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2280 Kilometer zu Fuss auf dem Jakobsweg: «Als würde ich mit den Füssen beten»

Ein ganz besonderes Erlebnis gönnte sich unser Mitarbeiter Kurt Liembd diesen Sommer. Er wurde sehr viel auf die lange Pilgerreise zu Fuss nach Spanien angesprochen und erzählt hier ganz persönlich, was in einem auf den 2280 oft einsamen Kilometern so vorgeht.
Kurt Liembd
Von oben: Blick auf die Stadt Leon. Auf dem Weg über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien. Viele malerische Landschaften prägen den Jakobsweg. Das Ziel ist erreicht: Die Kathedrale von Santiago de Compostela. Auch über unzählige Brücken wie hier in Cahors (Frankreich) führt der Weg die Pilgerer. (Bild: Bilder: Kurt Liembd)

Von oben: Blick auf die Stadt Leon. Auf dem Weg über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien. Viele malerische Landschaften prägen den Jakobsweg. Das Ziel ist erreicht: Die Kathedrale von Santiago de Compostela. Auch über unzählige Brücken wie hier in Cahors (Frankreich) führt der Weg die Pilgerer. (Bild: Bilder: Kurt Liembd)

Sie fragen sich, wie man dazu kommt, 2280 Kilometer bis nach Santiago zu pilgern? Die Antwort ist nicht so leicht. Man sagt ja, dass einen der Weg ruft. Dann ist der richtige Zeitpunkt gekommen und es braucht keine grosse Begründung und schon gar keine Rechtfertigung. So war es auch bei mir. Ich habe mir darüber während Jahren Gedanken gemacht und mich geistig und körperlich vorbereitet.

Da waren auch spirituelle und religiöse Überlegungen dabei. Pilgern ist weit mehr als wandern. Eine Reise zu sich selbst. Auf der Pilgerschaft gehört das Abschied-Nehmen. Täglich führt die Reise weiter und weiter. «Panta rhei» – alles fliesst, wie schon der griechische Philosoph Heraklit sagte. Pilgern ist aber auch ein Beitrag zur ganzheitlichen Gesundheit. Es hilft, den Kopf zu lüften und sich im wörtlichen Sinne neu zu erden. Ich bin zwar nicht sehr religiös, habe jedoch festgestellt, dass der Pilgerweg eine direkte und sinnlich religiös-spirituelle Erfahrung ermöglichen kann. Nicht umsonst wird Pilgern oft auch als «Beten mit den Füssen» oder «Beten mit dem ganzen Körper» bezeichnet.

Manchmal kam es mir wirklich vor, als würde ich auch mit den Füssen beten. Das Gesamterlebnis schafft einen neuen Bezug zu Gott, zur Natur und zur Schöpfung und kann den Horizont erweitern. Das tut Beten auch. Wer es ausprobieren will, soll die Wanderschuhe schnüren und losziehen. Er wird mit den Füssen beten. Ich bin überzeugt, dass sich damit manches Burn-Out vermeiden liesse.

Wandern, Pilgern, Wallfahren? Im Pilgern ist das Wandern inbegriffen, ich sage dem «Wandern Plus». Das «Plus» ist der spirituelle, religiöse Aspekt, der auch zur eigenen Mitte führt. Im Gegensatz zum Wallfahren ist beim Pilgern der Weg ebenso wichtig wie das Ziel, beim Wallfahren ist jedoch das Ziel meist wichtiger als der Weg.

Ausschlaggebend für das Unterfangen war vielleicht auch mein 60. Geburtstag während der Reise. Während andere dann einen Bildungsurlaub oder ein Sabbatjahr machen, habe ich mich für den Pilgerweg entschieden. Ganz wichtig war mir dabei die Entschleunigung, auch wenn das heute fast zum Modewort geworden ist. Aber der Inhalt ist aktueller denn je. In der Schnelllebigkeit entsteht die Sehnsucht nach Verlangsamung. Eine Pilgerreise ist natürliche Fortbewegung mit den eigenen Beinen, einfaches Essen und Wohnen, wenig Kleider. Diese Reduktion war für mich kein «Opfer», sondern lustvoller Gewinn im Leben. Andere machen dafür einen Survival-Kurs und zahlen noch viel dafür.

Da ich mich in den letzten Jahren körperlich gut vorbereitet habe, unter anderem mit vielen Bergmarathons und Langstreckenläufen, hatte ich gar keine Probleme. Natürlich habe ich unterwegs jeden Tag meine Füsse und Beine gepflegt. Selbstverständlich gibt es während so einer langen Reise auch mal eine Sinnkrise. Als ich tagelang durch verlassene Gegenden in Frankreich pilgerte oder durch die wüstenähnliche Meseta in Spanien, stellte ich mir die Sinnfrage schon mal. Das war aber nur von kurzer Dauer, und ich habe nie eine Sekunde mit dem Gedanken verloren, das Ganze abzubrechen. Nach guten Gesprächen mit andern Pilgern, einem erfrischenden Bad, gutem Essen und ein paar Gläsern Wein war meine Euphorie schnell wieder da.

Einer der prägendsten Eindrücke war der ganz andere Lebensstil. Eine Pilgerreise geschieht ohne jeden Luxus. Man wird sich bewusst, dass der Mensch nicht so viel zum Leben braucht, wie manche oft meinen. Zum andern die oft totale Ruhe auf dem Pilgerweg in einer Welt, die von Lärm, Geräuschen und Immissionen aller Art verseucht ist. Beeindruckt haben mich auch die vielen persönlichen Begegnungen mit Pilgern aus aller Welt und ebenso die wechselnden und unterschiedlichsten Landschaften.

Gefährliche oder unangenehme Momente habe ich nie erlebt, mich nie unsicher gefühlt. Als Pilger erlebt man sehr viel gelebte Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft in allen drei Ländern. Unangenehm war höchstens mal, wenn das Wasser ausging und es über viele Kilometer keine Wasserquelle gab. Oder dass ich nach Stunden Wandern nicht auf Anhieb eine Unterkunft fand und noch zwei Stunden und mehr suchen musste.

Geschlafen habe ich fast überall: In Pilgerherbergen, bei privaten Gastgebern, auf Bauernhöfen, in Gemeindeherbergen, Pensionen, Klöstern, Pfarrhäusern, auf Campingplätzen und einmal gar in einer Kirche – und das ganz legal. Gegen Schluss schlief ich das eine oder andere Mal auch mal in einfachen Hotels.

Ich will nicht für den Jakobsweg missionieren, denn dieser Weg ist etwas ganz Persönliches, das jeder selber spüren muss, wenn es Zeit ist. Man muss ja auch nicht den ganzen Weg am Stück machen, sondern kann einen Abschnitt von einigen hundert Kilometern auswählen. Die meisten Leute starten sowieso erst an der spanischen Grenze und nur die wenigsten von der Schweiz oder von Deutschland aus. Körperliche Grundkondition und Gesundheit sind aber schon Voraussetzung. Und übrigens: 1987 wurde der Jakobsweg vom Europarat zur europäischen Kulturroute erhoben und ausdrücklich empfohlen.

Weitere Pilgerpläne stehen derzeit in den Sternen. Ruft mich der Weg erneut, packe ich wieder meinen Rucksack und bin für ein paar Monate weg. Und der Weg wird rufen, da bin ich mir sicher, nur weiss ich noch nicht wann und wohin.

Meine Heimreise war dann auch besonders: In zwei Stunden mit dem Flugzeug von Santiago nach Genf, das empfand ich als ziemlich surreal. Nicht nur wegen des läppischen Preises von 120 Euro (die Umwelt lässt grüssen), sondern weil ich in zwei Stunden so weit kam, wie ich zuvor in drei Monaten gewandert bin. Die vorher erlebte Entschleunigung wurde zur Superbeschleunigung des 21. Jahrhunderts. Als ich Genf ausstieg, war alles irgendwie irreal. Während die Hinreise extrem «heavy» war, wurde die Rückreise in extremis «easy». Mein Körper war zwar in der Schweiz angekommen, aber mein Geist hing immer noch in Santiago. Aber anderntags war ich auch froh, dass ich nicht mehr im Mittelalter lebe, so dass mir die beschwerliche Rückreise zu Fuss erspart blieb.

Grüne Landesgrenze Schweiz/Frankreich ausserhalb Genfs. (Bilder Kurt Liembd)
Der Jakobsweg führt auch durch den Wallfahrtsort Le Puy-en-Velay. Im Hintergrund auf dem Felsen eine der Wallfahrtskirchen. (Bild PD)
Wegweiser am Jakobsweg in Frankreich.
In der trockenen spanischen Meseta (Hochebene). (Bild PD)
Malerische Landschaften prägen den Jakobsweg in Spanien.
Der Weg führt über unzählige Brücke wie hier in Cahors (Frankreich).
Ueber die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien. (Bild PD)
Morgenstimmung auf dem spanischen Jakobsweg.
Wenn der Jakobsweg eine Strasse quert, gibt es in Spanien spezielle Verkehrszeichen für Autofahrer.
Romantischer Anmarsch auf die Stadt Leon.
Am Jakobsweg über die Pyrenäen.
Uebernachtung bei Jesus.
Typischer Wegweiser für die Pilgerer.
Das Ziel der Anstrengung nach 2280 Kilometern: Die Pilgerurkunde vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. (Bild PD)
14 Bilder

Zu Fuss von Hergiswil nach Compostela

101 Tage lang auf Pilgerreise

Kurt Liembd in (Aubrac.

Kurt Liembd in (Aubrac.

Am 8. Juni 2018 startete unser freier Mitarbeiter Kurt Liembd (Bild, in der spanischen Meseta) seine Pilgerreise bei der Pfarrkirche Hergiswil. Nach 101 Tagen und 2280 Kilometern erreichte er am 16. September (Bettag) sein Ziel - die Kathedrale Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens. Die Pilgerroute führte am ersten Tag nach Flüeli-Ranft, danach über den Brünigpass und via Interlaken, Thun, Freiburg, Romont, Lausanne und Nyon bis nach Genf. Nach der Landesgrenze ging’s weiter über die französischen Voralpen, das Aubrac-Hochplateau und das Zentralmassiv quer durch Frankreichs unzählige Wallfahrtsorte bis zum bekannten Wallfahrtsort St. Jean-Pied-de-Port. Nach Überquerung der Pyrenäen, wo hoch oben die Landesgrenze zu Spanien liegt, führt der Jakobsweg weiter nach Pamplona, dann durch die spanische Meseta ins ferne Galicien. Von der Gesamtlänge befinden sich 320 Wegkilometer in der Schweiz (Hergiswil bis Landesgrenze bei Carouge), 1140 in Frankreich, 820 in Spanien. (mvr)

Viele Wege führen nach Compostela

Der spanisch «Camino de Santiago» genannte Pilgerweg führt zum angeblichen Grab von Apostel Jakobus in Santiago de Compostela, heute ein bekannter Wallfahrtsort im Nordwesten Spaniens. Die Grabstätte wurde bereits im Mittelalter neben Rom und Jerusalem eines der drei wichtigsten Pilgerziele. Pilgern ist jedoch nichts typisch Christliches. In allen Weltreligionen ist die Pilgerreise eine besondere Beziehungspflege zwischen Gott und Menschen. Da die Tradition des Pilgerns in jeder Religion etwas anders aussieht, gibt es nicht die eine Entstehungsgeschichte davon. Jedoch ist Pilgern etwas Uraltes. Bereits Abraham, der Vater der drei Religionen Islam, Judentum und Christentum, hat es laut Bibel vorgemacht.

Der Jakobsweg ist in Europa ein ganzes Wegesystem. Verschiedene Routen führen aus Nord- und Osteuropa nach Spanien. Der bekannteste meist begangene Weg ist der Camino Francés vom französischen Städtchen St. Jean-Pied-de-Port nach Santiago. In der Schweiz führt der Jakobsweg von Konstanz oder Rorschach via Einsiedeln quer durch die Schweiz bis nach Genf.

Zwei Sachen sind auch für moderne Pilger wichtig: Jakobsmuscheln und Pilgerpass. Seit dem Mittelalter gilt die Jakobsmuschel als Symbol für Pilger und den Jakobsweg schlechthin. Sie wurde aber wohl schon in vorchristlicher Zeit als Schutzsymbol verwendet. Der Pilgerpass hat drei Zwecke – Sammeln von Stempeln (eine Art Souvenir), für die Unterkunft in Pilgerherbergen und zur Erlangung der Pilgerurkunde in Santiago. (KL)

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