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NAHOST: Michael Wrase: «Der Jeep explodierte, und der Fahrer verbrannte»

Michael Wrase träumte von einer Weltkarriere als klassischer Pianist und wurde journalistischer Nahost-Korrespondent. Wrase stammt aus dem deutschen Kaiserslautern und lebt auf Zypern. Was der 57-Jährige als Reporter in den Kriegsgebieten des Nahen Ostens erlebt, was er über die arabische Küche und sogar über den FC Luzern zu sagen hat, lesen Sie in der neuen Interview-Serie über die Korrespondenten und Journalisten, die international für unsere Zeitung tätig und unterwegs sind.
Interview Turi Bucher
Michael Wrase. (Bild: PD)

Michael Wrase. (Bild: PD)

Michael Wrase, Sie sind in Limassol stationiert und berichten täglich über die Krisenherde im Nahen Osten. Sozusagen aus sicherer Distanz. Kann man das so sagen?

Michael Wrase: Das ist nicht ganz korrekt. Mein fester Sitz ist auf Zypern, ja. Ich bin seit 1988 in Limassol und habe 1991 in einem Dorf namens Kolossi, 14 Kilometer von Limassol entfernt, mein Haus errichtet. Aber ich bereise die Länder, über die ich berichte, natürlich selber.

Die Frage war ja nicht als Kritik gedacht. Jeder hat wohl Verständnis, wenn Sie sich nicht ins unmittelbare Kriegsgeschehen stürzen.

Wrase: Aber als Journalist und Berichterstatter über diese Länder kommst du selber an einen Punkt, wo du dir sagst: Ich muss da hin, ich halte es nicht mehr aus.

Der Koffer ist immer gepackt?

Wrase: Richtig. Von Zypern aus gelange ich übrigens mit dem Flugzeug ganz entspannt in 20 Minuten nach Beirut, in 25 Minuten in die Südtürkei, in 35 Minuten nach Damaskus.

In welchem Krisengebiet waren Sie zuletzt?

Wrase: Im syrischen Kobane. Man muss diese Leute sehen und verstehen lernen, wie sie fühlen. Das reicht einfach nicht, aus der Ferne zu schreiben, das ist nicht authentisch. Als Berichterstatter muss man beispielsweise die Flüchtlingssituation in Jordanien erlebt haben, gesehen haben, wie diese Menschen im perfiden jordanischen Winter entsetzlich leiden müssen. Und man muss sich auch mit eigenen Augen eine geografische Vorstellung von diesen Gebieten machen können.

Aber ich muss die Frage so naiv stellen – ist das nicht alles viel zu gefährlich?

Wrase: Es geht nicht anders. Klar, an Dschihadisten ranzukommen, ist schwierig. Ich verlasse mich nicht auf Zusicherungen von Kopfabschneidern, ich bin ja nicht lebensmüde. Tut mir leid, das mach ich nicht. Man kann mit Sympathisanten von Dschihadisten sprechen, an der Grenze der Südtürkei und vom Nordirak, dort, wo die sich bewegen.

Immer noch viel zu gefährlich.

Wrase: Es kommt drauf an. Der Libanon, Jordanien, der Nordirak, der Iran diese Länder kenne ich sehr gut. Mit der Zeit baut man sich auch einen Instinkt auf. Natürlich habe ich schon dramatische Situationen erlebt. Im Südlibanon an der Grenze zu Israel waren wir mit dem Auto unterwegs. Das israelische Militär war eigentlich schon von der Grenze abgezogen worden. Wir steigen aus dem Auto, laufen ein paar hundert Meter der Grenze entlang. Da schlägt plötzlich eine Panzergranate im Auto ein. Der Jeep explodierte, unser Fahrer verbrannte.

Und Sie sagen, Sie seien nicht lebensmüde ...

Wrase: Vor rund 15 Jahren war ich im Südlibanon unterwegs. Auf dem Land wollte ich kurz austreten, lief zu einem Olivenbaum hin. In diesem Moment schlägt 100 Meter weiter vorn, beim übernächsten Olivenbaum, eine israelische Rakete ein. In den 80er-Jahren wurden wir im Iran an der Front beschossen. Wir fuhren auf einem Pritschenwagen. Als wir in Sicherheit waren, lag der «Spiegel»-Korrespondent tot da. Herzinfarkt.

Wenn Sie von Zypern aus arbeiten, wie sieht dann Ihr Arbeitsalltag aus?

Wrase: Zuerst schaue ich nach, ob meine Artikel in den aktuellen Zeitungen erschienen sind, das gehört halt auch dazu. Dann setze ich mich mit meinen journalistischen Kollegen in Nikosia, Teheran oder Beirut in Verbindung, erforsche, welches die Themen des Tages sind. Es soll ja für den nächsten Tag auch nicht gerade alles Mainstream sein, nicht das, worüber sowieso alle berichten.

Seit wann berichten Sie eigentlich über die Länder im Nahen Osten?

Wrase: Ich habe 1982 in der NZZ meinen ersten Artikel platzieren können.

Und wieso musste es gerade der arabische Raum sein?

Wrase: Ich bin ein klassischer Seiteneinsteiger. Mein Traum war es, mein Geld als Pianist mit klassischer Musik zu verdienen. Ich habe Musik studiert, aber irgendwann gemerkt, dass ich nicht gut genug war. Ich hatte sogar zwei Stellen als Organist und war auch Chorleiter. Das wurde mir dann zu langweilig.

Stimmt, Reporter in Kriegsgebieten ist nicht gerade dasselbe wie Kirchenorganist.

Wrase: Ich hatte damals eine Freundin, deren Vater für ein Hilfswerk arbeitete. Und zwar für den «Deutsch-schweizerischen Hilfsbund für christliches Liebeswerk im Orient». Die haben sich vor allem um christliche Armenier gekümmert. Das hat mich sehr interessiert. Also habe ich den Vater meiner damaligen Freundin gefragt, ob ich da mal hingehen darf, die Hilfswerkstation im Libanon besuchen darf.

Das also war der Start in Ihre «Nahost-Karriere»?

Wrase: Ich habe dann 1982 für fünf Jahre im Libanon gelebt. Das war extrem schwierig, nichts funktionierte. Ich habe hart gearbeitet, aber das Schwierigste war: Wie bringe ich überhaupt meine Texte ausser Landes? Damals war der Telex noch Trumpf.

Unterdessen sollen Sie auch in der arabischen Küche ziemlich geübt sein. Ein kleines Rezept bitte.

Wrase: Wissen Sie, die arabische Küche ist sehr aufwendig, gibt viel Arbeit. Wie wärs mit einem Chicken-Kebab? Mit Ingwer, Knoblauch, Paprika, Pfefferminz, Chili, mariniert und grilliert, sehr fein.

Gehen wir zum Schluss noch weg vom Nahen Osten. Sie sind Anhänger des 1. FC Kaiserslautern, waren gerade am Sonntag mit Ihrem Sohn Tyll beim Spiel gegen Eintracht Braunschweig. Quizfrage: Wie heisst der aktuelle Trainer des FC Luzern?

Wrase (lacht, denkt nach, fragt seinen Sohn): Jetzt weiss ichs, Ciriaco Sforza!

INTERVIEW TURI BUCHER

Die Porträts im Überblick:

Die bisher erschienenen Beiträge finden Sie im Internet unter www.luzernerzeitung.ch/serien

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