Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ALPNACH: «Wir wollen doch keinen Ärger haben»

Am Dienstag sind die ersten 22 Asylbewerber in Alpnach angekommen. Die Anlage stösst – trotz hoher Umzäunung – auf Anklang.
Adrian Venetz
Ein junger Mann erkundet das neue Zentrum. (Bild: Corinne Glanzmann)

Ein junger Mann erkundet das neue Zentrum. (Bild: Corinne Glanzmann)

Kurz nach dem Mittag spielen bereits einige Kinder Fussball auf dem Kiesplatz der Asylunterkunft in Alpnach. Junge Männer sitzen auf den Treppenstufen, blinzeln in die Sonne, andere erkunden neugierig ihre neue Bleibe auf Zeit. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Rund drei Stunden zuvor, bei ihrer Ankunft, haben die Neuankömmlinge aus den fernen Ländern wohl nicht schlecht gestaunt über die vielen Kameras und Mikrofone, die ausserhalb des Zauns vor ihrer neuen Unterkunft postiert wurden.

Neun Kinder mit dabei

In einem Bus wurden gestern die ersten 22 Asylbewerber, darunter 9 Kinder, von Chiasso nach Alpnach gefahren. Weitere folgen voraussichtlich am Donnerstag. Nachdem der Medientross gestern Nachmittag etwas kleiner geworden war, legten einige Asylbewerber ihre anfängliche Scheu ab und kamen zum Zaun, um mit Journalisten zu sprechen. Erst heute Mittwoch dürfen sie die Unterkunft verlassen. Am Tag der Ankunft war dies noch nicht erlaubt.

Er stamme aus Nigeria, sagt ein 31-jähriger Mann und nimmt dankbar eine Zigarette durch den Zaun entgegen. Ob er weiss, dass nicht alle Einwohner dieses Dorfes erfreut sind über die neuen Gäste? «Warum?», fragt er auf Englisch. «Wir kommen in Frieden, wir wollen doch keinen Ärger haben.»

Idyllische Lage am Bach

Auf die Frage, ob ihnen die Unterkunft gefalle, nicken drei Männer aus Pakistan aus einigen Metern Entfernung. Sie lachen, strecken den Daumen in die Höhe. Auch einige Medienvertreter, die gestern zum ersten Mal in Alpnach waren, zeigten sich erstaunt über die schöne Lage des Asylzentrums. Der Platz ist von vielen Bäumen und Sträuchern umgeben, die Asylbewerber können die Kleine Schliere, die mitten durchs Zentrum fliesst, auf einem kleinen Steg überqueren. Er habe sich zwar noch nicht ausgiebig umsehen können, sagt ein 24-jähriger Mann aus Afghanistan, aber ja, der Ort gefalle ihm wirklich gut.

Einzig die Gitter, die das Asylzentrum umgeben, passen nicht so recht ins Bild. Das sei aber «no problem», bekräftigt der junge Mann. «Alles hier ist besser als Afghanistan.» Der Mann spricht überraschend gut englisch. Darauf angesprochen, erklärt er, dass er sechs Jahre in Grossbritannien gelebt habe. Danach aber sei er plötzlich wieder zurück nach Afghanistan geschickt worden. Über seine Reise Richtung Schweizer Grenze möchte er nicht sprechen. Es sei «sehr kompliziert» gewesen – und teilweise auch gefährlich, erzählt er.

Keine Proteste erwartet

Proteste von unzufriedenen Asylbewerbern – wie kürzlich in Solothurn – sind in Alpnach offensichtlich kaum zu erwarten. Es handle sich, im Gegensatz zur Unterkunft in Solothurn, um eine oberirdische Anlage, sagt Gaby Szöllösy, Kommunikationschefin des Bundesamts für Migration (BFM). «Die Anlage in Alpnach ist infrastrukturell gut eingerichtet.»

