200-JAHR-JUBILÄUM: Doppelmord auf der Gruobialp prägt Selbst- und Fremdbilder

Dieses Jahr feiert Engelberg die 200-jährige Zugehörigkeit zu Obwalden. Wir beginnen heute mit einer Serie von Beiträgen zu dieser interessanten Geschichte, deren Fehden teilweise noch heute nachhallen. Den Anfang macht unser Beitrag über den Mord an zwei Obwaldner Wildhütern durch einen Nidwaldner Jäger im Jahr 1899. Diese «Scheuberaffäre» belastete die Beziehung der beiden Kantone schwer. In einer bitteren Zeitungsdebatte fiel sogar vorwurfsvoll das Wort «Nidwaldnerismus».

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Adolf Scheuber (kniend) mit Jagdkollegen 1898, ein Jahr vor dem Mord. (Bild: Christof Hirtler/Luis Zumbühl/Emil Weber/PD)

Adolf Scheuber (kniend) mit Jagdkollegen 1898, ein Jahr vor dem Mord. (Bild: Christof Hirtler/Luis Zumbühl/Emil Weber/PD)

Scheuberaffäre, das ist ein Mord. Am 14. Oktober 1899 hatte der Nidwaldner Zimmermann Adolf Scheuber aus Wolfenschiessen den Obwaldner Wildhüter Werner Durrer und dessen Sohn Joseph Durrer aus dem Melchtal erschossen. Unterwegs nach Stans zum Verhör springt Adolf Scheuber aus dem fahrenden Zug, der Polizist gleich hinterher, aber vergeblich. Adolf Scheuber wird nie mehr gefasst. Die letzte gesicherte Spur verliert sich 1901 in Montevideo, Uruguay. Verbissen verfolgen die Nidwaldner Behörden jeden noch so kleinen Hinweis, als wollten sie die Peinlichkeit wettmachen, dass ihnen der Mörder entwischt war.

Entsprechend empfindlich reagiert man in Nidwalden auf eine Bemerkung im «Obwaldner Volksfreund», Adolf Scheuber habe sich noch lange nach der Tat in Nidwalden versteckt. So kommt es zur gehässigen Debatte zwischen «Nidwaldner Volksblatt» und «Obwaldner Volksfreund» und zum Wort «Nidwaldnerismus». Das Wort ist 114 Jahre alt und erscheint 1901 in der Zeitung «Obwaldner Volksfreund»:

«Der ‹Obwaldner Volksfreund› hat sich bisan in der Scheuber­affäre solch weitgehender Reserve beflissen, dass diese ihm bereits den Vorwurf des ‹Nidwaldnerismus› eintrug. Wenns aber sein muss, können wir uns auch auf den obwaldnerischen Standpunkt stellen.»

Ein Zeitungsredaktor als Zeuge

Beide Seiten sprechen vom «obwaldnerischen» oder vom «nidwaldnerischen Standpunkt». Wer ist schuld oder mitschuldig am Mord? Hat vielleicht der ermordete Obwaldner Wildhüter die eidgenössischen Jagdgesetze zu streng gehandhabt? Haben vielleicht die Nidwaldner Behörden die Jagdgesetze nicht streng genug umgesetzt? Schliesslich beendet die Nidwaldner Regierung die Debatte. Sie stellt Obwalden ein Rechtshilfegesuch. Der Redaktor des «Obwaldner Volksfreunds» soll zu Adolf Scheubers Aufenthalt verhört werden.

Dieser Redaktor ist der Landschreiber des Kantons Obwalden. Und selbstverständlich weiss man in Nidwalden, dass nun die Obwaldner Regierung den eigenen Landschreiber verhören muss. Ein Telefonanruf nach Obwalden hätte es wohl auch getan. Noch 1976 wehrt man sich in einem sonst eher feierlichen Buch über die Gemeinde Kerns gegen Vorwürfe von «Nidwaldner Patrioten»: «Als 1899 die beiden Wildhüter (...) erschossen wurden, da mochten weniger differenzierte Geister glauben, das sei jetzt die Vergeltung für 1798.»

Viele bittere Vorwürfe

In der Geschichte Obwaldens und Nidwaldens findet man neben dem Franzosenüberfall 1798 oder der Scheuberaffäre weitere Episoden voll bitterer gegenseitiger Vorwürfe, 1815 beim Übergang Engelbergs von Nidwalden zu Obwalden, 1902 beim Fall Federer oder 2002 bei der gescheiterten Spitalfusion. Und immer wieder werden hüben und drüben die geläufigen Selbst- und Fremd­bilder hervorgekramt, Ob­waldner seien bedächtig, vernünftig und abwägend, Nidwaldner dagegen impulsiv, kreativ, aber auch unberechenbar, oder in Nidwalden seien die Frauen, in Obwalden die Männer schöner.

Sind «Nidwaldnerismus», «nidwalderischer» und «obwaldnerischer Standpunkt» in der «Scheuberaffäre» Belege für eine je eigene Obwaldner oder Nidwaldner Identität? Nein, man lebt in Nidwalden und Obwalden viel zu nahe beieinander, als dass man sich nicht persönlich kennt und bisweilen auch verliebt. Bester Beleg dafür sind die vielen Kindeskinder von Niklaus von Flüe, dem heiligen Bruder Klaus. Diese heiraten während Jahrhunderten hin und her von Obwalden nach Nidwalden und wieder zurück.

Versöhnung am Tatort

Gerade die Scheuberaffäre zeigt, dass sich Loyalität mit dem Mörder oder den Ermordeten nicht an Kantonsgrenzen hält. Die einzigen beiden Männer, die 1899 den Mord öffentlich befürworten, sind nicht Nidwaldner, sondern Obwaldner. In Nidwalden helfen zahlreiche Personen tatkräftig bei der Fahndung nach dem Flüchtigen und zeigen sich entsetzt, als man ihnen «Nidwaldnerismus» unterstellt. Schliesslich treffen sich hundert Jahre nach dem Mord einige Nidwaldner und Obwaldner beim Tatort (siehe Bild). Spontan schliessen sie Frieden und schreiben auf die Todesanzeige in der Alphütte auf der Gruobialp: «In Gedenken an das Ereignis vor hundert Jahren haben wir mit den Nidwaldnern uns versöhnt.»

*) Der Artikel ist eine gekürzte Version des Vortrags von Michael Blatter (42) an der Historischen Tagung in Stans Ende Juni. Der Engelberger wurde 2007 zum Stadtarchivar von Sursee gewählt. / Michael Blatter: Doppelmord auf der Gruobialp. Eine Wilderergeschichte zwischen Obwalden und Nidwalden, Kriens (Edition Magma), 2002.

Michael Blatter *)

Die Todesanzeige an der Hütte auf der Gruobialp mit der Ergänzung von 1999. (Bild: Christof Hirtler/Luis Zumbühl/Emil Weber/PD)

Die Todesanzeige an der Hütte auf der Gruobialp mit der Ergänzung von 1999. (Bild: Christof Hirtler/Luis Zumbühl/Emil Weber/PD)

Der Tatort Gruobialp. (Bild: Christof Hirtler/Luis Zumbühl/Emil Weber/PD)

Der Tatort Gruobialp. (Bild: Christof Hirtler/Luis Zumbühl/Emil Weber/PD)