100 JAHRE LUFTWAFFE: Zum Fliegen geboren

Ferdinand Meyer (72) aus Wolfenschiessen kennt den Mirage-Kampfjet so gut wie nur wenige. Nach seiner Pensionierung als Werkpilot fing es mit der Leidenschaft für die Mirage erst richtig an.

Flurina Valsecchi
Drucken
Teilen
Der langjährige Pilot Ferdinand Meyer im Bremshaus beim Flugplatz Buochs. Im Hintergrund eine ausgemusterte Mirage. (Bild Pius Amrein)

Der langjährige Pilot Ferdinand Meyer im Bremshaus beim Flugplatz Buochs. Im Hintergrund eine ausgemusterte Mirage. (Bild Pius Amrein)

Er steht vor dem Bremshaus, ganz in der Nähe vom Flugplatz Buochs. Drinnen steht «seine» Mirage R-2109. Ein Flugzeug donnert über seinen Kopf hinweg. Er sagt: «Das tönt wie schöne Musik in meinen Ohren.» Er lacht herzlich. Würde man ihm die Augen verbinden, er würde fast immer den richtigen Flugzeugtyp erraten. Ferdinand Meyer ist 72-jährig und wohnt in Wolfenschiessen. Und, da besteht kein Zweifel: Er ist zum Fliegen geboren worden.

Vom Fliegen geträumt hat Meyer schon als kleiner Bub. Aufgewachsen ist er im Weindorf Hallau SH. Noch gut weiss er, wie seine Familie 1953 an die Eröffnung eines Teils des Flugplatzes Kloten gereist ist. Der Vater spendierte sogar einen Voralpenflug. Und als dort die verschiedenen Berufe rund ums Fliegen erklärt wurden, war für den Schüler klar: «Ich will Bordmechaniker werden.» Dereinst gar Pilot zu sein, daran zu denken traute er sich gar nicht.

6300 Flugstunden

So kam es, dass Meyer eine Lehre als Maschinenmechaniker absolvierte, es folgte ein Studium am Technikum als Elektroingenieur. Dann lernte er zwei Piloten kennen. «Und ich merkte: Diese Männer sind ja ganz normale Menschen wie du und ich!» Sofort war für ihn klar, dass er nicht nur am Flugzeug schrauben wollte, nein, er gehörte ins Cockpit.

Was folgte, war eine eindrückliche Karriere in der Schweizer Luftwaffe: 6300 Flugstunden, 40 Berufsjahre und Flugerfahrung auf rund 30 Flugzeugtypen.

Der Reihe nach: Meyer absolvierte die fliegerische Vorschulung und wurde Segelflugpilot. Es folgte die Rekrutenschule in Payerne. Mit 21 Jahren wurde Meyer Militärpilot in einer Staffel. Nach dem Studium erhielt er eine Anstellung als Werkpilot in Buochs.

Sein ganzes Leben hat Ferdinand Meyer mit den Mirage-Flugzeugen zu tun gehabt, ist mit allen Typen geflogen, welche die Schweizer Luftwaffe hatte. Einzige Ausnahme ist das erste Testflugzeug, das die Franzosen geliefert hatten.

«Ein Quantensprung»

Erstmals angetroffen – daran erinnert er sich noch, als seis gestern gewesen – hat Meyer eine Mirage an der Landesausstellung 1964 in Lausanne. Er selber war dort mit einer «Venom», einem einstrahligen Jagdflugzeug, im Einsatz. Die neue Mirage-Staffel war im Aufbau. Meyer erzählt noch heute eindrücklich, wie die Jets übers Feld rasten. «Es war ein Quantensprung in der Entwicklung, eine völlig neue Generation von Flugzeugen», schwärmt Meyer. Das Flugzeug konnte schneller fliegen als seine Vorgänger, hatte einen Nachbrenner, war ausgerüstet mit einem Waffensystem, das bei jedem Wetter eingesetzt werden konnte und noch vieles mehr. Es dauerte nicht lange, bis Meyer auf den neuen Jet umgeschult wurde.

Dass er als Kampfjetpilot auch mit Waffen zu tun hatte und diese im Ernstfall hätte abfeuern müssen, das sei ihm immer klar gewesen, sagt er. Die Schweiz sei ein neutrales Land und wehre sich nur bei Angriffen, dies sei ihm immer sehr wichtig gewesen. «Und sich vertei­di­gen, das soll man doch noch dürfen.»

Buochs war das Mirage-Zentrum

Was man heute fast nicht mehr glauben kann: Während dieser Zeit spielte der Flugplatz Buochs für die Schweizer Armee eine wichtige Rolle. Heute trägt der Standort – selbst für Laien viel sagend – nur noch den Titel «sleeping base», damals waren gut 500 Personen in den Buochser Armeewerken angestellt. Hier war die technische Basis der Mirage-Flugzeuge, hier waren zwei Staffeln stationiert. Genau vor 50 Jahren ist die erste Mirage in Buochs gelandet.