Vor Ort waren gestern nicht nur Medienvertreter aus der Schweiz. Auch die Journalistin einer renommierten britischen Tageszeitung war in Alpnach. Weshalb das Interesse an dieser Asylunterkunft? Die Asyldebatte in der Schweiz sei durchaus auch im Ausland ein Thema, sagt sie. Allerdings stehe die Schweiz in einem nicht allzu guten Licht da. Besonders das Thema Sperrzonen habe für Stirnrunzeln gesorgt. «Das alles ist schon etwas – wie soll man sagen – grenzwertig», so die Journalistin im Gespräch mit unserer Zeitung. Wenn man im Ausland über die Asylpolitik in der Schweiz spreche, falle auch immer wieder der Begriff Apartheid.

Den Medien war es gestern strikt verboten, das Gelände der Asylunterkunft zu betreten. Auch Bildaufnahmen durften nur mit ausdrücklicher Genehmigung der fotografierten oder gefilmten Personen gemacht werden. «Teilweise sind dies wirklich gefährdete und verfolgte Leute», sagte Gaby Szöllösy. Auch Gemeindepräsidentin Kathrin Dönni war gestern vor Ort, als der Bus mit den Asylbewerbern eintraf. «Ich hoffe, dass sich die Wogen nun glätten», sagte sie. In einer gestern publizierten Mitteilung zeigte sich die Gemeinde enttäuscht darüber, dass die neue Vereinbarung und weitere Dokumente vorgängig direkt den Medien zugespielt wurden. «Diese Vorgehensweise hat zu Unklarheiten und Fehlinterpretationen geführt.»

Die Essenslieferung von täglich zwei Mahlzeiten übernimmt das Restaurant Rose in Schoried. Für die Einkäufe für den täglichen Bedarf hat das BFM mit der Lebensmittel Erne AG (Treffpunkt) eine Vereinbarung abgeschlossen.

Nur Schulareal sensible Zone

Das Bundesamt für Migration reagierte gestern mit einer Mitteilung auf «Häufig gestellte Fragen». Ein paar Auszüge:

Welche Regeln gelten nun für Asylbewerber, wenn sie die Schul- und Sportanlagen, speziell auch eine öffentliche Badi, besuchen wollen?
Es gibt weder in Bremgarten noch an einem anderen Ort in der Schweiz ein Verbot, ein öffentlich zugängliches Frei- oder Hallenbad zu besuchen. Wenn einzelne Asylsuchende in Alpnach Schul- und Sportanlagen benutzen wollen, können sie das spontan und ohne Anmeldung tun. Grössere Gruppen sind gehalten, sich vorher mit der Zentrumsleitung zu melden. Diese wiederum spricht sich mit der Gemeinde ab.

Werden die sensiblen Zonen faktisch aufgehoben – wie die SVP schreibt?
Nein. Als sensible Zonen sind die Schul- und Sportanlagen definiert. Nur die Nutzung dieser Anlagen durch Asylsuchende soll wochentags aus organisatorischen Gründen mit der Gemeinde abgesprochen werden. Ein für Asylsuchende geltendes Betretungsverbot ist damit jedoch nicht verbunden.

Werden der Bund und der Gemeinderat wortbrüchig gegenüber der Bevölkerung und der Begleitgruppe?
Nein. Die Nutzung der Schul- und Sportanlagen ist wie oben beschrieben geregelt. Die Nutzung aller anderen öffentlichen Orte oder privaten Räume richtet sich nach den einschlägigen Gesetzesbestimmungen und besonderen Reglementen. Das gilt für alle Personen, ob Einheimische oder Asylsuchende. Die privaten Räume waren in der ersten Version der Vereinbarung lediglich «pro memoria» aufgeführt.

Hat man die Bevölkerung an der Infoveranstaltung irregeführt?
Nein. Es war immer klar, dass es keine «Sperrzonen» gibt und dass der Bund das Betreten der in der früheren Vereinbarung erwähnten Zonen nicht sanktionieren kann. Sanktionen kann ein Privateigentümer per Anzeige bewirken, wenn sein Grundstück ohne seine Einwilligung betreten wurde. Wichtig ist die Umsetzung des ganzen Konzepts. Das umfassende Sicherheitskonzept mit der Hotline (079 782 41 80) rund um die Uhr und den Patrouillendiensten gewährleistet, dass rasch auf allfällige Probleme reagiert werden kann.

