MURI: Musik, die auch Choreografie ist

In der Klosterkirche wurde die Konzertsaison 2017 mit Silvan Lohers «Messe für Muri» eröffnet. Ein für Ohr und Auge ungewöhnliches, immer wieder überraschendes Erlebnis.

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Die Musiker bewegten sich während des Eröffnungskonzertes nach einer Choreografie in der Klosterkirche Muri. Bild: Stefan Kaiser (21. Mai 2017)

Die Musiker bewegten sich während des Eröffnungskonzertes nach einer Choreografie in der Klosterkirche Muri. Bild: Stefan Kaiser (21. Mai 2017)

Wie klingt es, wenn in einer romanisch-gotisch-barocken Kirche mit alten Instrumenten wie Zink, Oboe d’Amore, Oboe da Caccia oder Viola da Gamba Musik gespielt wird, die 2016 entstand? Wenn liturgisch vertraute Klänge sich in Harmonieverschiebungen zeitgenössischer Musik fortentwickeln? Wenn Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei der lateinischen Liturgie mit modernen Gedichten in vier Sprachen verknüpft sind? Wenn ein junger Komponist, der sich Atheist nennt, eine Messe schreibt?

Es entstehen Spannungen, und zwar höchst fruchtbare – jedes der Elemente dieser zeitgenössischen Andachtsmusik erhält in den überraschenden Verbindungen, die es eingeht, neue Bedeutung, wird zu neuen Gefühls- und Gedankenimpulsen für das zahlreich erschienene Publikum. Silvan Loher, der sich in seinem kompositorischen Schaffen gerne von verschiedenen Sprachen mit den ihr eigenen Sprachmelodien inspirieren lässt und eine Leidenschaft für Poesievertonungen hat, durchsetzte das Ordinarium der lateinischen Messe mit Gedichten von Edith Södergran (schwedisch), Georg Trakl (deutsch), Charles Baudelaire (französisch) und Walt Whitman (englisch). Er ordnete sie den vier Solostimmen Sopran (Jenny Högström), Mezzosopran (Susanne Puchegger), Tenor (Raphael Höhn) und Bass (Matthew Baker) zu, welche die jeweilige Dichterpersönlichkeit sängerisch verkörperten. Die gewählten Gedichte «spiegeln, reflektieren, durchbrechen und kontrapunktieren» (Programm-Einführung) die lateinischen Texte in unterschiedlicher Weise: Södergrans und Trakls eher dunkel-düstere Stimmungen und schwer fassbare Bilderwelt – vor dem Hintergrund der Schrecknisse des Ersten Weltkriegs entstanden – geben der Bitte um Erbarmen und Sündenvergebung eine aktualisierte Tiefe. Das Credo an den Gott, «der alles geschaffen hat, Himmel und Erde», wird intensiviert in Baudelaires «Correspondances», in denen die Natur als ein mit allen Sinnen wahrnehmbarer Tempel erscheint. Und Walt Whitmans fast mystischer Pantheismus verändert und erweitert die Perspektive auf den christlichen Glauben an die Menschwerdung Gottes, gibt ihm neue Nuancen und neue Ahnungen.

Die lateinischen Messetexte aber sind für die grossen Tutti gedacht: Die 16 Sacro-Profanum-Instrumente und die 16 Stimmen des Vokalensembles Larynx kommen hinzu, umspielen sich in Variationen und wechselnden Gruppierungen. Eine Sonderstellung erhält ein fünfter Poet, William Blake, mit seinem Gedicht «The Lamb», das als Madrigal für weibliche Stimmen vertont ist: Die zehn Sängerinnen intonieren im Mittelgang der Kirche einen zarten, fast ätherischen Chor­gesang, welcher – im Bild des Lamms – die Zerbrechlichkeit der Menschwerdung, des Menschseins evoziert.

Die Klosterkirche als Klangraum inszeniert

Dem 30-jährigen Komponisten ist es mit seinem Auftragswerk gelungen, die Klosterkirche Muri wie nie zuvor als Klangraum zur Geltung zu bringen. Mit Ausnahme der sechs Streicher bewegen sich alle Akteure, eingeschlossen ihre beiden Dirigenten Johannes Strobl und Jakob Pilgram, während des Konzertes ständig durch den Raum. Die Messe beginnt mit fernen Posaunen aus der Krypta, etwas später ertönen die Blas­instrumente aus den seitlichen Kreuzgängen, die Solisten singen öfters von der Kanzel herab, fünf auf die Emporen und das hintere Kirchenschiff verteilte Vokalquartette füllen im virtuosen Sanctus das gesamte Oktogon, und das «Dona nobis» des Schlusses verklingt hinter der Grossen Orgel im Hintergrund der Kirche. Dazu hat Loher eine ausgeklügelte Choreografie geschaffen, welche auch das Auge der Zuschauer unterhält. Diese lauschen während 100 Minuten angeregt der meditativen Musik und danken es am Ende durch lange anhaltenden stehenden Applaus.

Dorotea Bitterli

redaktion@zugerzeitung.ch

Hinweis

Weitere Informationen über Konzerte in der Klosterkirche Muri unter: www.murikultur.ch