Meyer war als Werkpilot und als Ingenieur für die elektronischen Systeme verantwortlich. Er behob mit seinem Team Defekte und verbesserte Pro­gramme. Dann stieg er zum Chef des Unterhalts für die Triebwerke der Mirage auf und leitete zudem den Unterhalt der Endmontage des F/A-18 in Emmen.

Plötzlich steigt das Triebwerk aus

Klar, Meyer hat besonders als Werkpilot auch schwierige Situationen erlebt. Zwei Momente seien ihm recht in die Knochen gefahren, erzählt er: Einmal setzte das Triebwerk in einer Höhe von 11 000 Metern aus. Dank der vielen Trainings im Flugsimulator habe er richtig reagiert. Ein anderes Mal geschah genau das Gegenteil, das Triebwerk lief mit Vollgas. «Dies war eine völlig neue Situation für mich», sagt Meyer. Dank ein paar cleveren Kniffs konnte er auch dieses Mal sicher am Boden landen. Hier habe er gespürt, wie sich ein paar wenige Sekunden extrem kurz, aber auch unendlich lang anfühlen können. Was er nicht sagt: In diesen Sekunden war auch sein Leben in Gefahr.

Dass er einen gefährlichen Beruf hat, wurde ihm immer wieder bewusst, wenn er von verunglückten Pilotenkollegen Abschied nehmen musste. Oder wenn er als technischer Experte zu Flug­­un­fällen gerufen wurde. Trümmerteile zu bergen, die Unfallursache zu analysieren, das sei eine sehr eindrückliche Arbeit gewesen. Aber auch eine tragische.

Verein ersteigert einen Jet

Allmählich war die Ära der Mirage-Jets abgelaufen. Als 2003 das letzte Flugzeug dieses Typs ausgemustert wurde, ging Meyer in Pension. Trotzdem liess ihm die Mirage keine Ruhe. Nun schildert er, was er «diesen sagenhaften Freitag» nennt. 2004 versteigerte die Schweizer Armee in Buochs ein Dutzend Mirage-Flugzeuge. Meyer trommelte Freunde zusammen, sie gründeten einen Verein, um ein solches Flugzeug zu ersteigern. 8000 Franken hatte er auf sicher, weitere 4000 Franken waren ihm versprochen.

Am Tag vor der Versteigerung brachte die «Neue Nidwaldner Zeitung» einen Bericht über Meyers Absichten. Obwohl Meyer es dem Journalisten ausdrücklich untersagt hatte. «Im Nachhinein war das ein Glücksfall», gibt er heute zu. Kurz vor der Versteigerung rief ihn ein Unternehmer aus Zug an; dieser hatte den Artikel gelesen und versprach Meyer weitere 20 000 Franken. Es waren dramatische Stunden, die sich damals abspielten, man merkt es ihm noch heute an. Meyer konnte das Geld sogleich bei der Bank abholen, verlangt wurde an der Versteigerung nämlich Bares. Nur so war es überhaupt möglich, die Dassault Mirage IIIRS R-2109 zu kaufen. Sie kostete 32 000 Franken.

Das Veto der Frau

Das nächste Abenteuer war die Beschaffung der Triebwerke. Dafür musste der Verein gar eine Sonderbewilligung des Bundesamts für Gesundheit erkämpfen. Ach, Meyer könnte noch viele spannende Details erzählen, doch das wichtigste ist: Die Mirage R-2109 verstaubt nicht in einer Halle. Heute kann man das Triebwerk zünden, das wird ziemlich laut, man kann das Flugzeug aus dem Bremshaus raus aufs Feld rollen, und ein paarmal im Jahr wird sogar ein Alarmstart gezeigt. Nur in die Lüfte geht es mit der Mirage dann doch nicht mehr.

Bis vor gut fünf Jahren war Meyer noch als Freelance-Pilot im Einsatz, dann wollte er wieder in ein Segelflugzeug steigen. «Aber meine Frau hat ihr Veto eingelegt.» Sagt er, lacht und ist vermutlich auch froh um das Verständnis von seiner Familie während all der Jahre. Und weil seine Frau vieles mag, aber bestimmt nicht das Fliegen, verreist das Paar heute mit dem Wohnmobil.

Nach dem Rundgang im Bremshaus stehen wir vor drei grossen Plakaten, die 188 Flugzeuge und Helikopter in der 100-jährigen Geschichte der Schweizer Luftwaffe sind hier abgebildet. Meyer kennt sie alle. Unten, ganz am Schluss, ist noch etwas Platz. Ob hier bald noch ein weiteres Flugzeug hinkommt? Das entscheidet sich bekanntlich am 18. Mai.

HINWEIS

Der Verein organisiert Führungen: Interessierte Gruppen können die Mirage R-2109 besichtigen. Das Flugzeug steht im Bremshaus beim Flugplatz Buochs, wo der Mirage-Verein ein­ge­mietet ist. Auf Wunsch wird auch das Triebwerk gezündet. Es gibt auch ein Museum mit vielen interessanten Gegenständen aus der Geschichte der Mirage-Flieger. Infos: www.mirage-buochs.ch