Offenbar gab es Vandalenakte. Was genau haben diese kurz vor der Eröffnung der Unterkunft angerichtet?
Unbekannte sind in die Anlage eingedrungen und haben Sprayinschriften angebracht, dies auch auf der Zufahrtsstrasse. Die Polizei untersucht den Vorfall. Zurzeit ist in Abklärung, ob der Bund eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch einreicht. Es gab keine Beschädigungen, die eine Belegung der Anlage behindern konnten.

Wer untertaucht, vergibt Chance

Die Erfahrungen in den beiden Asylzentren Realp und Nottwil sind grösstenteils positiv. Seit 19. Juni ist die Asylunterkunft Schweig in Realp in Betrieb. Zurzeit halten sich darin 50 Männer auf. Bis zu 100 Personen würden maximal in die Anlage passen. Die Asylsuchenden bleiben allerdings nur für wenige Wochen, wodurch sich die Bewohner immer wieder durchmischen.

Chance auf Asyl vertan

Insgesamt waren bereits 114 Personen in Realp untergebracht. 13 davon sind untergetaucht. Rund 10 Prozent, eine Quote, die laut Michael Glauser, Sprecher des Bundesamts für Migration (BFM), normal ist. «Die Personen sind in der Unterkunft nicht gefangen. Wenn sie nach einem Wochenendaufenthalt nicht mehr zurückkommen, heisst das, dass sie weitergezogen sind», sagte er am Samstag gegenüber unserer Zeitung. Die Chancen auf Asyl in der Schweiz seien damit aber dahin.

Ohne Securitas ginge es nicht

Die Asylbewerber in Realp leisten diverse Arbeitseinsätze. Etwa bei der Anlegung von Wanderwegen im Furkagebiet oder bei der Behebung von Winterschäden. Der Realper Gemeindepräsident Armand Simmen zieht ein durchwegs positives Fazit: «Im Prinzip merkt man im Dorf unten nichts von der Asylunterkunft.» Es fühle sich niemand bedroht, sagt er gegenüber unserer Zeitung auf Anfrage. Gut sei aber, dass die Securitas präsent ist. Ohne sie würde es nicht gehen.
Auch in der Asylunterkunft Nottwil sind einige Bewohner untergetaucht. Rund 10 Prozent der untergebrachten Personen haben die Asylunterkunft selbstständig verlassen. Es handelte sich laut dem Bundesamt für Migration meist um solche, die mit einem negativen Entscheid rechnen mussten und deshalb die Weiterreise in ein anderes Land antraten. Das Zentrum Nottwil wurde Mitte Juli geschlossen. 457 Personen lebten in den sechs Monaten in der unterirdischen Unterkunft, die früher ein Militärspital war.

8271 Arbeitsstunden geleistet

Die Gemeinde Nottwil, welche das Asylzentrum eng begleitete, zog ein mehrheitlich positives Fazit. «Es war eine sehr intensive Zeit», zog Gemeindepräsident Walter Steffen nach der Schliessung ein Fazit. Die Zusammenarbeit mit allen involvierten Stellen sei konstruktiv und gut verlaufen. Als Beschäftigungsmöglichkeit versuchte man, gemeinnützige Arbeitseinsätze zu vermitteln.
Mit Erfolg. Insgesamt wurden 259 verschiedene Arbeitseinsätze mit 8271 Arbeitsstunden in elf Gemeinden geleistet. Dazu gehörte die Pflege von Wanderwegen und Seeufern oder das Streichen von Bänken. Die Asylsuchenden hätten bei Arbeitseinsätzen auch zu einem positiveren Bild beigetragen.

Konflikte und ein Einbruch

Allerdings gab es auch negative Erfahrungen. Neben mehreren Konflikten in der Asylunterkunft, die durch die Polizei aufgelöst werden mussten, war es vor allem ein Einbruch Mitte April, der Schlagzeilen machte. Laut dem Gemeindepräsidenten blieb dies der einzige gröbere Zwischenfall in den sechs Monaten. Sonst waren es vorwiegend Lärmbeschwerden über zu laute Gespräche oder der Konsum von Bier vor den örtlichen Denner- und Spar-Filialen. Als Gegenmassnahme wurde ein weiterer Container bei der Militärunterkunft errichtet und ein Haus mit Internetanschluss zugemietet, in dem sich die Bewohner aufhalten konnten.
Roger Rüegger

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.