NACHGEFRAGT: «Gesamtrechnung geht nicht auf»

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Leben aktuell rund 8,3 Millionen Personen in der Schweiz, sind es laut Prognosen in 30 Jahren über 10,1 Millionen. Welche Auswirkungen dieser Anstieg auf die Gemeinden hat, sagt Ivo Willimann (46), Dozent am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Ivo Willimann, was bedeutet der drastische Anstieg der Bevölkerung?

Auf kommunaler Ebene ist Wachstum nicht gleich Wachstum. In einer Stadt wie Luzern kann je nach Quartier ein Wachstum eher geringfügige Auswirkungen haben. Für kleinere und mittlere Gemeinden sind die Auswirkungen tendenziell grösser und vielfältiger. Das Bevölkerungswachstum kann eine belebende Wirkung auf die Dorfgemeinschaft haben oder auch dazu beitragen, dass sich ein Dorf zu einer Schlafgemeinde entwickelt. Letztlich sind die Auswirkungen für jedes Dorf anders.

Welche Vor- beziehungsweise Nachteile gibt es, wenn die Bevölkerung derart schnell wächst?

Die Auswirkungen und somit die Vor- und Nachteile sind mannigfaltig. Wie bereits erwähnt, kann es sich unterschiedlich auf das Sozialleben auswirken. Dann gibt es Mehrverkehr, den es regional zu verkraften gibt. Bisher basierte das Wachstum oft auf Neueinzonungen und somit auf Grünflächenverbrauch. Der Bau neuer Wohnungen – die Grundlage für das Bevölkerungswachstum – wirkt sich auf den Wohnungsmix aus: Der Anteil Wohnungen mit modernem Ausbaustandard nimmt zu. Dies ist positiv. Diesbezüglich besteht aber ein Risiko, dass vor allem in Neubauten und kaum in bestehende Liegenschaften investiert wird. Ein Neubaugürtel mit einem schlecht unterhaltenen Siedlungskern ist die Folge, was unerwünscht ist. Handkehrum resultieren aus der Bautätigkeit Arbeitsplätze. Aus der Zunahme der Bevölkerungszahl resultieren zusätzliche wirtschaftliche Impulse. Sie sind sowohl Kunde wie auch Arbeitskräfte für die regionale Wirtschaft.

Was ist beim Wachstum seitens der Gemeinden zu beachten?

Gemeinden erhoffen sich vom Wachstum oft eine verbesserte finanzielle Situation. Die zusätzlichen Steuerzahler ­benötigen aber auch Leistungen und ­verursachen folglich Kosten. Die Gesamtrechnung geht für die Gemeinden nicht in jedem Fall auf. Das Wachstum ist mit der Entwicklung der kommunalen Infrastruktur, also mit der Schul- und Erschliessungsinfrastruktur, abzustimmen. Ausserdem ist ein regelmässiges Wachstum anzustreben. Ein Sprungwachstum gefolgt von einer Stagnationsphase erhöht die Gefahr, dass die Schülerzahlen vorübergehend ansteigen und Schul­infrastrukturen notwendig machen, die es langfristig nicht braucht.

Wie kann das eine Gemeinde steuern?

Die Möglichkeit besteht, Bauland in Etappen freizugeben. Ebenso gibt es für Gemeinden Instrumente, damit Bauland nicht über Jahre gehortet wird.

In einigen Gemeinden stellt sich diese Frage gar nicht, weil sie deutlich an Einwohnern verlieren.

Dies trifft meist auf Gemeinden abseits der Zentren zu. Oftmals geht dies mit dem Wirtschaftspotenzial einer Region einher. Die Leute ziehen dorthin, wo sie in der Region geeignete Arbeitsplätze finden. Gegen Abwanderung ist es schwer anzukämpfen. Eine Möglichkeit ist, dass solche Regionen eine wirtschaftliche Nische zu finden versuchen, etwa im Tourismus. Aber das ist anspruchsvoll, das Marktpotenzial hat Grenzen, und die Konkurrenz ist gross.

Sind Fusionen die Lösung?

Das muss im Einzelfall geprüft werden. Fusionierende Gemeinden müssen zusammenpassen, durch den Zusammenschluss sollten sich Synergien ergeben, und die fusionierte Gemeinde sollte eine gewisse Stärke haben. Mit der Fusion von zwei finanzschwachen, wenig handlungsfähigen Gemeinden ist nicht viel gewonnen.

Jeder vierte Einwohner wird 2030 über 65 Jahre alt sein. Was hat das für Auswirkungen für Gemeinden?

Es wird mehr Wohnraum und Betreuungsangebote für ältere Menschen brauchen. Dies aber nicht im gleichen Ausmass, wie der Anteil der über 65-Jährigen zunimmt. Gegenüber früher sind die Menschen heute länger wohlauf. Da nach heutiger Regelung die Gemeinden einen wesentlichen Beitrag zur Pflegefinanzierung leisten, kommt hier eine finanzielle Belastung auf sie zu. Klar ist auch: Die Alterung stellt eine Herausforderung für das gesamte Sozial- und Wirtschaftssystem dar. Wie sich dies auf die Gemeinden auswirkt, kann ich zurzeit nicht einschätzen. Die Gemeinden sind aber gut beraten, auch künftig anpassungs- und reaktionsfähig zu bleiben. (chh)