40-jähriges Lehnenviadukt bei Beckenried: «Unser grösster Feind ist der Kalk»

Das Lehnenviadukt gilt als technisches Meisterstück. Experten gewährten Einblicke in dieses imposante Bauwerk. Und sie verraten, welche kuriosen Funde unter dem Viadukt gemacht werden.

Urs Hanhart
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«Seelisbergtunnel und Lehnenviadukt sind heute nicht mehr wegzudenken. Rund 20000 Fahrzeuge passieren sie jeden Tag, darunter auch viele Lastwagen.» Dies sagt Diego Tschuppert, Bereichsleiter Projektmanagement Süd beim Bundesamt für Strassen (Astra). Wir befinden uns in der Nähe der Autobahnausfahrt Beckenried Süd. Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Lehnenviadukts lud der Kulturverein Ermitage am Mittwoch zu einer Begehung des gigantischen Betonkolosses ein. Rund drei Dutzend Interessierte nahmen daran teil.

Diego Tschuppert vom Bundesamt für Strassen erklärt Gästen das Lehnenviadukt.

Diego Tschuppert vom Bundesamt für Strassen erklärt Gästen das Lehnenviadukt.

Bild: Urs Hanhart (Beckenried, 23. September 2020)

Essenziell für die weitere Nutzung des Viadukts sei die Überwachung und Sicherung des Rutschhanges, erklärt Tschuppert vor Ort. Der Hang sei permanent in Bewegung, zurückzuführen auf die geologischen und hydrogeologischen Gegebenheiten im Gebiet. «Das stetige Rutschen befördert kontinuierlich Material aus den relativ flachen Gebieten Hartmanix, Bärligs und Isenberg gegen die Geländekante am Übergang zu den steileren Partien von Eggen, Wilwald und Ischenwald. «Dadurch steigt die Gefahr von Rutschungen und Murgängen jährlich, vor allem in sehr regenreichen und nassen Zeiten wie etwa der Schneeschmelze im Frühjahr», so Tschuppert. Der Hang selbst bewege sich mit einer Geschwindigkeit von zwei bis vier Zentimeter pro Jahr. Lokal gebe es grosse Unterschiede.

Viadukt ist in gutem Zustand

Der Astra-Vertreter weist darauf hin, dass der Entwässerungsstollen, die Drainagerohre und auch das Viadukt selbst regelmässig untersucht würden. Er unterstreicht: «Aktuell weist das Gesamtbauwerk unbedeutende Schäden auf.» Sanierungsbedürftig seien der Deckbelag und die Leitschranken. Der Entwässerungsstollen funktioniere nach wie vor gut. «Die nächsten Sanierungen sind für 2023/24 geplant. Zu diesem Zeitpunkt werden Arbeiten am Belag und der Brüstung als Überbrückungsmassnahmen durchgeführt.» Etwa 2035 sollen dann sowohl der Seelisbergtunnel als auch das Viadukt umfassend saniert werden.

Martin Gut, ehemaliger Kantonsingenieur von Nidwalden, erläutert die innovativen Bautechniken, die bei diesem Projekt zur Anwendung gelangten. Ursprünglich wurden drei verschiedene Variante geprüft. Die erste umfasste eine konventionelle Strassenführung mit Dämmen. Als zweite Variante kam eine Tunnellösung aufs Tapet. Letztlich entschieden sich die Verantwortlichen jedoch für eine vollständige Überbrückung des ganzen instabilen Hangbereichs. Die Dimensionen des zwischen 1976 bis 1980 erbauten Lehnenviadukts sind eindrücklich. Dessen Gesamtlänge beläuft sich auf 3150 Meter, womit es die zweitlängste Autobahnbrücke der Schweiz ist. Die Pfeiler aus Stahlbeton, von denen es insgesamt 58 Stück gibt, sind in bis zu 70 Meter tiefen Schächten verankert. Genau genommen handelt es sich um fünf aneinander gereihte Brücken, die durch Fahrbahnübergänge getrennt sind.

Die Kosten fielen bei diesem Mammutprojekt aus dem Rahmen. Der ursprüngliche Voranschlag von 65 Millionen Franken wurde mit effektiven Kosten von 122 Millionen um beinahe das Doppelte überschritten. Dazu erklärt Gut: «Ein Grossteil der Kostenüberschreitung ist auf die schwierige Geologie zurückzuführen. Zudem herrschte während der Bauzeit eine grosse Teuerung.» Zur Bedeutung des Lehnenviadukts sagt er: «Ingenieurtechnisch ist es ein sehr schönes Werk. In Beckenried selber sind die Meinungen gespalten. Ein Teil würde das Viadukt lieber wieder weg haben, weil es das Dorf spaltet. Der andere Teil hingegen findet die Brücke wunderbar.»

Schusswaffen und Tresore gefunden

Für den Unterhalt des Bereichs unterhalb des Lehnenviadukts ist das Strasseninspektorat Nidwalden zuständig. Zu dessen Aufgaben gehören unter anderem die Grünpflege, das Ausholzen von Bachbetten und Werkstrassen sowie das Reinigen von Schächten.

«Unser grösster Feind ist der Kalk. Es ist teilweise extrem aufwendig, diesen zu entfernen», sagt Ernst Niederberger, und zeigt zur Illustration dicke Kalkbrocken. Bei den Reinigungsarbeiten kommt immer wieder etwas Kurioses zum Vorschein. Einmal fanden Niederberger und sein Kollege unter dem Viadukt einen Plastiksack mit einem Revolver und einer Pistole. Ein anderes Mal stiessen sie sogar auf zwei Tresore, die dort entsorgt worden sind. Es stellte sich heraus, dass diese in Giswil entwendet worden waren.