Anja rettet die Welt, Teil 2

Christian Hug macht sich in seinem «Ich meinti» Gedanken über die Geschichte der Influencerin Anja Zeidler.

Christian Hug
Drucken
Teilen
Christian Hug. (Bild: PD)

Christian Hug. (Bild: PD)

Falls Sie nicht wissen, was ein Influencer ist: Das sind rasend selbstverliebte Frauen und Männer, die im Internet mit Selfies irgendwelche Produkte bewerben. Egal was, Hauptsache, sie kriegen dafür ein Entgelt von der Firma, die ihnen diese Produkte schenkt. Da stellt sich zum Beispiel eine junge Frau in einem bemerkenswert knappen Bikini vor den Buchsbaum im Garten, lächelt selbstverliebt in die Handykamera, und neben ihr steht völlig zusammenhangslos ein Sack Hundefutter. Ach ja: Influencer sind von Beruf immer alles gleichzeitig: DJ, Schauspielerin, Moderatorin, Autorin, Ernährungsberaterin, Filmerin, Fotografin und überhaupt.

Meine Lieblings-Influencerin ist Anja Zeidler. Die Luzernerin hat auf ihrem Blog jahrelang Filmli veröffentlicht, in denen sie in sehr wenig Bekleidung sehr nützliche Fitnesstipps abgegeben hat. Zum Beispiel, dass man in den Ferien in Mallorca die Hauskatze in die Luft stemmen kann, wenn man die Hanteln fürs Krafttraining zu Hause vergessen hat. Ansonsten sei der neue Thermomix sehr zu empfehlen. Das finden Sie absurd? Es kommt noch besser!

Anja Zeidler hat, weil sie so erfolgreich war, ihren Busen vergrössern lassen und jede Menge Steroide geschluckt. Weil, wenn man berühmt ist, muss man ja auch gut aussehen. Dann ging sie nach Hollywood. Dort kannte sie aber niemand, drum kam sie wieder in die Schweiz. Und war so enttäuscht von ihrem Misserfolg, dass sie sich das Silikon wieder aus der Brust hat entfernen lassen, mit den Steroiden aufgehört hat und zur bahnbrechenden Erkenntnis gelangt ist: Man muss imfall gar nicht immer sich selber unter Druck setzen, um Leuten zu gefallen, die man nicht kennt. Man kann imfall auch ganz unaufgeregt und bescheiden leben. Das nenn ich mal eine ordentliche Erleuchtung.

Dummerweise macht Anja Zeidler mit dieser Erkenntnis genau dasselbe wie bisher mit dem Silikonbusen: Sie posaunt in die Welt hinaus, dass nur sie weiss, wie die Welt wirklich funktioniert. Und dass sie natürlich schön ist. Neu ist, dass sie soziale Medien total doof findet. Das posaunt sie aber ausgerechnet auf den sozialen Medien rum. Und sie verkauft jetzt auf ihrer Internetseite Simsalabim-Schlankmacher-Shakes. Die heissen tatsächlich so. Das finden Sie absurd? Es kommt noch viel besser!

Anja Zeidler hat über ihren Weg zum bescheidenen Leben ein Buch geschrieben, mit vielen Selfiebildern. Weil ja jetzt jeder und jede mit dem eigenen Erweckungserlebnis den Rest der Welt erwecken will. In diesem Buch gibt die Gute Tipps, wie man von falscher Selbstliebe zu echter Selbstliebe findet. Ihr allerwichtigster Rat, und das meint sie wirklich ernst, geht so: Sei einfach du selbst. Danke, Anja, für diese Lebenshilfe. Echt.

Was mich aber am Ende wirklich beschäftigt, ist die Frage, um wen ich mir mehr Sorgen machen muss: Um Anja oder um ihre 312'259 Follower, die jetzt auch so ein bescheidenes Leben führen wollen wie Anja.

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.