisse Hintergrundflächen direkt auf die bestehenden Raumwände und hängte seine Werke darüber auf. An schlichten, dunkel gestrichenen Holzstelen sind Beleuchtungskörper montiert, welche direkt auf die Bilder gerichtet sind. So wirkt der Raum aufs Bild und umgekehrt.

Einige von Strebels dreiteiligen Collagen, den sogenannten Triptychen, erzählen Geschichten bekannter Autoren, die der Künstler in kurzen Abschriften für den Betrachter zum Nachlesen bereitlegt. Andere stellen kritische Interpretationen aktuellen Zeitgeschehens dar oder fangen schlichte, stille Momente und Ansichten ein, abseits aller Aufmerksamkeit. Die Werke sind äusserst vielschichtig und offenbaren oft erst auf den zweiten Blick ihre wahren, hintergründigen Absichten. «Diese Collagen werden sehr aufwendig mit speziellen Computerprogrammen gefertigt», führt Strebel aus. «Jedes Detailbild muss separat nummeriert und abgelegt werden.» Viele kleine Einzelteile werden freigestellt und präzise ins Bild eingefügt, beziehungsweise mit anderen Elementen kombiniert. Details aus Architektur, Kunst, Natur und Umwelt sowie der griechischen Mythologie werden dabei geschickt verwoben.

Dreidimensionale Spezialeffekte

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich den «Doppelhochzeiten», wie sie Strebel augenzwinkernd bezeichnet. Es sind zweiteilige Werke, welche je eine Aufnahme als Ganzes sowie die reliefartige Ausarbeitung eines oder mehrerer Bilddetails zeigen. «Von links betrachtet zeigt sich ein anderes Bild, als von rechts», erklärt der Künstler. Trotzdem bilden sämtliche Ansichten in Farbe und Form eine harmonische Einheit.

Hier zeigt sich Strebels Auge für wirkungsvolle Details, die er ebenso in einer Strassenpfütze findet, wie in der lasziven Handbewegung einer Schaufensterpuppe oder in vom Meer an den Strand gespülten Algen. In in­teressantem Kontrast zu den schlichten Motiven steht die unglaubliche Akribie seiner Arbeitsweise, welche die überraschenden Effekte hervorbringt. Und immer wieder blitzen Schalk und Verspieltheit durch, etwa im Bild der badenden Puppen, das – wo sonst – im schnörkeligen Bad mit rosa Teppich hängt.

Im zweiten Obergeschoss der Villa setzt die Künstlerin Claudia Böniger Roos mit ihren äusserst filigranen, geheimnisvoll verwobenen Tuschzeichnungen kontrastreiche Akzente. Von ihren gross- und kleinformatigen, teilweise sanft kolorierten Werken geht eine eigentümlich beruhigende Wirkung aus. Sie scheinen, wie ein nie versiegender Lebensfluss in ständiger Veränderung begriffen. Dazu der Blick von oben in den verwilderten Park, ein Erlebnis, das man sich unbedingt gönnen sollte.

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

Hinweis

Kunstausstellung in der Villa Wild, Bahnhofstrasse 11, Muri, Vernissage am Samstag, 28. April, ab 16 Uhr. Die Ausstellung dauert bis Sonntag, 17. Juni, und ist jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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