NIDWALDEN: Er bewacht den Damm auf Bannalp

Idyllisch liegt der kleine Stausee auf Bannalp. Dort schaut Dammwärter Reto Christen zum Rechten. Trotz modernster Technik sind noch immer Handarbeit und Menschenverstand gefragt.

Christoph Riebli
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Dammwärter Reto Christen beobachtet bei seinen regelmässigen Besuchen auch die Natur rund um den Bannalpsee. (Bilder Christoph Riebli)

Dammwärter Reto Christen beobachtet bei seinen regelmässigen Besuchen auch die Natur rund um den Bannalpsee. (Bilder Christoph Riebli)

Es wird immer kühler. Tritt für Tritt führt eine schmale Leiter in das Innere des Damms – fast 20 Meter tief. Es ist ein überdachter Wartungsschacht, der zur Wasserfassung des Bannalpsees führt, einem grossen blauen Rohr. An diesem fängt Reto Christen an zu hantieren. Er ist Wärter des einzigen Staudamms in Nidwalden und somit für die Anlagen und deren Instandhaltung auf Bannalp verantwortlich. Nichts für Leute mit Platzangst: Die Kaverne, in der das Wasser für das Kraftwerk Oberrickenbach gefasst wird, lässt kaum Platz für etwas anderes als die Gerätschaften.

Doch es geht noch enger: Einmal im Jahr kontrolliere er das Sickerwasser nahe dem Lehmkern des Damms, erzählt der 38-jährige Wolfenschiesser. Der Weg führe ihn jeweils durch einen Schacht in ein 80 Zentimeter dickes Rohr durch Wasser und Dreck. Keine schöne Vorstellung in diesem tiefen, kühlen Loch mit einer Wassersäule von 15 bis 16 Metern über dem Kopf, wie Christen weiter erklärt. Am Kletter­gstältli gesichert geht es zurück Richtung Tageslicht – in die Wärme.

Flucht aus dem Nebelmeer

Oben angekommen, präsentiert sich bei strahlendem Sonnenschein das herrliche Bergpanorama mit dem idyllischen Stausee im Hintergrund. Oft zieht es den gelernten Sanitär-Installateur deshalb auch in seiner Freizeit mit seiner Frau und seinen drei Töchtern an den Bann-alpsee. Oder auch zum Fischen – für das Patent gibt es eine lange Warteliste, auf der Christen selbst sechs Jahre lang stand. Was es heisst, in dieser Umgebung zu arbeiten? «Es ist ein Traumjob mit vielen Gegensätzen.» Nebst dem angenehmen Kühl im Untergrund während des Sommers freue er sich jeweils, im Herbst dem Nebelmeer im Tal zu entfliehen und auf Bannalp seinen Dienst anzutreten. Wohlverstanden, das tut er lediglich alle 14 Tage. Ansonsten arbeitet er unter anderem auch in der mechanischen Werkstätte im Kraftwerk Dallenwil, der Schaltzentrale des Nidwaldner Elektrizitätswerks.

Das, was Maschinen nicht können

Ein weiterer Gegensatz: In ebendieser Zentrale reiht sich Bildschirm an Bildschirm. Hier stehen den Maschinisten die Messdaten des Sickerwassers beim Damm in Echtzeit zur Verfügung. Digital, versteht sich. Reto Christen braucht zur Bestimmung des Abflusses einen Eimer und eine Stoppuhr.

Wird der Dammwärter durch die viele Technik also bald überflüssig? «Nein», meint er, «es geht bei meiner Arbeit um die letzte Sicherheit. Das, was Maschinen nicht können.» Etwa nach Regenfällen einschätzen, wann das Wasser komme. Oftmals seien dies Erfahrungswerte, welche von Dammwärter an Dammwärter weitergegeben würden. Ein exklusiver Kreis: «Meine Vorgänger kann man an einer Hand abzählen. Ich bin schon stolz, auch dazuzugehören.»

ETH Zürich überwacht den Damm

Dass Sicherheit auf Bannalp grossgeschrieben wird, zeigt nicht zuletzt auch ein kleiner gelber Kasten im Untergrund des Dammes. Es ist eine Messstation des Schweizerischen Erdbebendienstes, die vom Institut für Geophysik der ETH Zürich beaufsichtigt wird. «Die wissen sogar, wenn hier jemand herum läuft, wegen der Erschütterungen durch die Schritte», erzählt Christen. Auch das Messen des Oberflächenwassers dient der Sicherheit: «Kommt an einem schönen Tag viel Wasser, könnte etwas mit dem Damm nicht stimmen.» Und genau das gelte es frühzeitig festzustellen.

Und was passiert, wenn der Damm bricht? «Der Damm bricht nicht auf einmal weg», erklärt der Dammwärter das Horror-Szenario für unrealistisch. Selbst bei einem grossen Felsabsturz mit Flutwelle würde sich das Wasser verteilen, zumal die Schlucht dafür genügend Volumen biete.

Ein Auge auf Naturgefahren

Als Bannalp-Kenner weiss Reto Christen auch, dass man sich in der Kriegszeit besonders vor Bombardierungen und Jahrzehnte später noch vor einer Sprengung des Damms gefürchtet habe. Während dieser Zeit hielt das Militär Dammwache – ein Bunker mit Schussscharte neben dem Restaurant Bannalp­see zeugt noch heute davon.

Die Bedrohungswahrnehmung hat sich seither drastisch geändert. Christen hält bei seinen regelmässigen Besuchen auf der Bannalp deshalb ein besonderes Augenmerk auf die Natur. Im Speziellen streift sein Blick über die Oberfeld-Wand, die westlich direkt an den See angrenzt. 2012/13 hatten sich dort jeweils 20 bis 30 Kubikmeter Gestein gelöst, jedoch ohne markanten Schaden anzurichten. «Die Wand bewegt sich praktisch nicht», gibt Christen weiter Entwarnung, «aber die Natur ist halt unberechenbar.» Deshalb brauche es auch diesen regelmässigen Augenschein vor Ort. Um nicht plötzlich überrascht zu werden. Die steile Felswand wird zudem jährlich exakt vermessen und sogar gescannt.

Ein «Puzzleteil» von vielen

Bannalp red/cri. Nach heftigen politischen Auseinandersetzungen in Nidwalden über eine eigene Stromversorgung wurde der Bau des Bannalpwerks an der Landsgemeinde 1934 beschlossen. 1937 nahm das Kraftwerk Oberrickenbach seinen Betrieb auf – die Geburtsstunde des EWN. «Seither hat sich die Bedeutung des Kraftwerks geändert», sagt Dammwärter Reto Christen. Dies hange auch mit dem stark angestiegenen Pro-Kopf-Verbrauch zusammen. «Heute sorgt ein Puzzle aus neun Kraftwerken für die Stromversorgung im Kanton.»

Neue Druckleitung seit 2006
Das Kraftwerk Oberrickenbach nutzt das Wasser des Bannalpbaches. Aufgestaut wird es von einem 210 Meter langen Schüttdamm mit Lehmkern. Seit 2006 fliesst das Wasser durch eine neue 1100 Meter lange Druckleitung (Kosten: 15 Millionen Franken) mit einem Gefälle von 81 Prozent zur Zentrale. Der See fasst rund 1,65 Millionen Kubikmeter Wasser. Die Jahreswassermenge beträgt rund 8 Millionen Kubikmeter.

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