MURI: «Es ist Teil unseres Familienlebens geworden»

Rund 30 Jazzkonzerte finden jährlich im Pflegidach statt. Ebenso oft verbringt Familie Diethelm ihre Sonntagabende mit Künstlern aus aller Welt und hört sich deren Geschichten an.

Cornelia.bisch@zugerzeitung.ch
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Ausgelassene Stimmung beim abendlichen Pastaessen im Wohnzimmer von Familie Diethelm in Muri.

Ausgelassene Stimmung beim abendlichen Pastaessen im Wohnzimmer von Familie Diethelm in Muri.

Es duftet herrlich aus der hellen Küche von Familie Diethelm in Muri am frühen Sonntagabend. Die hausgemachte Tomatensauce köchelt vor sich hin, während Myriam Diethelm Kräuter hackt und den Garprozess der Pasta überwacht. Heute ist Yotam Silberstein mit seiner Band zu Gast. Die vier Musiker geniessen gemeinsam mit Tontechniker Simon Huber und Stephan Diethelm, Organisator und Programmleiter von «Musig im Pflegidach», die Aussicht von dessen Terrasse. Die Atmosphäre ist entspannt, der Soundcheck bereits gemacht, im Pflegidach ist alles bereit für den Auftritt. «Wir bewirten die Künstler nun schon seit zehn Jahren. Es ist Teil unseres Familienlebens geworden», sagt die zweifache Mutter. Sie schätzt den Austausch mit ihren Gästen, aber auch die Pausen während der Schulferien. Die Vorbereitungen und Einkäufe auf dem Markt tätigen sie und ihr Mann gemeinsam. Es gibt immer dasselbe Menü, denn Pasta mag jeder. Der gewaltige Vorrat an erstklassigen Teigwaren in der diethelmschen Küche würde das Überleben der Familie für Monate sichern. «Diese Sonntage sind meine Art von Kirche, von Religion», sagt Stephan Diethelm. «Das Zusammensein ist schön, und mit der Musik tue ich mir etwas Gutes.» Auch die beiden fast erwachsenen Töchter Rahel und Laura sind mit von der Partie. Der griechische Bassist Petros Klam­panis gibt Laura ein paar Reisetipps für sein Heimatland. Die Familie wird sich nachher eines der «Staff»-T-Shirts überziehen und als Helfer im Hintergrund am Konzert teilnehmen.

Man setzt sich zu Tisch, und nachdem die exzellente Pasta gebührend gerühmt wird, entsteht ein angeregtes Gespräch. «In dieser familiären Atmosphäre entwickeln sich oft sehr persönliche Gespräche», erzählt der Gastgeber. «Auch die Musiker selbst erfahren auf diese Weise mehr voneinander.»

Gefährlicher Spaziergang

Der Schlagzeuger Daniel Dor, der mit dem Gitarristen, Komponisten und Bandleader Yotam Silberstein in Tel Aviv aufgewachsen ist, berichtet von seinen Eltern, die als Sängerduo einige Berühmtheit erlangt haben. Die beiden Freunde erzählen von der Schönheit ihrer Heimatstadt. «Viele Touristen fragen uns, wo denn hier die Kamele geblieben seien.» Silberstein schüttelt lachend den Kopf. «Klar gibts in Israel Kamele, aber doch nicht mitten in der modernen Grossstadt Tel Aviv!» Der in den USA aufgewachsene Pianist Glenn Zaleski spricht über seine osteuropäischen Wurzeln, und Stephan Diethelm steuert die Anekdote eines Musikers bei, der während seines Aufenthaltes in Muri einen Spaziergang am Bahngleis unternommen habe. «Wenn er dem Gleis folgen würde, fände er sicher wieder zurück, dachte er. Schliesslich wurde er aber von der Polizei aufgegriffen und zurückgebracht.»

Die vier Musiker sind am Ende ihrer zweimonatigen Europatour mit Abstecher nach Japan und Israel angelangt. Nach dem Konzert in Muri zerstäuben sie in alle Richtungen. Die Schweiz gefällt ihnen ausnehmend gut. «Es ist einer der schönsten Orte, die ich je besucht habe», stellt Silberstein fest. Er liebt es, vor kleinem Publikum zu musizieren. Aber die Band tritt auch an Grossanlässen auf. Der 36-Jährige erinnert sich an ein Festival in Bogotá mit 2000 Zuschauern, das sogar am Fernsehen übertragen wurde. «Es war so heiss, dass mir schlecht wurde, aber es war trotzdem wundervoll.» Silberstein lobt seine Gastgeber in den höchsten Tönen. «Es ist faszinierend, auf diese Weise bewirtet zu werden. Das erleben wir ganz selten.» Es sei reine, herzliche Gastfreundschaft, die hier gelebt werde, ohne den Gedanken an Geld oder persönliche Vorteile. Genau so sieht er auch seine Tätigkeit als Künstler. «Man wird nicht wegen des Geldes Musiker, sondern aus emotionalen Gründen. Es ist eine Sache des Herzens.» Gemeinsam mit seinen drei Kollegen stellt Silberstein seine Worte eine Stunde später im Pflegidach eindrücklich unter Beweis. Seine Musik ist warm, ergreifend, tiefgründig, von berückender, geerdeter Schlichtheit. «Manchmal, wenn mir ein wenig die Kraft ausgeht, stelle ich mich vor meine Plakatwand mit den vielen dankbaren Worten und Widmungen der Künstler an mich», erzählt Stephan Diethelm. «Dann weiss ich wieder, warum ich das tue.»

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch