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Am Sonntag schwingen sie in Oberdorf - wo der Sport seinen Anfang hat

Wer hat es erfunden? Diese aus der Werbung bekannte Frage könnte wohl nicht jeder auf Anhieb beantworten, wenn es ums Schwingen geht. Unser Autor hat den Anfängen des Sports bis vor Christus nachgespürt.
Eugen Dornbierer *)
Schlussgang am Kantonalen Schwingfest Ob- und Nidwalden 2018 in Kägiswil: Der spätere Festsieger Andi Imhof aus Attinghausen (weisses Leibchen) greift mit Sven Schurtenberger aus Buttisholz zusammen. (Bild: Pius Amrein (11. Mai 2018))

Schlussgang am Kantonalen Schwingfest Ob- und Nidwalden 2018 in Kägiswil: Der spätere Festsieger Andi Imhof aus Attinghausen (weisses Leibchen) greift mit Sven Schurtenberger aus Buttisholz zusammen. (Bild: Pius Amrein (11. Mai 2018))

Auf der Suche nach dem «Urknall» des Schwingens sind weite Wege zu gehen. Lange bevor die Menschen den Planeten Erde bewohnten, lebten auf diesem die Tiere. Jungtiere spielen, balgen und jagen sich. Sie üben den «Ernstkampf», um auf der freien Wildbahn überleben zu können. Vorstellbar, dass die Evolution der Menschheit Spuren von tierischen Verhaltensweisen vererbt hat. Sind die drolligen Kampf- und Raufspielchen kleiner Kinder nicht ähnlich jener der Hauskätzchen? Intuitives sich Stossen, Ziehen, Halten und Quietschen dienen allerdings schon seit sehr langer Zeit nicht mehr dem Kampf ums Dasein. Überlebt hat indessen der Spieltrieb. Sind in diesem etwa die Wurzeln des Schwingens zu finden?

Die Spur zu den Wurzeln des körperlichen Zweikampfs führt tief in die Vergangenheit, zurück zu den Assyrern in die Jahre 3500 bis 1200 vor Christus. Über das Land am mittleren Tigris, dem heutigen Irak, schrieb Karl May in seinem Buch «Durch das wilde Kurdistan» abenteuerliche Geschichten. Vielleicht wusste er auch, dass die Assyrer tüchtige Krieger waren und hohe kulturelle Leistungen vollbrachten.

Die Assyrer pflegten kultisch- rituelle Formen der Lebensertüchtigung – beispielsweise Ringen mit Lendengürtel, vergleichbar mit unserem Schwingen. Den Sinn sahen sie in der Erziehung zur Wehrbereitschaft und in der körperlichen Widerstandsfähigkeit. Mit den gewonnen Erkenntnissen aus der Epoche der Assyrer kann die Fahndung nach den Wurzeln des Schwingens nicht abgebrochen werden. Die aufgedeckten Hinweise entbehren jeglicher Beweise. Schritt um Schritt, wie damals Karl Mays Romanhelden Kara Ben Nemsi, Halef und der spleenige Sir David Lindsay, muss die Reise durch den Orient fortgesetzt werden.

Wurzeln finden sich in Ägypten

Beweise für einen dem Schwingen ähnlichen Zweikampf fand man bei den Ägyptern 2100-2000 vor Christus. Auf Grund von Fresken und Wandmalereien weiss man einiges über den Sport der Ägypter. Die Sportart, die am häufigsten dargestellt wird, handelt von verschiedenen Formen des Zweikampfes. Zu sehen gibt es zwei Ringer mit 122 verschiedenen Stellungen und Griffen. Um die Strategie und Gegenstrategie der beiden Kämpfer hervorzuheben, ist der eine in einem dunkleren, der andere in einem helleren Rotbraun gemalt. Ein Fresko, vermutlich etwa 600 Jahre später entstanden, zeigt, dass der Zweikampf sehr hoch angesehen war und gar beruflich ausgeübt wurde.

Zurück in der Schweiz. Wann und in welchem Zusammenhang Schwingen erstmals erwähnt wurde, bleibt offen. Erste Darstellungen gehen aufs 13. Jahrhundert zurück. Forscher wollen in der Kathedrale Lausanne in einer Bildgalerie im Querhaus Abbildungen schwingender Figuren erkannt haben. Die typische Art, Griff zu fassen, würde auf die Form des Zweikampfes, heute Schwingen genannt, hinweisen.

Auf der Alp lieber trainiert als gearbeitet

Geschwungen wurde damals vermutlich an Hirten- und Wirtshausfesten. Im Alpenraum, in Uri, Schwyz und Unterwalden, gehörte der Hosenlupf zum festen Bestandteil der Festkultur. Es sind Beispiele überliefert, dass besonders gefürchtete Schwinger die Zeit auf der Alp nicht in erster Linie für die Arbeit, sondern für die Entwicklung ihrer Kraft und Behändigkeit zu nutzen wussten.

Vermutungen, Deutungen und Sagen rund um die Entstehungsgeschichte des Schwingens weichen 1805 mit dem ersten «Unspunnen-Schwinget». Hans Stähli aus Schwanden bei Brienz wird erster Sieger. 1808 verlässt Peter Brog, Oberhasli, das zweite Alphirtenfest zu Unspunnen als «König». Danach ruhte, was euphorisch begann! Das schlechte Verhältnis zwischen Stadt und Land führte zu einer langen Pause des Festes (1808 bis 1905), das Land- und Stadtbevölkerung hätte vereinigen sollen.

Der Ausfall des «Unspunnen-Schwinget» vermochte die Entwicklung des Schwingens nicht aufzuhalten. Im Gegenteil. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts brachten denkwürdige Schwingfeste und Turnpädagogen das Schwingen auch in die grossen Städte. Aus dem ursprünglichen Spiel der Hirten und Bauern wurde ein Nationalsport, der alle Schichten umfasste. Die Verbände, allen voran der Eidgenössische Schwingerverband, gegründet 1895, organisierten ihren Sport, indem sie regionale Eigenarten integrierten, mit Lehrbüchern und Trainingsstunden das Niveau hoben und zeitgemässe Wettkampfregeln schufen.

Am Sonntag findet in Oberdorf das 115. Ob- und Nidwaldner Kantonalschwingfest statt.

*) Den Text hat Eugen Dornbierer, alt Gemeinderat, Wolfenschiessen, in Zusammenhang mit seinem Buchprojekt «Entwicklung des Sports im Saanenland von 1896 bis 2012» geschrieben. Er stützte sich auf die Bücher «Olympia», Römer Verlag Stuttgart, 1971, sowie «Unspunnen. Die Geschichte der Alphirtenfeste», Rudolf Gallati und Christoph Wyss, Verlag Schlaefli, Interlaken, 1993.

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