Nicht einmal eine Gemeinde

Siebnen ist zwar ein bedeutendes Ausserschwyzer Dorf, aber keine Gemeinde. Die Kantonsgeschichte zeigt auf, wie es zu diesem Kuriosum kam.

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Die Zentrale des Kraftwerks Wägital in Siebnen. (Bild: Bert Schnüriger / Neue LZ)

Die Zentrale des Kraftwerks Wägital in Siebnen. (Bild: Bert Schnüriger / Neue LZ)

Die Ortschaft Siebnen bildet keine politische Einheit. Die Siedlung liegt auf dem Gebiet der drei Gemeinden Galgenen, Schübelbach und Wangen. Ursprünglich aus wenigen grossen Höfen bestehend, erlangte Siebnen in vorindustrieller Zeit als Einkaufs- und Umschlagplatz auf der Landstrasse Zürich–Chur eine gewisse Bedeutung. Diese Funktion lässt sich noch heute an den beiden Ortskernen beidseits der Wägitaler Aa ablesen: Während die Häuser westlich des Flusses ganz auf die Strasse nach Galgenen in Richtung Zürich ausgerichtet waren, orientierte sich die Bebauung im Osten an den Strecken nach Schübelbach in Richtung Chur.

Honeggers Fabrik

Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert änderte sich die Struktur der Siedlung. Den Grundstein für diese Entwicklung legte 1833 die Genossame

 

Siebnen mit dem Entscheid, einen Teil der Allmend in Siebnen-Schübelbach für industrielle Zwecke zur Verfügung zu stellen. Auf diesem Boden baute der Zürcher Industrielle Caspar Honegger aus Rüti 1834 eine erste Baumwollspinnerei. 1842 ergänzte er den Betrieb durch eine mechanische Werkstätte, 1852 und 1854 liess er in Siebnen-Wangen eine Grossspinnerei erbauen.

Auch andere Unternehmen siedelten sich in dieser Zeit in der Ortschaft an. Sie entstanden, um die Wasserkraft der Wägitaler Aa zu nutzen, entweder direkt am Fluss oder wurden durch einen eigenen Fabrikkanal mit Wasserkraft versorgt. Der Flussraum mit den Textilfabriken entwickelte sich zum Rückgrat der Siedlung, er wurde zum prägenden Element des Ortsbilds. Der Bau von Arbeiterwohnungen blieb demgegenüber bis Ende des 19. Jahrhunderts relativ bescheiden. Er konzentrierte sich auf die Bereiche beidseits der Hauptverkehrsachsen.

Möbelfabrik und Kraftwerk

 

Der endgültige Wandel zum Fabrikdorf erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auf der Strasse nach Galgenen erweiterte die Möbelfabrik Rüttimann ihre Werkstätten zu einem grossen Gebäudekomplex. Weitere Gewerbebetriebe siedelten sich an dieser Ausfallachse an. In Richtung Wägital wurde zu Beginn der 1920er-Jahre die mächtige Zentrale des Wägitaler Kraftwerks gebaut.

Die Zentrale des Kraftwerks Wägital in Siebnen. (Bild: Bert Schnüriger / Neue LZ)

Die Zentrale des Kraftwerks Wägital in Siebnen. (Bild: Bert Schnüriger / Neue LZ)

Damit einher ging eine bauliche Expansion an verschiedenen Stellen des Dorfes; es entstanden zahlreiche, zum Teil grosszügige Ein- und Zweifamilienhäuser. In den meisten Fällen begründete deren Bau keine neuen Quartiere, sondern verdichtete bereits existierende Siedlungsteile, im Gegensatz zur Entwicklung in der jüngsten Vergangenheit.

Eindrückliches Industrieensemble

Rund um den alten Ortskern und die Siedlungserweiterungen des 19. Jahrhunderts entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unzählige neue Wohnblöcke und Einfamilienhäuser sowie Gewerbe- und Dienstleistungsbauten. Aus diesem Grund lässt sich heute die Entwicklung vom Einkaufs- und Umschlagsplatz zum industriellen Kleinzentrum am Ortsbild nicht mehr so einfach ablesen. Noch immer aber ist der Flussraum mit seinen Fabrikanlagen das eindrücklichste Industrieensemble im Kanton.

Madlaina Bundi

Die 1854 von Caspar Honegger gebaute Spinnerei in Siebnen wurde 1979 stillgelegt und beherbergt heute Kleingewerbe und Studios. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)

Die 1854 von Caspar Honegger gebaute Spinnerei in Siebnen wurde 1979 stillgelegt und beherbergt heute Kleingewerbe und Studios. (Bild: Bert Schnüriger / Neue SZ)