Naturschutz hatte es schwer

Die Erfolge von Natur- und Heimatschutz im Kanton waren lange bescheiden. In dieses Bild passte 1978 der Fall Gottesmann.

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Jean Gottesmann war erster amtlicher Naturschützer des Kantons Schwyz. (Archivbild Neue SZ)

Jean Gottesmann war erster amtlicher Naturschützer des Kantons Schwyz. (Archivbild Neue SZ)

Der Kanton Schwyz hatte keinen grossen Eifer an den Tag gelegt. 1967 nämlich war ein neues Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz in Kraft getreten. Aber erst zehn Jahre später vollzog es auch der Kanton Schwyz und schuf 1977 eine Fachstelle für Natur- und Heimatschutz. Leiter wurde Jean Gottesmann aus Einsiedeln. Er war damit der erste amtliche Natur- und Heimatschützer des Kantons.

Des Amtes enthoben

Noch nicht lange im Amt, äusserte sich Gottesmann im Frühling 1978 an einer Versammlung des Schwyzer Naturschutzbundes kritisch gegen den geplanten Waffenplatz Rothenthurm. Was den Naturschützern gefiel, seinem Vorgesetzten, Regierungsrat Rudolf Sidler, aber gar nicht. Gottesmann wurde am 11. Mai 1978 seines Amtes enthoben und bei gleichem Gehalt zum Sachbearbeiter degradiert. Dagegen wehrte sich Gottesmann bis vor Bundesgericht, aber vergeblich. Der erste kantonale Naturschützer wurde schliesslich vom Kanton fristlos entlassen.

«Gewaltige Kahlschläge»

Nebst der streitbaren Persönlichkeit Gottesmanns war seine Kaltstellung auch aus der damaligen Haltung zum Natur- und Heimatschutz zu verstehen. Im früher fast rein bäuerlichen Kanton Schwyz war der Naturschutz kaum ein Thema gewesen. Die Natur war dazu da, das Volk zu ernähren. Im 16. und 17. Jahrhundert waren die grossen Waldbestände im Land Schwyz «eine dringend benötigte Ressource, mit welcher gutes Geld verdient werden konnte», schreibt der Historiker Oliver Landolt in der «Geschichte des Kantons Schwyz». Und als im Kanton Schwyz 1877 der erste Kantonsförster sein Amt antrat, stellte er fest: «Im Kanton Schwyz war seit Jahren eine eigentliche Raubwirtschaft getrieben worden. Gewaltige Kahlschläge legen davon Zeugnis ab.» In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keimte die Idee des Naturschutzes vereinzelt auch im Kanton Schwyz. Sie hatte aber nur eine schwache Lobby. Und die Grundbesitzer wollten ihr Land nicht ohne grösseres Entgelt für ein Schutzgebiet hergeben.

Gemeinden guckten weg

«Auf staatliche Unterstützung konnten Naturschützer nur bedingt zählen», schreibt die Historikerin Madlaina Bundi in der Kantonsgeschichte. Zwar hätten sich die Schwyzer Gemeinden ab 1927 für den Schutz von Flora und Fauna und der traditionellen Bauweise einsetzen können. Sie machten aber kaum je Gebrauch davon, wie die Regierung 1977 feststellte, als sie Gottesmanns Fachstelle ins Leben rief. Es blieb den Naturschützern nur ein Weg: Schutzwürdige Parzellen wurden gekauft oder gepachtet. Darum besitzen auch heute noch private Organisationen grosse Landflächen im Sägel bei Lauerz, in der Rothenthurmer Hochmoorebene oder in den anderen heutigen Schutzgebieten im Kanton. Ein erstes privates Schutzgebiet wurde 1927 der Frauenwinkel in Pfäffikon. Das Riedgebiet am Zürichsee wurde damals durch das Projekt einer Textilfabrik gefährdet. «Es wurde auf Initiative des Verbandes zum Schutze des Landschaftsbildes am Zürichsee unter Schutz gestellt», so Bundi.

Druck auf die Landschaft

«Im Kanton Schwyz behielt das ländlich-bäuerliche Element seinen Einfluss deutlich länger als in anderen Regionen», hält die Historikerin weiter fest. Der in den 1960er-Jahren einsetzende Bauboom im Kanton erhöhte den Druck auf die Kulturlandschaft. Aber weil im Kanton die Gemeindeautonomie stark ausgeprägt war, sei es noch sehr lange gegangen, bis die wichtigsten Rahmenbedingungen für die bauliche Entwicklung festgelegt wurden, schreibt Bundi.

«Chaotisch zersiedelt»

Sie beklagt eine «ungesteuerte Siedlungsentwicklung». Im 1990 erstellten ersten Ortsbildinventar des Kantons steht dazu: «Der Talkessel zwischen Seewen und Brunnen, das Zürichseeufer, der Märchler Hangfuss und das Becken von Küssnacht bieten das Bild einer chaotisch zersiedelten Landschaft.» Denn im Kanton Schwyz galt in den Sechzigerjahren noch immer das lasche Baugesetz aus dem Jahr 1899. Erst 1970 wurde ein schärferes angenommen, aber nur mit einem Zufallsmehr von 61 Stimmen.

Bert Schnüriger